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Alpen im KlimawandelGletscher-Zwangsehe mit fatalen Folgen für die Umwelt

Auf dem Gipfel des Linken Fernerkogel in den Tiroler Alpen
Auf dem Gipfel des Linken Fernerkogel in den Tiroler Alpen. (Foto: Nicolas von Kospoth (Triggerhappy) / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.5)

Trotz Gletscherschmelze boomt der Skizirkus. Während in Kitzbühel die Skisaison bei 20 Grad plus mit einer künstlich angelegten Schneebahn startete, warnen Umweltschützer vor massiver Naturzerstörung durch ein Skitourismus-Projekt im Tiroler Ötztal.

07.11.2019 – Auch in Zeiten der Klimaerwärmung, von der die Alpen in besonderem Maße betroffen sind mit Gletscherschmelze, Erosion und Rückgang der Artenvielfalt, nimmt der Skifreizeitwahnsinn weiter zu. Der Respekt vor der Natur im Wintertourismus gehe immer weiter verloren, beklagen Klimaschützer und Einheimische. Die „Allianz für die Seele der Alpen“ – bestehend aus Alpenverein, Naturfreunden und WWF Österreich – warnt nun vor einer neuen, massiven Naturzerstörung durch ein geplantes Mega-Projekt. Denn während am Rettenbachgletscher in Sölden im Tiroler Ötztal die ersten alpinen Skirennen auch bereits Ende Oktober starteten, finde am benachbarten Karlesferner unterhalb des Linken Fernerkogel ein Rennen ganz anderer Art statt, berichtet der WWF Österreich: der Wettlauf zwischen massentouristischer Erschließung und unberührter Hochgebirgslandschaft.

Um ein weiteres Skigebiet für den Skitourismus zu erschließen ist der Zusammenschluss der Gletscherskigebiete Pitztal und Ötztal geplant, zum „größten zusammenhängenden Gletscherskigebiet in Europa“ – das wäre ein massiver Eingriff Drei noch unberührte Gletscher sollen dem Massentourismus zum Opfer fallen. Doch diese Gletscher müssen geschützt werden – für uns alle.in die hochalpine Natur der Ötztaler Alpen, warnt der Alpenverein. Gerade in Zeiten von Klimawandel und Gletscherschwund gelte es, die Reste dieser Urlandschaft zu bewahren. Die vorgesehenen Maßnahmen gingen jedoch weit über einen reinen Zusammenschluss hinaus und sehen die Neuerschließung von drei bisher unberührten Gletschern vor. Die Bürgerinitiative Feldring fordert von der Tiroler Landesregierung den sofortigen Stopp des Projekts und hatte eine Petition gestartet. Denn das Projekt befinde sich bereits im Umweltverträglichkeitsverfahren, so der Alpenverein, und daher in einem weit fortgeschrittenen Stadium.

Das Ausmaß der Zerstörung

Seit Jahren schon favorisieren die Pitztaler und die Ötztaler Gletscherbahnen den Zusammenschluss der beiden Skigebiete. Geplant sind neue Skipisten im Ausmaß von 64 Hektar durch die Verbindung der Lifte von Ötztal und Pitztal. Der WWF nennt die Fakten zum Skipisten-Erweiterungs-Projekt: „35.000 Kubikmeter verbauter Beton, Sprengung und Abtrag von über 750.000 Kubikmeter Gestein, Erde und Eis, mehr als 116 Fußballfelder permanenter Flächenverbrauch.“ Der geplante Gletscherzusammenschluss mit zusätzlichen 64 Hektar Pistenfläche wäre ein massiver Eingriff in eine hochsensible Gebirgslandschaft, kommentiert Robert Renzler, Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins.

Projekt sorgt für wachsenden Widerstand

„Für Prestigeprojekte wie die Gletscherverbauung Pitztal-Ötztal wird kostbare Landschaft für immer zerstört, der Bodenverbrauch ist enorm“, warnen Alpenverein-Generalsekretär Robert Renzler und WWF-Alpenschutzexperte Josef Schrank. „Daher muss die ungebremste Expansion von Skigebietsfläche mit verbindlichen Ausbaugrenzen eingedämmt werden. Anstatt Gletscherverbauungen für neue Marketingsuperlative zu genehmigen, sollte die Politik nachhaltige Konzepte fördern, wo Tourismus und Naturschutz Hand in Hand gehen.“

Nur noch sieben Prozent der österreichischen Staatsfläche seien weitgehend naturbelassen und unerschlossen, berichtet der WWF. Die weit verbreitete Annahme, dass Gletscherskigebiete aufgrund ihrer Schneesicherheit keine künstliche Beschneiung bräuchten, widerlegt Renzler: „Pisten auf Gletschergebiet benötigen drei Mal so viel Schnee wie normale Pisten. Von den 64 Hektar neuer Pistenfläche sollen zehn Hektar technisch beschneit werden, was einen riesigen Speicherteich notwendig macht, der bisher unberührte Fließgewässer ableitet. Diese Pläne für die Verbauung unberührter Gletscherwildnis mit energiefressender Infrastruktur sind sinnbildlich für die verfehlte Klima- und Umweltpolitik Österreichs.“

Etliche Studien machten deutlich, dass ohne umfassende Klimaschutzmaßnahmen und bei weiter zunehmender Klimaerwärmung die Ostalpen noch in diesem Jahrhundert weitgehend eisfrei sein könnten. „Die großen Herausforderungen unserer Zeit – Klimakrise, Biodiversitätskrise und Flächenfraß – müssen ganzheitlich betrachtet und auf allen Ebenen bekämpft werden", mahnt Josef Schrank. „Daher brauchen wir anstatt eines weiteren Ausbaus touristischer Infrastruktur vielmehr einen umfassenderen Schutz der letzten alpinen Freiräume sowie einen Gletscherschutz, der ohne Ausnahmen durchgesetzt wird", fordert der Alpenexperte.  na