KlimaneutralitätEmissionen im Finanzsektor deutlich höher als angegeben

City of London bei Nacht
Die OECD geht davon aus, dass finanzierte Emissionen bisher im Finanzsektor deutlich zu niedrig angegeben wurden (Bild: Julia Broich).

Der Finanzsektor spielt eine entscheidende Rolle bei der Dekarbonisierung, doch zwischen Ziel und Realität klaffen große Lücken. Die OECD geht davon aus, dass finanzierte Emissionen bisher deutlich zu niedrig angegeben wurden.

19.02.2026 – Banken, Versicherer und Vermögensverwalter spielen eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel. Sie finanzieren Unternehmen, Infrastruktur, Immobilien – und damit indirekt auch enorme Mengen an Treibhausgasen. Ein aktueller OECD-Bericht zeigt, dass die Klimaauswirkungen des Finanzsektors wohl deutlich unterschätzt werden. Die Branche bekennt sich zwar langsam, aber zunehmend zu Netto-Null-Zielen, doch bei Datenqualität, Transparenz und Umsetzung klaffen große Lücken.

Unsichtbare Emissionen

Die finanzierten Emissionen – also jene Treibhausgase, die durch Kredite, Investitionen und Beteiligungen verursacht werden, werden auch Scope-3-Emissionen genannt. 2024 berichteten weltweit lediglich 19 Prozent der börsennotierten Finanzinstitute über ihre Scope-3-Emissionen. Werden jedoch Schätzungen externer Datenanbieter einbezogen, steigt die Datenabdeckung auf 57 Prozent. Ein Vergleich deutet darauf hin, dass die tatsächlichen Emissionen des Sektors bis zu achtmal höher sein könnten als offiziell gemeldet. Ein erheblicher Teil der Klimaauswirkungen des Finanzsystems blieb also bislang im Dunkeln.

Lücke zwischen Anspruch und Umsetzungsstrategie

Selbst dort, wo Emissionen ausgewiesen werden, fehlt oft unabhängige Überprüfung. Im Durchschnitt lassen nur etwa ein Drittel der Institute mit Emissionsangaben diese extern prüfen. Versicherungen schneiden dabei etwas besser ab. In Europa und im asiatisch-pazifischen Raum außerhalb der USA nutzten über die Hälfte der Institute eine Drittprüfung.

Noch ambitionierter erscheinen die Selbstverpflichtungen: 908 börsennotierte Finanzinstitute haben Emissionsminderungsziele formuliert, 78 Prozent davon sogar mit Net-Zero-Bekenntnis. Doch bei genauerem Hinsehen relativiert sich der Eindruck.

Nur 27 Prozent der Institute mit Klimazielen beziehen Scope-3-Emissionen explizit ein und lediglich 41 Prozent orientieren sich an wissenschaftsbasierten Zielpfaden. Dabei verfügen lediglich acht Prozent über einen konkreten, veröffentlichten Transformationsplan, der beschreibt, wie das Netto-Null-Ziel tatsächlich erreicht werden soll.

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Finanzinstitute streben jährlich vier Prozent weniger Emissionen an

Im Durchschnitt streben Finanzinstitute weltweit eine jährliche Emissionsreduktion von vier Prozent an. Doch nur 55 Prozent der gemeldeten Emissionen sind tatsächlich durch diese Ziele abgedeckt. Europa liegt mit 65 Prozent an der Spitze, gefolgt von den USA mit 61 Prozent. Allerdings verfehlten 65 Prozent der Finanzinstitute 2024 ihre selbst gesetzten Ziele ganz oder teilweise. Nur 35 Prozent konnten ihre Reduktionsvorgaben erfüllen.

Dabei fehlen häufig grundlegende Informationen. Baseline-Jahre, Ausgangsemissionen oder genaue Zieldefinitionen sind oft nicht vollständig offengelegt. Für Investoren wird es dadurch schwierig, Fortschritte objektiv zu vergleichen.

Mehr Transparenz, bitte

Solange wesentliche Emissionen unvollständig erfasst, Ziele unzureichend definiert und Fortschritte nicht unabhängig geprüft werden, bleibt das Net-Zero-Versprechen fragil.

Die OECD plädiert für klarere, vergleichbare und verpflichtende Kennzahlen. Im Zentrum stehen wenige, aber essenzielle Informationen: historische Emissionen, Reduktionsraten, Zieljahre, Baseline-Daten und der Anteil der Emissionen, die von Zielen erfasst werden.

Zudem empfiehlt die Studie verpflichtende externe Prüfungen zentraler Klimadaten, digitale Offenlegungsstandards, einen systematischen Abgleich zwischen gemeldeten und geschätzten Emissionen sowie verbindliche Net-Zero-Transformationspläne für alle Finanzinstitute. jb

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