Steigende TemperaturenUnsicherheiten über aufkommenden El Niño

Schwarz-weißes Foto einer dunklen Meereslandschaft. Im Vordergrund rollt eine einzelne Welle diagonal durchs Bild, an ihrer Kante bricht etwas weißer Schaum. Das Meer wirkt ruhig, gleichzeitig aber schwer und düster. Der Horizont verschwimmt im Nebel oder Dunst mit dem grauen Himmel, sodass kaum eine klare Trennung zwischen Wasser und Himmel erkennbar ist.  Die Aufnahme erzeugt eine melancholische, stille und atmosphärische Stimmung.
Die Weltmeere im Hitzestress (Foto von Nathan Dumlao auf Unsplash)

Dass uns in den kommenden Monaten ein erneuter El Niño erwartet, scheint klar. Nur, wie stark das Wetterphänomen – das höhere Luft- und Meerestemperaturen zur Folge hat – seien wird, ist noch mit großen Unsicherheiten behaftet.

19.05.2026 – Laut dem neuesten Statusbericht der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde der Vereinigten Staaten (NOAA) von letzter Woche, ist die Wahrscheinlichkeit eines baldigen El Niño Ereignisses erneut gestiegen. Die NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens zwischen Mai und Juli inzwischen auf 82 Prozent. Damit könnte ein schneller Wechsel von dem anderen Wetterphänomen La Niña zu El Niño bevorstehen.

Im Normalfall – in der Meteorologie ENSO-neutral genannt – treiben Passatwinde von Ost (Südamerika) nach West (Richtung Australien und Südostasien) und schieben dabei warmes Oberflächenwasser des Pazifiks vor sich her. Dafür treibt vor der südamerikanischen Küste kaltes Tiefengewässer nach oben. Das Meer bleibt dort relativ kühl, während es im Westpazifik, vor Südostasien und Australien relativ warm ist und stärkere Regenfälle zur Folge hat, denn mit steigenden Meerestemperaturen und Verdunstung steigen auch die Regenmassen. Beim Wetterphänomen La Niña verstärkt sich dieser Effekt. Was weltweit kühlere Oberflächentemperaturen zur Folge hat.

Beim El Niño hingegen schwächeln die Passatwinde so stark, dass sich das System schließlich umkehrt und antizyklisch wird. Jetzt treibt warmes Oberflächengewässer nach Südamerika, dort regnet es stärker, auch Hurrikanes werden in der Tendenz mächtiger. Vor Südostasien und Australien dagegen machen sich Trockenheit und Hitze breit. Der Aufstieg kalten Tiefengewässers fehlt im Westpazifik. Weltweit steigen die Oberflächentemperaturen.

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Das letzte schwächere La Niña Ereignis endete erst im April, mit ihrem Höhepunkt Anfang des Jahres. Normalerweise findet ein Übergang von La Niña zu El Niño über Monate mit einer längeren Periode des ENSO-neutral statt. Ein Beginn von El Niño in nächster Zeit hätte damit einen sehr schnellen Wechsel zur Folge. Das letzte El Niño Ereignis erfolgte im Übrigen zwischen Mai 2023 und Mai 2024. Das antizyklische Wetterphänomen trat in der Vergangenheit alle zwei bis sieben Jahre auf.

Bis spätestens Oktober liegt die Wahrscheinlichkeit eines erneuten El Niño bei 98 Prozent. Dass das Wetterphänomen in diesem Jahr erneut auftritt, gilt also als nahezu sicher. Nur wie stark er wird, darüber bestehen große Unsicherheiten. Ein Indiz für einen ausgeprägten El Niño sind die seit Monaten steigenden Meerestemperaturen weltweit.

Johanna Baehr ist Professorin und Leiterin der Forschungsgruppe Klimamodellierung am Institut für Meereskunde und dem Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg. Für sie zeigt sich im äquatorialen Pazifik der Übergang in Richtung eines El-Niño-Ereignisses inzwischen deutlich. „Bereiche mit noch vor wenigen Wochen durchschnittlichen oder leicht unterdurchschnittlichen Meeresoberflächentemperaturen zeigen nun weitgehend überdurchschnittlich warme Temperaturen. Damit erscheint es möglich, dass die Meeresoberflächentemperaturen im weiteren Jahresverlauf über die Werte von 2024 steigen.“

Ob sich daraus ein starker El-Niño, wie 2015/16 entwickeln wird, ließe sich aber jetzt noch nicht sagen. „Die Jahre 2014 bis 2016 haben gezeigt, dass El-Niño-Bedingungen über einen langen Zeitraum bestehen können, bevor sich schließlich ein starkes El-Niño-Ereignis entwickelt. Auch im Mai 2014 wurde bereits ein ‚Super-El Niño‘ vorhergesagt. Ein sehr starkes El-Niño-Ereignis entwickelte sich dann tatsächlich erst 2015/2016“, so Baehr. Aktuell ließen sich viele atmosphärische Prozesse, die zu weltweiten Hitzewellen aufgrund des Wetterphänomens führen können, noch nicht voraussagen.

Karsten Haustein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Atmosphärische Strahlung, Institut für Meteorologie der Universität Leipzig. Er ergänzt: „Es braucht tropische Wirbelstürme, um sogenannte West-Wind-Bursts auszulösen, die wiederum ozeanische Schwerewellen (Kelvinwellen) auslösen, welche das kalte Tiefenwasser im Ostpazifik effektiv nach ‚unten drücken’ und damit den Weg für das Wärmereservoir der oberen 300 Meter an die Oberfläche frei machen. Erst dadurch steigen die Meeresoberflächentemperaturen auf Rekordniveau. Ob und wie viele tropischen Wirbelstürme entstehen, lässt sich erst ein bis zwei Wochen im Voraus vorhersagen. Daher bleibt Stand jetzt offen, ob es zum Super-El Niño reicht oder nicht.“

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Zwei Grad über Normalfall

Das NOAA gibt die Wahrscheinlichkeit für einen sehr starken El Niño – quasi ein Super-El Niño – bei 33 bis 37 Prozent an, je nachdem wann er sich zu einem solchen entwickelt, ob zwischen Oktober und Dezember oder zwischen November und Januar nächsten Jahres. Von einem sehr starken Ausmaß des Wetterphänomens spricht die NOAA, wenn in drei aufeinanderfolgenden Monaten die Durchschnittstemperatur in einer bestimmten als El Niño klassifizierten Region zwei Grad über dem Normalfall liegt.

Forscher:innen weltweit plädieren dafür mit diesen Wahrscheinlichkeiten zu arbeiten, anstatt einen sogenannten Super-El Niño herbeizureden, von dem gar nicht klar ist, welche Auswirkungen er haben könnte. Ein sehr starkes El Niño Ereignis laut NOAA gibt zunächst einmal Hinweise auf die Wahrscheinlichkeit von Auswirkungen, wie stark diese dann sind, wird sich zeigen.

Der El Niño 2015/16 zählte mit Durchschnittlich 2,8 Grad über dem Normalfall zwischen November und Januar zum stärksten der letzten 50 Jahre. Laut Vereinten Nationen waren rund 60 Millionen Menschen weltweit von den Auswirkungen des Wetterphänomens betroffen – durch Dürre, Fluten, Hitze und Kälte. So gab es in Ost- und Südafrika verheerende Dürrekatastrophen. Und in den Weltmeeren setzten die warmen Ozeantemperaturen den Korallen erheblich zu. Sie gilt als die dritte große Korallenbleiche. Die vierte könnte bereits im Gange sein.

Zwar lassen sich einzelne El Niños und deren Häufigkeit nicht auf den Klimawandel zurückführen, grundsätzlich steigende Temperaturen von Ozeanen und Atmosphäre dagegen schon. Und diese wiederum können die Ausmaße von El Niños sehr wohl beeinflussen. mg

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