Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): Mögliche Wege zu sozial-gerechtem Klimaschutz

Eine Studie beleuchtet erstmals global die CO₂-Intensität des Konsums privater Haushalte und die Verteilungswirkung von Klimapolitik. Die Ergebnisse sollen Orientierung geben, um den Kampf gegen die Erderhitzung sozial auszubalancieren.
29.06.2026 – Die aktuelle Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), publiziert im Journal of Environmental Economics and Management (JEEM), hat sich einem brisanten Thema angenommen, nämlich der Möglichkeit einer sozial gerechten Verteilungswirkung von Klimapolitik. „Die Unsicherheit bezüglich der sozialen Folgen von Klimapolitik ist für viele Regierungen rund um den Globus ein Problem“, sagt Leonard Missbach, PIK-Forscher und Leitautor der Studie. „Sie wissen nicht, wie sich die Kosten der Maßnahmen auf ihre Bevölkerung verteilt und wie sie diese Lasten so kompensieren können, dass die politische Akzeptanz gesichert ist. Deshalb haben wir uns das genau angeschaut: mit Hilfe eines neuartigen großen Datensatzes und unter Einsatz von maschinellem Lernen.“
Der Datensatz basiert zum einen auf nationalen Umfragen, in denen insgesamt 1,7 Millionen repräsentativ ausgewählte private Haushalte anonym ihre Ausgaben auflisten. Sie bilden die Lebensrealität in 88 Ländern mit 5 Milliarden Menschen ab, heißt es in der Studie. Zum anderen enthält der Datensatz die Information, wie viel CO₂ den einzelnen Ausgabenposten zugeordnet werden kann – sowohl direkt, etwa bei Sprit und Heizöl, als auch indirekt bei allen anderen Ausgaben.
Mithilfe dieser bislang beispiellosen Sammlung von individuellen „CO₂-Fußabdrücken“ analysiert das PIK-Forschungsteam nun, wer genau von Klimaschutzmaßnahmen betroffen wäre. Dabei schaut es auf Unterschiede in Bezug auf die Mehrbelastung durch Klimapolitik relativ zum Einkommen. Je größer die Unterschiede zwischen Haushalten in einem Land, desto mehr besonders belastete Härtefälle, und desto schwieriger werde die Kompensation, so die Forschenden.
Manche gut gemeinte Kompensation kann die Ungleichheit sogar verstärken
Eine weitere Erkenntnis der Forschenden: In allen 88 betrachteten Ländern sei der Belastungsunterschied zwischen Arm und Reich, auf die die Politik bislang beim sozialen Ausbalancieren vor allem schaut, deutlich geringer als der Unterschied innerhalb der Einkommensgruppen. Ausgleich mit dem traditionellen Ansatz, etwa gestaffelte Transfers oder Steuernachlässe, würde laut Studie also vielen Härtefällen weniger als gedacht helfen, es könnte die Ungleichheit der Auswirkungen sogar verstärken, schlussfolgern die Forschenden.
Mit Hilfe maschinellen Lernens geht die Studie der Unterschiedlichkeit auf den Grund. Wichtige weitere Ansatzpunkte sind demnach der Besitz von Autos und Motorrädern, räumliche Aspekte wie Stadt / Land oder eine bestimmte Region sowie die Energienutzung, etwa der Energieträger zum Kochen, Beleuchten und Heizen, der Anschluss ans Stromnetz und die Nutzung größerer Haushaltsgeräte. Aber nicht alle Ansatzpunkte seien überall gleich wichtig. Zum Beispiel wäre der Motorrad-Besitz in Niger, Burkina Faso und Togo ein wichtiges Haushaltsmerkmal, das die relative stärkere Belastung durch Klimapolitik erklären helfe.
Unterschiede zwischen Haushalten in Lettland, Schweden und Tschechien werden laut Studie besonders gut durch das Stadt-Land Gefälle erklärt. Die Frage des Energieträgers zum Kochen sei besonders relevant in Nicaragua und Indien, die Haushaltsgeräte-Nutzung in der Schweiz und auf den Philippinen. Es gebe aber auch viele Länder, in denen anhand von gängigen Merkmalen die Unterschiede in der Belastung nicht erklärt werden könnten. Hier wären Optionen für zielgenaue Kompensation noch nicht in Sicht, es gibt weiteren Forschungsbedarf, sagen die Studienautoren.
Möglichkeiten für einen länderübergreifenden Erfahrungsaustausch
Um die Vielfalt der Erkenntnisse greifbar zu machen, bildet das Forschungsteam schließlich zehn Cluster von Ländern, in denen sich die Verteilung der CO₂-Intensität des Konsums ähnlich erklären lässt. Das diene dazu, Möglichkeiten für den länderübergreifenden Erfahrungsaustausch bei der Politikgestaltung aufzuzeigen, so die Forschenden.
„Wir geben bewusst keine Empfehlung für konkrete Politik in einzelnen Ländern“, betont Jan Steckel, PIK-Forscher und Co-Autor der Studie. „Darüber zu entscheiden ist ja Sache der Regierung. Unsere Arbeit gibt für den sozialen Ausgleich Orientierung und hilft auch nichtstaatlichen Akteuren zu verstehen, wie Politikmaßnahmen wirken. Prinzipiell gilt natürlich: CO₂-Emissionen bepreisen oder Subventionen für fossile Brennstoffe abbauen schafft zusätzliche Staatseinnahmen, anders als zum Beispiel Ge- und Verbote oder Grenzwerte, und macht damit sozialen Ausgleich leichter umsetzbar.“
Verteilungswirkungen ermitteln und berechnen
Die Veröffentlichung ist auch Grundlage eines englischsprachigen Onlinetools, den das Forschungsteam gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit im Internet realisiert hat (https://cpic-global.net/). Mithilfe des „Carbon Pricing Incidence Calculators“ kann man für alle 88 Länder die Verteilungswirkungen von Klimapolitik und sozialen Ausgleichsmaßnahmen ermitteln und auch berechnen, wie man selbst betroffen wäre. Dazu gibt es auch ein Video (https://youtu.be/8MjQ8gyK-4Q).
Artikel: L., Steckel, J., (2026): The heterogeneous effects of climate policy on households: Evidence from 88 countries. – Journal of Environmental Economics and Management (JEEM). [DOI: 10.1016/j.jeem.2026.103382] https://doi.org/10.1016/j.jeem.2026.103382





















































