State of Carbon Dioxide Removal ReportOhne CO2-Entnahmen keine Netto-Null

enkrechte Luftaufnahme eines großen Industrie- oder Kraftwerksstandorts bei Dämmerung. Im Zentrum stehen zahlreiche technische Anlagen, Rohrleitungen und Gebäude. Aus einem hohen Schornstein steigt eine große weiße Dampfwolke auf. Links sind überdachte Lagerflächen mit dunklem Schüttgut zu sehen, rechts Verwaltungs- und Betriebsgebäude. Die Straßen und Wege des Geländes sind beleuchtet.
Emissionen aus Industrie und Energieerzeugung werden noch auf viele Jahre Milliarden Tonnen CO2 jedes Jahr in die Atmosphäre pusten (Bild: Getty Images bei unsplash +)

Technische wie natürliche CO2-Entnahmen aus der Luft, dürfen nicht die Anstrengungen um Emissionsminderungen und die Energiewende ersetzen. Für die Klimaziele sind CDRs dennoch unverzichtbar.

04.06.2026 – Rund 2,2 Milliarden Tonnen CO2 werden aktuell jedes Jahr vom Menschen aktiv aus der Atmosphäre entfernt und gespeichert. Und das fast ausschließlich durch natürliche Senken. 99,9 Prozent der CO2-Entnahmen geschehen durch Aufforstung oder Wiederaufforstungsprojekte, zu einem geringeren Anteil gehören zu diesen natürlichen Senken auch eine bessere Waldbewirtschaftung, humusaufbauende Landwirtschaft, Wiedervernässung von Mooren und Wiederherstellung anderer Feuchtgebiete, wie Mangrovenwälder. Damit können rund 5 Prozent der globalen Brutto CO2-Emissionen wieder eingefangen werden.

Zur Abgrenzung: Rund 50 Prozent der globalen CO2-Emissionen werden durch die ohnehin vorhandenen natürlichen Senken dieser Erde, wie Wälder und die Ozeane, wieder aufgenommen. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Von insgesamt 42,2 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr, ausgestoßen durch fossile Brennstoffe und Landnutzung, sorgen vorhandene natürliche Senken für eine Minderung von 20,5 Milliarden Tonnen, 2,2 Milliarden sind es durch aktiv vom Menschen ermöglichte natürliche Senken. Der Rest jedoch gelangt in die Atmosphäre und heizt das Klima an.

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Es braucht aktive CO2-Entnahme-Maßnahmen

Die Energiewende und damit weitere Reduktion von Emissionen, die überhaupt in die Atmosphäre abgelassen werden, bleibt das wichtigste Vorhaben. Das betont auch die am Dienstag erschienene dritte globale Bestandaufnahme globaler CO2-Entnahmen, der State of Carbon Dioxide Removal Report. Doch darüber hinaus braucht es auch aktive CO2-Entnahme-Maßnahmen.

Sollten parallel sehr ambitionierte Emissionsminderungen gelingen – die im Einklang mit einem Paris kompatiblen 1,5 Grad-Ziel stehen, beziffern die Autor:innen des Carbon Dioxide Removal Reports die nötige aktive CO2-Entnahme 2030 auf 2,9 Milliarden Tonnen jährlich. Doch nationale Zusagen kommen nur auf 2,5 Milliarden Tonnen CO₂ 2030. Eine Lücke, die laut den Szenarien des Reports weiter steigen wird, auf 1,2 Milliarden Tonnen 2035 und 5,2 Milliarden 2050.

Zudem sind die Emissionsminderungen nach dem 1,5 Grad Ziel in weite Ferne gerückt, was aktive CO2-Entnahmen umso wichtiger macht. Oliver Geden ist Doktor und Leiter des Forschungsclusters Klimapolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, sowie einer der leitenden Autoren des Reports. Er sagte letzte Woche bei einer Presserunde des Science Media Center: „Ohne CO₂-Entnahme gibt es keine Netto-Null.“ Zudem sei kein Temperaturziel erreichbar ohne Carbon Dioxide Removal.

„Wir werden 1,5 Grad mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren überschreiten. Und dann könnten wir theoretisch die Temperatur wieder zurückbringen, wenn wir es schaffen, nicht nur Netto-Null zu gehen, sondern netto-negativ“, so Geden weiter.  Dafür brauche es neben aktiven natürlichen Senken, zu einem gewissen Teil auch technische Senken.

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Doch Carbon Capture and Storage Technologien – kurz CCS – decken aktuell nur rund 2 Millionen Tonnen an CO2-Entnahmen weltweit ab. Zudem sind sie laut Report statistisch teils schwer zu erfassen, weil sie nicht sauber in nationalen Treibhausgasinventaren auftauchen. Zudem bestehen weiterhin große Unsicherheiten bei Kosten und politischen Vorgaben sowie Förderungen.

In Deutschland hat die Bundesregierung im letzten Jahr eine Novelle des CO2-Speichergesetzes beschlossen. Ursprünglich noch von der vorherigen Ampelregierung eingebracht, soll das Gesetz Genehmigungsverfahren für den Bau von CCS-Anlagen – zum Abscheiden, Transportieren und Speichern – beschleunigen, etwa Umweltverträglichkeitsprüfungen reduzieren, und für die Projekte ein überragendes öffentliches Interesse feststellen. Bisher ist vorgesehen, das abgeschiedene CO2 entweder zu exportieren oder in der ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands – 12 bis 200 Seemeilen vor der Küste – unter der Nordsee zu speichern. Dafür braucht es immense Infrastrukturinvestitionen.

Auch die EU will CO2-Entnahmen fördern. Dafür hat die Kommission Anfang des Jahres einen freiwilligen Zertifizierungsstandard für CO2-Entnahmen aus Luft und biogenen Prozessen vorgelegt. Dann sollen die freiwilligen Zertifizierungsmethoden drei Arten von dauerhaften CO2-Entnahmen abdecken: direkte Luftabscheidung mit Kohlenstoffspeicherung (engl. Direct Air Capture and Carbon Storage (DACCS)), Abscheidung biogener Emissionen mit Kohlenstoffspeicherung (BioCCS) und CO2-Entnahmen durch Pflanzenkohle (engl. Biochar Carbon Removal (BCR)). Diese drei Bereiche seien laut EU-Kommission ausreichend „reife“ Aktivitätstypen, für die robuste Methodiken möglich seien.

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Laut Oliver Geden brauche es eine Steigerung von CO2-Entnahmen mit neuartigen und technischen Methoden von aktuell 2 auf 70 bis 100 Millionen Tonnen 2030. Dies sei nicht unmöglich und er zieht den Vergleich zu Skalierungskurven von Photovoltaik, Elektromobilität oder der Ammoniaksynthese. Aber anders als bei Solarenergie oder E-Autos gebe es kein eigenständiges Konsumprodukt mit Zusatznutzen. Deshalb werde deutlich mehr öffentliche Finanzierung nötig sein.

In den meisten Staaten bleibe CO2-Entnahmepolitik jedoch Stückwerk, erklärt Dr. Elina Brutschin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg, Österreich, und ebenfalls Leitautorin des Reports. Ein Großteil der Politik konzentriere sich auf neuartiges CDR, auf den Aufbau von Kapazitäten, wie zum Beispiel Zuschüsse, Steuergutschriften, Forschung und Entwicklung. Es gebe aber deutlich weniger Unterstützung in den wichtigen Bereichen von Schaffung und Nachfrage oder von robusten Governance-Rahmen. In den USA seien mit Trump vorherige gute Bedingungen sogar wieder zunichte gemacht worden. Der Markt brauche „Regulierungsstabilität“, so Brutschin. mg

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