Klimaneutralitätspläne für 2030Europäische Städte setzen teilweise auf CO₂-Entnahme zur Emissionsminderung

Skulptur eines Menschen in Denkerpose aus Schrottmaterialen vor einer Hafenanlage und einem großen Gebäude mit qualmendem Schornstein
Die Stadt Kopenhagen ist für ihren Radverkehr bekannt und spart hier eine Menge CO2-Emissionen. Bei der Energieversorgung sieht die CO2-Bilanz nicht so gut aus: Die Müllverbrennungsanlage CopenHill verbrennt jährlich rund 400.000 Tonnen nicht recycelbaren Abfall und ist ein wichtiger Teil der urbanen Wärmeversorgung. (Foto: Razvan Mirel on Unsplash)

103 Städte in Europa planen laut einer Analyse der Klimaneutralitätspläne für 2030, etwa ein Fünftel ihrer Emissionen durch CO₂-Entnahme auszugleichen. Dafür müssten die Städte rund 61 Mio. Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernen – Umsetzung unklar.

19.08.2026 – Die vor kurzem in Nature Climate Change veröffentlichte Studie unter Leitung der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission und mit Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, verdeutlicht: Der Großteil der verbleibenden städtischen Emissionen entfällt auf Energie und Verkehr – im Median 50 beziehungsweise 31 Prozent –, obwohl Emissionen in beiden Sektoren als vergleichsweise gut vermeidbar gelten. Dies weckt laut den Autorinnen und Autoren Zweifel an der Wirksamkeit der Strategien. Sie weisen darauf hin, dass Städte vor allem auf schnelle und günstige Lösungen setzen könnten, statt ihre Energie- und Verkehrssysteme grundlegend zu verändern.

„Die untersuchten Städte haben sich sehr ehrgeizige Klimaziele gesetzt. Das ist begrüßenswert und sollte anderen als Vorbild dienen. Doch oft bleibt unklar, wo genau Restemissionen entstehen werden. Möglicherweise wurde auch nicht ausreichend geprüft, wie sich diese Emissionen von Anfang an vermeiden ließen“, sagt PIK-Forscherin und Mitautorin der Studie Quirina Rodriguez Mendez.

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Neues Bewertungssystem der Restemissionen

Die Studie stellt mit dem RESRI-Index (residual emissions strategy robustness index) ein neues Instrument vor, um die Qualität der Strategien für Restemissionen zu bewerten. Der Index zeigt vor allem Schwächen bei der Planung und Kontrolle von CO₂-Entnahmen: Häufig ist unklar, wann und in welchem Umfang CO₂-Entnahmen in Städten verfügbar sein werden. Die derzeit geschätzten Kapazitäten zur CO₂-Entnahme decken lediglich 18 Prozent der gesamten Restemissionen ab. „Entscheidend ist, dass diese CO₂-Entnahmen tatsächlich stattfinden und transparent bilanziert werden. Sie dürfen nicht nur auf dem Papier bestehen“, sagt Rodriguez Mendez.

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Pläne optimieren

Die Studie gibt Städten konkrete Empfehlungen, wie sie ihre Pläne verbessern können. Dazu gehört, Emissionen frühzeitig und umfassend zu senken, so dass Restemissionen ausschließlich in schwer vermeidbaren Bereichen verbleiben. Zudem empfehlen die Forschenden nachfrageseitige Maßnahmen wie etwa weniger Langstreckenflüge oder reduzierten Fleischkonsum, die je nach Kontext die Emissionen um 40 bis 80 Prozent senken könnten.

CO₂-Entnahme muss verlässlich sein

Die 103 untersuchten Städte setzen vor allem auf Vegetation und andere landbasierte Methoden, um CO₂ aus der Atmosphäre zu entfernen. Dabei bleibt offen, wie das CO₂ nachhaltig gespeichert werden kann und inwiefern Flächen im städtischen Raum tatsächlich verfügbar sind. Denn Platz wird auch für Wohnungen, Gesundheitsversorgung und Energie benötigt. Die Klimaneutralitätspläne berücksichtigen bisher nicht genau, wie viel Fläche tatsächlich verfügbar ist, betont die Studie.

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Vorbild Paris

Die Mobilitätswende birgt in jeder Stadt individuelle Herausforderungen. Dennoch liefern Paris und auch Oslo wertvolle Impulse für seine Arbeit, sagt der Hamburger Verkehrssenator Anjes Tjarks im Interview.

Dr. Anjes Tjarks ist seit Juni 2020 Hamburger Senator für Verkehr und Mobilitätswende. Er trat 1998 den Grünen (früher GAL) bei und leitete von 2015 bis 2020 deren Bürgerschaftsfraktion in Hamburg.

Dr. Anjes Tjarks, Senator der Hamburger Behörde für Verkehr und Mobilitätswende.

Dauerhafte CO₂-Entnahmen spielen in den Plänen der Städte eine geringere Rolle: Nur 32 Prozent erwähnen solche Verfahren. Dazu gehören Bioenergie mit CO₂-Abscheidung und -Speicherung (27 Prozent), Pflanzenkohle (13 Prozent) und die direkte Entnahme von CO₂ aus der Luft mit anschließender Speicherung (7 Prozent). CO₂-Zertifikate kommen in 40 Prozent der Pläne vor. Häufig bleibt jedoch unklar, wie sie eingesetzt werden sollen. Viele Städte sehen sie nur als letzte Möglichkeit und stehen ihnen selbst skeptisch gegenüber.

Um Klimaneutralität zu erreichen und dauerhaft zu sichern, könnten Städte vorübergehende CO₂-Entnahmen schrittweise durch dauerhafte Verfahren ergänzen, schreiben die Studienautoren. Dafür brauche es klare Regeln, die notwendige Infrastruktur und verlässliche Förderung. Vor allem bei dauerhaften CO₂-Entnahmen müssten nationale und internationale Institutionen eng zusammenarbeiten. Weblink zum Artikel Nature Climate Change. DOI: 10.1038/s41558-026-02691-0

Über die EU-Mission Klimaneutrale und intelligente Städte

Die EU-Forschungsmission im Rahmen von Horizon Europe unterstützt 100 europäische Städte dabei, bis 2030 klimaneutral zu werden. Gleichzeitig sollen die Erfahrungen allen europäischen Städten helfen, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Die 100 Städte wurden aus 377 Bewerbungen ausgewählt. Sie erproben neue Lösungen in verschiedenen Bereichen sowie neue Formen der Zusammenarbeit und Steuerung. Mehr über den Auswahlprozess

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