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StudieMeeresspiegelanstieg in Küstengebieten höher als bislang angenommen

Überflutete Straße in einer tropischen Großstadt: Ein Mann schiebt ein Fahrradrikscha durch knietiefes Hochwasser, während ein Fahrgast mit Gesichtsmaske im Sitz dahinter sitzt. Das Wasser bedeckt große Teile der Straße und spiegelt Gebäude und Lichter. Im Hintergrund stehen Palmen, mehrstöckige Büro- und Geschäftsgebäude sowie Straßenlaternen, was auf eine urbane Umgebung während einer schweren Überschwemmung hindeutet.
Kalkutta in Indien: Die Millionenstadt ist durch ihre Lage am Hugli-Fluss und der Nähe zum Golf von Bengalen extrem vom Meeresspiegelanstieg und wiederkehrenden Fluten betroffen (Foto von Dibakar Roy auf Unsplash)

Es ist eine Annahme, die zu einer völligen Neubewertung von Gefahren für weltweite Küstenstädte werden könnte. Ein deutsch-niederländisches Forschungsteam weist auf Fehler bei den bisherigen Messungen zum Meeresspiegelanstieg hin.

07.03.2026 – Der Meeresspiegel entlang der Küstenlinien der Welt sei viel höher als bisher oftmals angenommen. In den am stärksten betroffenen Regionen wie Südostasien und dem Indopazifik liege er sogar etwa 1 bis 1,5 Meter höher als das Niveau, von dem bisherige wissenschaftliche Beurteilungen zu Küstengefahren ausgehen, so die zentrale Erkenntnis eines deutsch-niederländischen Forschungsteams unter der Leitung der Geograph:innen Dr. Philip Minderhoud (Wageningen University & Research) und Katharina Seeger (Universität zu Köln).

Durch den menschengemachten Klimawandel hat sich der Anstieg des Meeresspiegels in den letzten Jahrzehnten deutlich beschleunigt. So stieg einer Studie US-Amerikanischer Wissenschaftler:innen der Rutgers University in Piscataway zufolge der Meeresspiegel zwischen 1900 und 2020 deutlich schneller an als zu irgendeiner anderen Zeit in den vergangenen 4.000 Jahren. Gründe dafür sind vor allem das wärmer werdende Wasser der Ozeane, die sich dadurch ausdehnen, sowie schmelzende Gletscher weltweit.

Dabei sind inländische Gletscher, wie etwa in den Pyrenäen und den Alpen noch stärker für den globalen Meeresspiegels verantwortlich als die grönländischen und des antarktischen Eisschilde. Derweil haben die Meere bislang rund 80 Prozent der Wärme aufgenommen, die wir durch den Klimawandel verursacht haben und die Meere erwärmen sich viermal so schnell, wie noch vor 40 Jahren.

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Den US-Amerikanischen Wissenschaftler:innen zufolge. Erhöhte sich der Meeresspiegel in der ersten Hälfte des 19 Jahrhunderts nur um 0,1 Millimeter pro Jahr, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts waren es schon 0,76 Millimeter jährlich, ab dem 20 Jahrhundert und bis 2020 dann im Durchschnitt 1,51 Millimeter pro Jahr. Dabei handelt es sich um den sogenannten Globalen mittleren Meeresspiegel, der anhand von Satellitenauswertungen die Änderung der mittleren Ozeanhöhe bezogen auf ein Erd-Referenzsystem misst. Seit 1880 beläuft sich der Anstieg insgesamt auf rund 21 bis 24 Zentimeter.

Das IPCC, der Weltklimarat, zeigte in seinem sechsten Sachstandsbericht zum Klimawandel 2021 zudem, dass der Meeresspiegelanstieg innerhalb des 20. und 21. Jahrhunderts nochmal deutlich zunahm, von 1,3 mm/Jahr zwischen 1901 und 1971, über 1,9 mm/Jahr zwischen 1971 und 2006, zu 3,7 mm/Jahr zwischen 2006 und 2018. Weitere Studien weisen zudem auf eine starke räumliche Heterogenität hin – heißt in manchen Regionen ist der Anstieg deutlich stärker als anderswo.

Deshalb ziehen die Autor:innen bisherige Annahmen in Zweifel

Die räumlich Heterogenität nehmen auch Philip Minderhoud, Katharina Seeger und Kolleg:innen in den Blick. Sie stellten fest, dass die meisten Küstenimpaktstudien einen Referenzmeeresspiegel verwenden, der im weltweiten Durchschnitt niedriger ist als der tatsächliche Meeresspiegel entlang der Küste. Die Forschenden berechneten die Differenz zwischen der Höhe des Küstenlandes und dem küstennahen Meeresspiegel weltweit und verglichen ihre Ergebnisse mit 385 aktuellen wissenschaftlichen Publikationen.

Ihr Ergebnis: Mehr als 90 Prozent dieser Studien verwendeten keine Meeresspiegelmessungen, sondern lediglich Landhöhenmessungen, deren Höhen auf sogenannte globale Geoidmodelle bezogen sind. Dabei handelt es sich um Modelle, die eine Schätzung des globalen Meeresspiegels auf der Grundlage der Schwerkraft und Rotation der Erde liefern. „Der Meeresspiegel wird allerdings durch zusätzliche Faktoren wie Winde, Meeresströmungen, Gezeiten sowie die Temperatur und den Salzgehalt des Meerwassers beeinflusst“, erklärt Minderhoud. „Die tatsächliche Höhe kann daher abweichen.“

Satelliten liefern weltweit Messungen sowohl der Landhöhe als auch des Meeresspiegels, letztere mit einer Genauigkeit von nur wenigen Zentimetern. „Allerdings werden Land- und Meeresspiegel mit unterschiedlichen Satelliten gemessen, oft in Bezug auf ein unterschiedliches Geoid, was die Kombination der Informationen nicht einfach macht“, sagt Seeger. „Als wir genaue Meeresspiegelmessungen korrekt mit der Landhöhe integrierten, stellten wir fest, dass der Meeresspiegel an vielen Orten der Welt erheblich höher ist, als es Geoidmodelle vermuten lassen.“

Eine Analyse, die zu Diskussionen führt

Da die meisten bisherigen Studien auf Basis der Geoidmodellen, den tatsächlichen Meeresspiegel nicht angemessen berücksichtigen, würden diese die Gefährdung der Küsten und deren Bewohner:innen nicht angemessen berücksichtigen. „Unsere korrigierten Berechnungen zeigen, dass bei einem relativen Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter 37 Prozent mehr Fläche und 68 Prozent mehr Menschen – bis zu 132 Millionen – unter Meeresspiegelniveau fallen werden, als frühere geoid-basierte Bewertungen vermuten ließen“, sagt Seeger.

Man stelle nun alle methodischen Schritte zur Verfügung, damit neue Bewertungen vorgenommen werden können, in der Hoffnung, dass in betroffenen Gebieten schneller Schritte zur Anpassung an den steigenden Meeresspiegel erfolgen. Expert:innen halten einige Schlussfolgerungen von Seeger und Minderhoud für zu weitreichend, betonen jedoch, dass Risikoeinschätzungen auf Basis satellitengestützter Höhendaten differenzierter ausgewertet werden sollten.

Jürgen Kusche ist Professor am Institut für Geodäsie und Geoinformation an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Er sagt: „In der aktuellen Studie wird aber aus der teilweise inkorrekten oder undokumentierten Vorgehensweise beim Ableiten absoluter Höhen in den 385 Studien auf einen Fehler geschlossen, der dann als Fehler relativer Höhen interpretiert wird, um die Auswirkungen dieses Fehlers bei Berechnungen des Meeresspiegelanstiegs zu demonstrieren. Das führt meiner Ansicht nach zu einem weit überzogenen Ergebnis.“

Professor Torsten Schlurmann, ist Geschäftsführender Direktor des Franzius-Institut für Wasserbau, Ästuar- und Küsteningeniuerwesen an derGottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover. Er konstatiert: „Die Ergebnisse der Forschenden stellen einen ‚blinden Fleck‘ disziplinübergreifender Kommunikation und Kollaboration heraus, der sowohl die Aufklärung als auch bessere Abstimmung und vor allem eine systemische Veränderung der Zusammenarbeit erfordert, wie wir zukünftig mit Höhenbezugssystemen der lokal beobachteten Meeresspiegel und angrenzenden Landflächen umgehen. Die zugrundeliegenden Methoden der Studie und Ergebnisdiskussion sind robust und vertrauenswürdig.“ mg

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