Frau Lang, Wieso bezeichnen Sie Maßnahmen zur Nachhaltigkeit der Industrieländer als grünen Kolonialismus?
Miriam Lang: Die Bezeichnung „Grüner Kolonialismus“ markiert eine strukturelle Kontinuität der Ausbeutung des Globalen Südens unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit. Historisch war Kolonialismus der Prozess der gewaltsamen Aneignung und Kontrolle über Land, Rohstoffe und billige Arbeitskraft, um die materielle Basis der Industrieproduktion in den Kolonialmächten zu schaffen. Inzwischen sind die meisten Länder des Globalen Südens zwar formell politisch unabhängig, die Regeln des Weltmarktes haben aber die alten Asymmetrien aufrechterhalten. Der grüne Kolonialismus sichert heute den Zugang zu kritischen Rohstoffen wie Lithium, Kupfer oder Coltan und großen Landflächen, etwa für riesige Solar- und Windparks, zum Beispiel im Kontext der Produktion von Wasserstoff, die primär für die Aufrechterhaltung des Wohlstandsmodells im globalen Norden verwendet werden.
Welche Belastungen bringt das für die Länder des Globalen Südens?
Es ist eine Strategie der ökologischen Externalisierung: die ökologischen und sozialen Kosten, die durch die Energiewende entstehen, werden fast vollständig auf die Länder des Südens verlagert. Beispielsweise wird die Luft in europäischen Metropolen besser, wenn hier mehr Elektroautos fahren. Aber gleichzeitig verlieren die Menschen, die im südamerikanischen Lithiumdreieck leben, ihr ohnehin schon knappes Trinkwasser, weil das für den Lithiumabbau für die Autobatterien verbraucht wird.
Die Rhetorik der „grünen Allianzen“, beispielsweise der EU mit Ländern aus dem Süden, verschleiert reale Kräfteverhältnisse, die auch durch den geoökonomischen Wettlauf mit anderen Weltmächten nicht substanziell verändert werden.
Was macht die Ausbeutung der Rohstoffe aus dem Süden so problematisch?
Viele Länder des Globalen Südens sind durch oft illegitime historische Schuldenlasten und die daran geknüpften Bedingungen der Internationalen Finanzinstitutionen – wie IWF und Weltbank – dazu gezwungen, ihre Devisen über den Export von Primärrohstoffen zu erwirtschaften. Dieser Zwang entzieht ihnen die Möglichkeit, eigene, diversifizierte und ökologisch nachhaltige Wirtschaftsweisen zu entwickeln.
Darüber hinaus sind die Terms of Trade auch bei den für die grüne Wende als strategisch eingestuften Rohstoffen strukturell ungerecht und halten die Länder in einer neokolonialen Abhängigkeit fest. Bolivien etwa versucht seit rund zehn Jahren erfolglos, mit seinen Lithiumreserven eine eigene Batterieproduktion aufzubauen. Erfolglos auch deshalb, weil es dafür keine Investoren findet. So fallen die größten Gewinne, die in der verarbeitenden Industrie entstehen, wieder anderswo an.
Viele Wirtschaftsprojekte von Unternehmen der Industrieländer werden durch Kompensationsmaßnahmen ausgeglichen - wo sehen Sie da das Problem?
Das Problem der ganzen Logik von Kompensationsmaßnahmen liegt in ihrer Funktion als Ablasshandel und Greenwashing. Sie bieten Akteuren aus dem globalen Norden eine einfache Exit-Strategie, um den eigenen hohen CO₂-Ausstoß und Ressourcenverbrauch ohne fundamentale Systemveränderungen fortzusetzen. Solche Veränderungen würden oft mehr Geld kosten als sich freizukaufen.
Außerdem stellen Kompensationsprojekte, wie Aufforstungen oder Schutzgebiete für CO2-Zertifikate, oft auch Formen von kolonialer Aneignung dar. Sie erzwingen bestimmte, quantifizierbare Formate von Waldschutz, die häufig zur Enteignung und Vertreibung lokaler und indigener Gemeinschaften führen.
Dieser Mechanismus schiebt die ökologische Verantwortung auf die Menschen im Globalen Süden ab und schränkt damit deren Optionen, ihre eigene ökosoziale Zukunft demokratisch zu gestalten, noch mehr ein.
Wie könnte man Klimaschutz und Dekarbonisierung gerechter gestalten?
Es führt kein Weg daran vorbei, unseren Energie- und Ressourcenverbrauch zu schrumpfen, und zwar vor allem in den wohlhabenden Ländern des globalen Nordens. Dafür braucht es eine grundlegende Abkehr vom Wachstumsparadigma und eine Hinwendung zum Gedanken der Suffizienz. Dabei geht es mir nicht in erster Linie um individuelle Konsumentscheidungen, sondern auch um staatliche Regulierung gegen Überkonsum und Überprofit, gegen geplante Obsoleszenz, und um strukturelle Maßnahmen zur gerechten Verteilung des Reichtums sowohl innerhalb von Gesellschaften als auch zwischen Ländern.
Das hat aber nicht unbedingt mit dem vielbeschworenen „Verzicht“ zu tun und damit, dass alle weniger Lebensqualität haben müssen. Es bedeutet vielmehr auch, ein gelungenes Leben und Erfolg ganz anders zu denken als bisher. Zum Beispiel ist ein gutes Leben ein Leben im Gleichgewicht, sowohl in der Beziehung zu anderen Menschen als auch mit der Natur; ein Leben, das frei ist von Gewalt.
Selbst wenn man das umsetzen würde, ist bereits viel Schaden angerichtet. Was tun?
Wir müssen dem Prinzip der Reparationen Raum geben, sowohl was vergangenes Unrecht also auch bereits erfolgte Umweltzerstörung betrifft. Es gibt viele Arten von notwendiger Reparation: Schuldenannullierung für Länder des Globalen Südens, Umwelt- und Klimareparationen, Reparationen für koloniale Plünderung und Sklaverei, die Restauration von Ökosystemen.
Eine Voraussetzung dafür ist, nicht mehr wie selbstverständlich davon auszugehen, dass den Menschen in Europa grundsätzlich die Rohstoffe des ganzen Planeten zustehen, und mehr Verantwortung für den gesamten Produktkreislauf zu übernehmen.
Wie können die Betroffenen von Landraub oder Bergbaufolgeschäden aus dem Süden in Europa besser gehört werden?
Zunächst muss die Haftung der europäischen Konzerne im Norden verschärft werden. Wirksame Lieferkettengesetze wären ein wichtiger Schritt. Betroffene im Globalen Süden müssen einfache und kostengünstige Möglichkeiten erhalten, europäische Unternehmen in deren Heimatländern für Menschenrechts- und Umweltschäden zu verklagen, die in ihren Lieferketten entstehen. Im Schadensfall sollte das Unternehmen nachweisen müssen, dass es seine Sorgfaltspflichten umfassend erfüllt hat, also eine Umkehr der Beweislast.
Zu einer größeren Sichtbarkeit des Südens im Norden gehört auch, die eigene Provinzialität aufzugeben, für die echte Politik und echtes Interesse an den europäischen Außengrenzen endet. Wir alle müssen neue Solidaritätsbande knüpfen, wie zum Beispiel Städtepartnerschaften. Auch in der Forschung müsste die Zusammenarbeit neue Wege gehen, um in einen wirklichen Wissensdialog zu kommen.
Die globale Arbeitsgruppe Beyond Development, in der Sie Mitglied sind, setzt sich für eine Entkolonialisierung der Energiewende ein. Was sind die konkreten Vorschläge der Arbeitsgruppe?
Die globale Arbeitsgruppe Beyond Development wurde 2016 gegründet, um unter Einbeziehung verschiedener Wissensformen und Erfahrungen aus der ganzen Welt Wissen über multidimensionale Alternativen zur gegenwärtigen kapitalistischen Krise zu entwickeln. Sie hat bisher vor allen Dingen Bücher produziert. Das erste, Alternatives in a World of Crisis, beinhaltet eine Reihe von Fallstudien. Das zweite Buch, Cities of Dignity, widmet sich der urbanen Transformation. Das jetzt erschienene dritte ist dem Grünen Kolonialismus gewidmet. Und zuletzt hat sich die Gruppe mit Reparationen auseinandergesetzt.
Was konnten Sie bisher erreichen?
Unsere Arbeitsgruppe widmet sich eher der Wissensproduktion und weniger politischen Vorhaben. Für uns ist es also ein Erfolg, wenn bestimmte Perspektiven in den Diskurs oder in den Alltagsverstand aufgenommen werden. Und Rückschläge gibt es zurzeit viele – die rasante Finanzialisierung der Umweltpolitik ist einer davon, genauso wie der politische Aufstieg autoritärer und rechtsextremer Kräfte in vielen Teilen der Welt, die als „einfache Lösung“ anbieten, zum Recht des Stärkeren zurückzukehren. Das ist ein Menschenbild, dem wir uns grundlegend verweigern müssen.
Das Gespräch führte Charlotte Schmitz.
Dieses Buch deckt die Schattenseiten der grünen Wende auf. Mit Stimmen aus dem Globalen Süden beleuchtet es, wie grüner Kolonialismus Ressourcen ausbeutet, bestehende Abhängigkeiten vertieft und wirklich nachhaltige Alternativen verdrängt. Anhand konkreter Fallstudien analysieren die Autor:innen die geopolitischen Verflechtungen der Energiewende - und zeigen, dass eine klimagerechte Zukunft nur mit globaler Gerechtigkeit möglich ist.
Grüner Kolonialismus - Zwischen Energiewende und globaler Gerechtigkeit
Miriam Lang (Hrsg.), Mary Ann Manahan (Hrsg.), Breno Bringel (Hrsg.)
Oekom Verlag 2025, 336 Seiten, Softcover, ISBN: 978-3-98726-167-1
25 Euro



















































