Multiorganversagen – dieser medizinische Fachbegriff bezeichnet das Versagen verschiedener lebenswichtiger Organsysteme des Körpers. Besonders häufig tritt es bei gesundheitlich vorbelasteten Menschen bei anhaltender extremer Hitze auf, wie wir sie gerade hinter uns haben.
Multiorganversagen – dieser Begriff lässt sich auch im übertragenen Sinne verstehen. So führte die klimawandelbedingte Extremhitze nämlich auch zum synchronen Ausfall gleich mehrerer für die Volkswirtschaft kritischer Infrastrukturen: Die Bahn riet Fahrgästen ausdrücklich vom Bahnfahren ab, Autobahnen waren wegen Hitzeschäden gesperrt, Trafostationen gerieten in Brand, die Rettungsdienste arbeiteten am Rande ihrer Kapazitäten, der Schulbetrieb war massiv eingeschränkt, tausende Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Das Kritische war hierbei weniger das jeweils für sich genommen noch beherrschbare Risiko des Ausfalls einzelner Infrastrukturen, sondern die flächendeckenden und gleichzeitigen Funktionsstörungen in mehreren Teilsystemen.
Und dann gibt es auch noch die politische Dimension. Die Themenfülle der bundespolitischen Großbaustellen – Steuerreform, Gesundheitsreform, Pflegereform, Rentenreform – lässt jedenfalls vermuten, dass die Organe der Berliner Regierungskoalition derzeit ebenfalls an den Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit arbeiten. Für das Bearbeiten zusätzlicher Themen, das Managen weiterer Krisen, fehlen offenkundig die Kapazitäten. Die meisten, sonst so kameraaffinen Koalitionspolitiker übten sich in Sachen Hitze jedenfalls in ostentativer Kommunikationsverweigerung.
Dabei sind die Klimakrise und die immer schneller ins Laufen kommende Lawine der Klimawandelschäden aufs engste mit allen anderen Reformbaustellen verbunden: vom immensen Finanzbedarf für die Klimaanpassung und die Beseitigung von Schäden an der Infrastruktur bis hin zu den enormen Folgekosten, die allein Hitze im Gesundheits- und Pflegesektor oder bei der Arbeitsproduktivität einer ohnehin strukturell schwächelnden Wirtschaft auslösen.
Nicht-Thematisieren und Nicht-Handeln
Dass sich die Spitzenleute von Parteien der politischen Mitte beim Thema Klima selbst bei Eintritt von „Großschadenslagen“ wie dem jüngsten Hitzeschock vor allem durch Nicht-Thematisieren und Nicht-Handeln auszeichnen, hat nach einer landläufigen Interpretation mit einem Phänomen zu tun, das irreführend vielfach als Anti-Klimaschutz-Backlash bezeichnet wird. Demnach reagiere die Politik lediglich darauf, dass die Wählerschaft angesichts zahlreicher anderer Krisen nicht mehr am Klimaschutz interessiert sei. Und dass den Bürgerinnen und Bürgern auch nicht zu trauen sei, wenn sie sich in Umfragen ein hohes Umwelt- und Klimabewusstsein bescheinigten – tatsächlich verweigerten sie der Politik nämlich geradezu heimtückisch die Gefolgschaft, „sobald es mit dem Klimaschutz ernst“ werde und „sobald sich Klimapolitik im Geldbeutel bemerkbar“ mache.
Aus dieser Analyse wird dann offenbar der Schluss gezogen, Klimapolitik sei nur dergestalt machbar, dass man sich rhetorisch zu weit in der Zukunft liegenden Klimazielen bekennt, das vermeintliche Reizwort nicht mehr erwähnt und die unberechenbare Wählerschaft mit Subventionen wie der erhöhten Pendlerpauschale oder dem sogenannten Tankrabatt sediert.
Die zugrundeliegende Diagnose, die Bürger:innen wendeten sich ab vom Klimaschutz, stellt ein überaus populäres Narrativ dar. Doch die empirischen Belege sind dünn: Zwar ist das gemessene Klima- und Umweltbewusstsein zuletzt zurückgegangen. Und bei der Frage nach den „größten politischen Problemen“ taucht die Klimakrise in vielen Rankings kaum noch auf.
Doch lässt sich bei einer schnelllebigen Themen- und Krisenkonjunktur in Politik und Medien aus Momentaufnahmen wie der Frage nach den aktuell größten Sorgen wirklich ableiten, Menschen hätten das existentielle Thema Klimawandel abgehakt und vergessen?
Hinzukommt, dass sich bei gezielter Nachfrage national wie international zeigt, dass die Bevölkerung in ihrer Breite wegen des Klimawandels durchaus in anhaltend großer Besorgnis ist. Und dass sie mehr, nicht weniger politisches Handeln erwartet. Das nach wie vor vorhandene Mandat für mehr Klimaschutz ist dabei nicht zu verwechseln mit einem Mandat für Klimaschutz „um jeden Preis“. Vielmehr sind Akzeptanz und Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger für konkrete Klimaschutzmaßnahmen daran geknüpft, dass bestimmte Kriterien erfüllt sind.
Befragungen zeigen, dass Akzeptanz jedenfalls dann gegeben ist, wenn die Maßnahmen sowohl wirksam als auch einfach umsetzbar sind, wenn sie mit einem Nutzen für den Einzelnen und einem Benefit für das Allgemeinwohl verbunden sind und wenn sie als fair wahrgenommen werden. Das ist ein zwar anspruchsvoller, aber dennoch durchaus umsetzbarer Kriterienkatalog, wie etwa das Deutschland-Ticket zeigt.
Absurd: Noch nie gab es so gute Klimalösungen – doch die Klimadebatte ist verkeilt wie nie
Blickt man aus der Vogelperspektive auf die Klimapolitik, so zeigt sich eine widersprüchliche Situation: Auf der einen Seite steht eine mehrheitlich besorgte Bevölkerung, die grundsätzlich mehr Klimaschutz unterstützt. Auf der anderen Seite eine Regierungskoalition, die Rückschritte wie jüngst bei der Verwässerung des Gebäudeenergiegesetzes als politische Antwort auf einen angeblich verbreiteten öffentlichen Unwillen darstellt.
Diese Situation ist hochgradig absurd – denn während die Klimadebatte als Arena für politische Polarisierung genutzt wird und mit stetig steigenden Durchschnittstemperaturen der Handlungsdruck immer weiter steigt, standen gleichzeitig noch nie so viele Klimaschutzlösungen technisch anwendbar, wirtschaftlich umsetzbar und großflächig einsetzbar zur Verfügung. Das Spektrum reicht dabei von der Elektromobilität, über erneuerbare Gebäudewärme bis hin zu klimaverträglichen Formen der Ernährung und Landwirtschaft.
So frustrierend für viele Umwelt- und Klimaengagierte der politische Stillstand bzw. die aktiven Rückschritte beim Klimaschutz auch sind – gesellschaftlicher Wandel ist auch dort möglich, wo politische Gestaltung nicht stattfindet. Zwei Beispiele sollen dies illustrieren: Da ist zum einen der hohe Fleischkonsum. Er ist für Umwelt und Klima, aber auch für das Gesundheitswesen mit hohen Folgekosten verbunden. Doch trotz der klaren Faktenlage gibt es keine substanziellen politischen Maßnahmen, um eine stärker pflanzenbasierte Ernährung zu fördern. Im Gegenteil: Subventionen und steuerliche Rahmenbedingen begünstigen die Produktion und den Konsum tierischer Lebensmittel.
Aber die Gesellschaft bewegt sich dennoch, gewissermaßen den politischen Rahmenbedingungen zum Trotz: So zeigt der langjährige Trend beim Fleischkonsum pro Kopf (trotz gelegentlicher Ausschläge nach oben) deutlich nach unten. Und in Gaststätten, vor allem aber auch in Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung wie Kantinen, Mensen oder Krankenhäusern wächst der Anteil pflanzlicher Gerichte.
Die Politik hält dagegen – doch gesellschaftliche Trends lassen sich nicht aufhalten
Und auch beim Verkehr lässt sich beobachten, dass gesellschaftliche Trends selbst dort den Weg in eine klimaverträgliche Zukunft weisen können, wo Politik aktiv dagegen steuert. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist die Verkehrspolitik in Berlin: Anders als in vielen anderen europäischen Metropolen fehlt in der Hauptstadt eine Politik, die den Fuß-, Fahrrad- und öffentlichen Verkehr gezielt ausbaut, die die Flächeninanspruchnahme des Autoverkehrs zugunsten von Grünanlagen, Parks, Wohnungsbau oder Orten der Begegnung zurückdrängt.
Obwohl also in Berlin die Politik aktiv dagegenhält, hat die Umorientierung bei den Menschen bereits stattgefunden: So sinkt die Zahl der Haushalte, die über ein eigenes Auto verfügen, ebenso wie die mit Pkws erbrachte Fahrleistung sinkt. Anders gesagt: Auch wenn von einer Politik, die gesundheitsfördernde und umweltverträgliche Alternativen zum Autoverkehr begünstigt, in Berlin wenig zu sehen ist – das Verhalten der Menschen verändert sich dennoch.
Kommen wir noch einmal zum eingangs beschriebenen Multiorganversagen zurück. Bei Wikipedia ist hierzu zu lesen: „In der Intensivmedizin gibt es Verfahren, um die Funktion ausgefallener Organe zu unterstützen oder ganz zu ersetzen“. Überträgt man diese Logik auf die Klimapolitik, dann kann das bedeuten: Selbst wenn wichtige Organe ausfallen, muss das noch nicht den Exitus bedeuten.
Die aktuell zu beobachtende systemische Fehlsteuerung durch das politische Nichthandeln beim Klimaschutz kann zumindest ein Stück weit ausgeglichen oder ersetzt werden. Konkret heißt das: Gefragt sind die Klima-Engagierten in Kommunen, Zivilgesellschaft, Unternehmen, der Kultur, dem Sport und allen anderen Ecken der Gesellschaft – es liegt an ihnen zu zeigen, dass die angebliche gesellschaftliche Abwendung vom Klimaschutz vor allem eines ist: ein toxisches Narrativ. Und dass man das Heft des Handelns auch selbst in die Hand nehmen kann.
Carel Mohn ist Geschäftsführer von Klimafakten, einem gemeinnützigen Think Tank, der eine lösungsorientierte Klimadebatte vorantreiben will. Mit Trainingsworkshops und dem Kommunikationshandbuch „Über Klima sprechen“ stärkt Klimafakten diejenigen, die sich beruflich oder gesellschaftlich für Klimaschutz einsetzen > https://www.klimafakten.de/





















































Kommentare
Juri Hertel vor 1 Woche
Etwa 10.000 Verfahren gegen Klimaschuetzer:
https://hans-josef-fell.de/2026/07/06/verurteilungen-gegen-klimaaktivistinnen-in-deutschland-nehmen-erschreckende-ausmasse-an/
Gesellschaftliches Engagement wird praktisch tot geschlagen.Und das ist nicht nur beim Klimaschutz so,in Stammheim z.B. stehen Friedensaktivisten vor Gericht weil sie eine Ruestungsfabrik des Verbrecherstaates Israel angegriffen haben:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ulm_5