TOP-THEMA
Europa






Wegen extrem klimaschädlichem GasStrafanzeige gegen Chemiekonzern Solvay

Blick über ein Tal mit einer industriellen Anlage: Im Vordergrund verlaufen Straßen, Brücken und Grünflächen, dahinter stehen mehrere große Fabrikgebäude mit Tanks, Rohrleitungen und Produktionsanlagen. Rund um das Industriegebiet liegen Wohnhäuser, Bäume und Felder, im Hintergrund sind Hügel und eine Kleinstadt zu sehen.
Das Solvay-Werk in Bad Wimpfen: Ein Drittel des deutschen SF6-Ausstoßes (Bild: Peter Schmelzle, Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Es sind wohl Tonnen statt Kilogramm des klimaschädlichen Gases Schwefelhexafluorid (SF6), dessen Ausstoß der Chemiekonzern Solvay zu verantworten hat. Gegen den Konzern hat die Deutsche Umwelthilfe Klage eingereicht. Auch Behörden sind in der Kritik.

13.12.2025 – Der Vorwurf ist deutlich: Die massive Freisetzung eines der gefährlichsten Klimagase sei weder zufällig noch unbemerkt erfolgt, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe. Schwefelhexafluorid – kurz SF6 – ist das stärkste bekannte Treibhausgas. Pro Kilogramm liegt sein Treibhauspotenzial bei rund 24.000 CO2-Äquivalenten. 56 Kilogramm jährlichen Ausstoßes hatte der Chemiekonzern Solvay, für seine Fabrik im baden-württembergischen Bad Wimpfen, bei der zuständigen Behörde, dem Regierungspräsidium Stuttgart gemeldet.

Doch unabhängige Messungen ergaben, dass der Ausstoß von SF6 des Solvay-Werks in Bad Wimpfen eher bei rund 30 Tonnen liegt, also der 500-fachen Menge, die vom Unternehmen gemeldet wurden. Das entspricht einem Äquivalent von circa 730.000 Tonnen CO2 und ist vergleichbar mit dem Klimaschaden von 250.000 Langstreckenflügen.

An diesem Donnerstag stellte die DUH Strafanzeige gegen verantwortliche Vertreter von Solvay wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das Bundesimmissionsschutzrecht. Wenn gegen eine Genehmigung verstoßen wurde, liegt eine strafbare Luftverunreinigung vor. Mit einer Strafanzeige wolle man die strafrechtliche Aufarbeitung dieser mutmaßlich wissentlichen Klimaschädigung durch die verantwortlichen Manager erreichen, so DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.

Wofür SF6 gebraucht wird

Solvay stellt in dem Werk in Bad Wimpfen Flour-Chemikalien her, die etwa zum Polieren und Ätzen von Gas, als Grundstoffe für Arznei- und Pflanzenschutzmittel, als Isolier- und Kühlgase für Transformatoren, Hochspannungskabel und Radarsysteme sowie bei der Herstellung von Kraftstofftanks und Lötflussmitteln für Autokühler und Klimaanlagen eingesetzt werden. Dazu gehört auch Schwefelhexafluorid.

Solvay ist laut Behörden einziger Produzent von SF6 in Europa. Aufgrund vermeintlich geringfügiger Leckagen hatte Solvay an die zuständigen Behörden für 2023 den Ausstoß von 56 Kilogramm SF6 gemeldet. Doch Messungen der Frankfurter Goethe Universität kommen für diesen Zeitraum auf ganz andere Ergebnisse.

Immer wenn der Wind aus Südwesten kam, hatten Atmosphärenchemiker:innen der Universität an einer Messstation auf dem kleinen Feldberg im Taunus über Jahre hinweg extrem erhöhte Messungen von SF6 festgestellt. Mithilfe atmosphärischer Modelle und zusätzlichen Daten lokalisierten die Forscher:innen den Schwerpunkt der Emissionsquelle auf die Region Heilbronn. Dort liegt Bad Wimpfen und der Weg zum Solvay-Werk war nicht mehr weit. Für die Jahre 2020 bis 2023 kamen die Forscher:innen der Goethe-Universität auf rund 30 Tonnen SF6 im jährlichen Mittel.

Mehr zum Thema

Blick auf ein Industriegebiet mit rauchenden Schornsteinen an einer Küste unter einer dunklen, wolkenverhangenen Himmelschicht. Zwischen Meer und Land liegt ein breiter Streifen aus Dunst und Rauch, der die Atmosphäre bedrückt und auf Umweltbelastung hinweist.
Global Carbon Budget 2025

Mehr Emissionen, weniger Senken

Kohle, Öl und Gas sorgen weiter für steigende CO2-Emissionen in der Atmosphäre. Gleichzeitig sinkt die Aufnahmefähigkeit natürlicher Senken wie Wälder und Ozeane. Düstere Nachrichten des Global Carbon Projects. Doch es gibt auch positive Tendenzen.

Einem im Dezember 2025 veröffentlichten Factsheet des baden-württembergischen Umweltministeriums zufolge, hatte der Studienleiter Professor Andreas Engel im Februar 2024 erstmals eine Roh-Untersuchung der Ergebnisse im Ministerium lanciert. Im April 2024 wurden dann weitere Ergebnisse vorgestellt. Unmittelbar darauf ging das Regierungspräsidium Stuttgart als zuständige Behörde auf Solvay zu.

Im Zuge der von der Behörde angeordneten Untersuchungen wurden unerkannte SF₆-Emissionen in der Anlage identifiziert. So habe es kein einzelnes großes Leck, sondern mehrere Ursachen an verschiedenen Punkten der komplexen Anlage gegeben. Solvay legte daraufhin einen Maßnahmenplan vor, der unter anderem Überprüfungen von Sicherheitsventilen und deren Dichtigkeit, Überprüfung der Abluftreinigungsanlage und Aufbau eines Konzepts zur eigenen Emissionsüberwachung vorsah.

Messungen eines weiteren Instituts hatten in der Folge – zwischen Juni und September 2025 – ergeben, dass der SF6-Ausstoß zwar gesunken sei, aber immer noch um das Zehnfache erhöht. In einer Anordnung verpflichtete das Regierungspräsidium Stuttgart Solvay Anfang November zu unabhängigen Messungen und Überprüfung der Maßnahmen. Dagegen reichte Solvay am 03. Dezember Klage ein. Die Anordnung würde zu strenge Auflagen beinhalten.

Die Öffentlichkeit wusste zunächst wenig

Das alles geschah bis dato fernab der Öffentlichkeit. Erst eine Pressemitteilung der Goethe Universität und erstmalige Presseberichterstattung durch ZDF und Spiegel am selben Tag, brachten am 03. Dezember den öffentlichen Aufschrei ins Rollen. Solvay stellte die Messergebnisse der Goethe Universität zunächst in Frage.

Nach der Klage von Solvay aber, ordneten Umweltministerium und Regierungspräsidium Stuttgart Sofortvollzug der Anordnung an. Regierungspräsidentin Susanne Bay sagte am 08. Dezember: „Die Abstimmungen mit der Firma, dem Forscherteam der Universität Frankfurt und einem unabhängigen Prüfinstitut haben in der Zwischenzeit nahezu zweifelfrei ergeben, dass am Standort Bad Wimpfen SF6 in drastisch höherem Maße ausgetreten ist als angemeldet war.“ Solvay muss die Maßnahmen trotz laufender Klage unmittelbar umsetzen.

Die Kritik von Umweltverbänden richtet sich aber auch gegen die Behörden. Laut Regionalverband des Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Heilbronn, haben die Behörden, seit 2023 von Unstimmigkeiten bei den SF6-Emissionen des Solvay-Werks gewusst, aber nichts getan.

DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch sagt: „Seit mehr als einem Jahr sind Umweltministerium und das Regierungspräsidium nicht durch eigene Überwachungen, sondern über Messungen unabhängiger Forscher über die unglaublich hohen klimaschädlichen SF6 Emissionen im Raum Heilbronn informiert – ohne diese massive Umweltbelastung durch behördliche Anordnungen abzustellen.“ Wenn trotz eines festgelegten Summenparameters jahrelang tonnenweise SF6 entweiche, sei das schwerwiegendes Klimaschutz- und Aufsichtsversagen. Die DUH fordert eine vollständige Transparenz über die in den vergangenen Jahren behördlich akzeptierten erhöhten Freisetzungen von SF6 und notfalls ein Betriebsverbot für die entsprechenden Teile der Industrieanlage. mg

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

max 2.000 Zeichen