Ahrtal: Klimaresilienter Wiederaufbau rückt in den Fokus

Vier Jahre nach der Flutkatastrophe ist das Ahrtal noch weit entfernt von seiner vollständigen Instandsetzung. So wie es vorher war, soll es nicht bleiben. Klima- und Hochwasserschutz nehmen beim Wiederaufbau Fahrt auf.
16.07.2025 – Von Montag auf Dienstag jährte sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum vierten Mal. Mindestens 135 Menschen kamen damals ums Leben. Es war eine Verkettung von verheerenden Umständen, die die im Normalfall nur rund einen Meter hohe Ahr teilweise auf über neun Meter ansteigen ließ. Schon in den Tagen zuvor regnete es ungewöhnlich viel. In den 24 Stunden vor der Flutkatastrophe kamen dann bis zu 150 Liter pro Quadratmeter runter – mehr als doppelt so viel, wie normal im ganzen Juli.
Aus den Nebenbächen der Ahr, sowie von den längs am Hang liegenden Weinreben, flossen die Wassermassen ungehindert ins Tal hinab. Verheerend auch, die sogenannte Verklausung der Brücken. Viele alte, teilweise denkmalgeschützte Brücken hatten mehrere Brückenpfeiler über den Fluss. Daran sammelte sich in der Flutnacht immer mehr Treibgut – von Frisch- und Totholz bis hin zu Autos und Wohnwagen. Das Wasser staute sich an den Brücken, überschwemmte die Umgebung. Dann brachen viele der Brücken zusammen und gigantische Flutwellen wurden weiter flussabwärts getrieben, mit allem, was sich vorher an den Brücken angesammelt hatte.
Dazu kam der Wegfall kritischer Infrastruktur: Feuerwehrgebäude und Krankenhaus wie in Bad Neuenahr-Ahrweiler, standen direkt am Fluss und wurden zerstört. Auch Anlagen zur Energie- und Wasserversorgung waren nach der Flut nicht mehr einsatzbereit, ebenso Zufahrtswege, allein schon durch die Zerstörung der Brücken. Dazu kam: Warnungen gab es zu spät oder gar nicht erst. Im Kreis Ahrweiler riefen die Behörden erst gegen 23 Uhr die höchste Warnstufe aus und die Evakuierung von Häusern im Umkreis von 50 Metern der Ahr. Da stieg das Wasser schon bei Menschen in den ersten Stock, die weiter weg von der Ahr wohnten.
Und heute? Was tun die Verantwortlichen im Ahrtal und dem Land Rheinland-Pfalz, dass solch eine Katastrophe nicht wieder geschieht? Eine Bestandsaufnahme der Deutschen Umwelthilfe zu Betroffenheit und Schutzmaßnahmen vor Hochwasser, bescheinigt dem Land Rheinland-Pfalz weiterhin ein hohes Risiko, dass viele Menschen – bis zu 36.000 – bei einem erneuten Jahrhunderthochwasser treffen könnte.
Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH, konstatiert: „Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 hat Deutschland schmerzlich vor Augen geführt, wie gefährlich die Auswirkungen der Klimakrise für uns sind. Das steigende Risiko für Extremwetterereignisse und das damit einhergehende Risiko, dass sogenannte Jahrhunderthochwasser deutlich häufiger als im hundertjährigen Durchschnitt auftreten, stellt die Bundesländer vor enorme Herausforderungen.“ Bislang würden die Bundesländer jedoch zu wenig tun. Der Fokus müsse stärker auf naturbasierten Hochwasserschutz gelegt werden.
Erste Erfolge
Naturbasiert heißt vor allem, dem Fluss mehr Platz zu geben und Gebäude nicht mehr direkt an der Ahr zu errichten. Immerhin das Feuerwehrgebäude in Bad Neuenahr-Ahrweiler wird weiter vom Fluss weg und auf Stelzen Hochwasser resilienter wieder aufgebaut. Viele Diskussionen gab es auch um die Levana Förderschule in der Stadt. Die stand zuvor direkt an der Ahr und nahm schwere Schäden. Inzwischen hat der Kreistag entschieden, die Schule zu verlagern. Die daraus entstehenden Mehrkosten von acht bis zehn Millionen Euro wird das Innenministerium Rheinland-Pfalz aus dem Wiederaufbaufonds tragen.
Die Verlagerung ist auch ein Verdienst des wissenschaftlichen KAHR-Projekts (für KlimaAnpassung, Hochwasser und Resilienz) unter Co-Leitung des Professors für Raumordnung und Entwicklungsplanung Jörn Birkmann von der Universität Stuttgart. „„Wir haben zur Levana-Schule eine wissenschaftliche Stellungnahme abgegeben und auf die Verantwortlichen eingewirkt. Auch bei der Verlagerung von Sportplätzen und dem hochwasserresilienten Wiederaufbau von Brücken haben wir verschiedene Institutionen beraten und waren damit erfolgreich““, so Birkmann im Gespräch mit der energiezukunft.
Zwar sind erst wenige Brücken wieder aufgebaut, davon erst eine kommunale Autobrücke, sowie zwei Fahrradbrücken, doch diese sind deutlich besser gegen Hochwasser gewappnet, indem sie deutlich höher, mit weniger Stützpfeilern und wegklappbaren Brückengeländern gebaut sind. Alles, damit Wasser besser hindurchfließen und Treibgut sich nicht an den Brücken ansammeln kann. Drei weitere Brücken werden voraussichtlich innerhalb eines Jahres bis zum Sommer 2026 fertiggestellt.
Die Gelder dafür kommen ebenfalls aus dem Wiederaufbaufonds des Bundes, der allein für Rheinland-Pfalz 15 Milliarden Euro schwer ist, wovon ein Großteil ins Ahrtal fließen soll. Gefüllt vorrangig von anderen Bundesländern, war das Geld ursprünglich als Soforthilfe und den baugleichen Wiederaufbau gedacht. Die Menschen im Ahrtal aber wünschen sich besseren Hochwasserschutz und Wiederaufbau im Sinne der Energiewende.
Dafür wurden in den vergangenen Jahren die Tatbestände erweitert. Insbesondere das Land Rheinland-Pfalz wirkte daraufhin, Gelder aus dem Wiederaufbaufonds stärker an Klimaschutz und Klimaresilienz auszurichten. Mit 3 Milliarden Euro wurde bislang nur ein kleiner Teil aus dem Fonds bewilligt. Förderanträge sind weiterhin ein zähes Unterfangen Dazu kommen weitere Mittel von Europäischer Union, Bund und Land, etwa für neue Nahwärme-Projekte in Marienthal, Rech und Dernau, die die Mittel aus dem Fonds zum Teil ergänzen und teils deutlich schneller fließen. In welchem Ausmaß die Wiederaufbauförderung tatsächlich die Klimaresilienz gefördert und Hochwasserrisiken im Ahrtal reduziert hat, dazu fehle es noch an wissenschaftlichen Auswertungen, so Birkmann.
Rund 100 Millionen für ein Rückhaltebecken
Ein millionenschweres Mammutprojekt wird der Bau von Regenrückhaltebecken. Standorte für 17 dieser künstlichen Betonprojekte wurden bereits festgelegt. Vier diese Bauwerke sollen nun vorrangig gebaut werden – wobei allein ein Rückhaltebecken schon rund 100 Millionen Euro und mehr kosten kann und mit einer Bauzeit von 10 Jahren oder mehr gerechnet wird. Nach der Standortbestimmung folgen nun die Planfeststellungsverfahren. Bei den teils erheblichen Eingriffen in die Natur scheint Widerstand der lokalen Bevölkerung vorprogrammiert.
„Dass mit den großen Rückhaltebecken alleine die Problemlagen gelöst seien, ist zu kurz gesprungen“, findet auch Birkmann. Es sei weiterhin elementar neben dem technischen Hochwasserschutz auch die natürliche Retention zu stärken. Auch der Wiederaufbau von Schulen und Feuerwehrgebäuden an anderer Stelle ist ein wichtiges Signal, ebenso wie die Rückverlagerung von Sportplätzen, um dem Fluss mehr Raum zu geben. Was auch hilft: die vielen Weinreben an den Hängen des Ahrtals quer und nicht mehr nur längs zu verlegen. Das hält das Wasser an den neuen stufenartigen Abschnitten auf. Auch Chinaschilf hält Wasser auf sowie Holzpfähle Unrat und Treibholz.
Wenige Winzer und Landwirte gehen hier bereits mit gutem Beispiel voran. Viele aber, ebenso wie Bewohner von Eigenheimen, pflanzen an und bauen auf wie vor der Flut, in der Hoffnung, dass solch eine Flutkatastrophe sobald nicht wieder eintritt. Forscher:innen der World Weather Attribution erklärten jedoch bereits kurz nach der Flutkatastrophe, dass die Wahrscheinlichkeit extremer Regenfälle durch den Klimawandel um das 1,2 bis 9-Fache zunimmt und sich deren Intensität zwischen 3 und 19 Prozent erhöht, wobei die Forscher die oberen Enden der Skalen für wahrscheinlicher halten. Manuel Grisard



















































