Bild: HTWG Konstanz, Torben Nuding

Nachgefragt 13.05.2026

What can you do for your Klimaschutz?

Wie reagieren wir auf die vielen Rückschritte beim Klimaschutz? Maike Sippel plädiert dafür, nicht auf politische Entscheidungen von oben zu warten, sondern aktiv Spielräume für eigenes Handeln zu nutzen – und sie sogar zu erweitern.

Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der HTWG Konstanz


Nachgefragt 13.05.2026

What can you do for your Klimaschutz?

Wie reagieren wir auf die vielen Rückschritte beim Klimaschutz? Maike Sippel plädiert dafür, nicht auf politische Entscheidungen von oben zu warten, sondern aktiv Spielräume für eigenes Handeln zu nutzen – und sie sogar zu erweitern.

Bild: HTWG Konstanz, Torben Nuding

Maike Sippel, Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der HTWG Konstanz



Frau Sippel, mit Ihrem Buch „Die Welt, der Wandel und ich“ beschreiben Sie, dass Gesellschaften, wenn sie kurz vor einem Kipppunkt stehen, sich dessen oft nicht bewusst ist. Welche Anzeichen sprechen dafür, dass wir beim Klimaschutz an so einem Kipppunkt stehen?

Wir können schon feststellen, dass die Erneuerbaren Energien überlegen sind und durch die Decke gehen. Gleichzeitig sehe ich das Aufbäumen der fossilen Wirtschaft als ein Zeichen, dass wir nah dran sind an diesem Kippen. Es ist wie ein Tauziehen: Einerseits gehen wir voran mit der Energiewende, andererseits gibt es eine Gegenbewegung, eine Art fossile Nostalgie.

Es gibt in der Tat massive Widerstände, über Jahrzehnte genährt von der Lobbymacht der Öl-, Kohle- und Gasindustrie. Wenn Sie Ihren Leser:innen Mut machen, Fuß- und Handabdruck zu verbessern – greift dies nicht zu kurz, vor dem Hintergrund, dass ein erbarmungsloser Kampf tobt um globale Marktanteile?

Der Machtkampf, den Sie beschreiben, findet nicht im luftleeren Raum statt. Sondern der findet ja auch hier bei uns statt – in einer Demokratie, in der wir als Bürgerinnen und Bürger Einfluss nehmen können auf das, was die Politik entscheidet, indem man wählt, indem man auf eine Demo geht und die Erneuerbaren Energien verteidigt, indem wir Abgeordnete ansprechen, indem wir selbst entscheiden, was wir in unserem Wirkungsbereich umsetzen: Kommt beispielsweise in meinem Unternehmen, in dem ich arbeite, eine Photovoltaik-Anlage aufs Dach? Das sind Entscheidungen, die den großen Machtkampf mitentscheiden, und uns da stark zu machen – das ist unser Handabdruck. Wichtig ist mir die Frage: Wie kommen wir aus der Ohnmacht heraus zu denken: Das entscheiden eh alles die da oben. Sondern wo können wir wirkungsvoll ansetzen? Und das nicht nur als einzelne, sondern auch zusammen mit anderen. Hand- und Fußabdruck sind dabei die zwei Hebel, die sich sehr gut ergänzen.

Sie sprechen die Politik an: Katherina Reiche verlangsamt das Tempo der Energiewende mit Verweis auf die angeblichen Belastungen für die Wirtschaft. Wenn sie jetzt hier am Tisch säße, welche Botschaft hätten Sie an die Ministerin?

Es gibt da zwei Ebenen: Auf der Ebene der Argumente kann man sagen, dass die Erneuerbaren die günstige Form der Energie sind, die Zukunftsenergien, die wirtschaftlich den Standort stärken. Durch den Import von Öl und Gas fließen 1.000 Euro pro Kopf von Deutschland ins Ausland. Wirtschaftlich ist es superspannend, wenn das Geld hierbleibt, wir unabhängig werden und dass die CDU es zu ihrem Projekt macht, dieses Land in eine moderne Industrie zu führen. Das ist die Faktenebene.

Mehr zum Thema

Großes Solarfeld mit zahlreichen Photovoltaikmodulen im Vordergrund. Dahinter stehen eine Windkraftanlage mit drei Rotorblättern sowie ein Industriegebäude mit einem hohen, rot-weiß gestreiften Schornstein, aus dem Rauch aufsteigt. Im Hintergrund sind Hügel unter blauem Himmel zu sehen.
Erneuerbare günstiger

Gutachten widerspricht Reiches Mär von hohen Energiewende-Systemkosten

Wegen vermeintlich zu hohen Kosten, will Wirtschaftsministerin Reiche den Erneuerbaren Ausbau bremsen und lieber Gaskraftwerke zur Versorgungssicherheit fördern. Zahlen eines neuen Gutachtens sprechen eine völlig andere Sprache.

Und auf der persönlichen Ebene…

… ist ihr persönliches Lebenswerk stark verwoben mit den fossilen Energien. Da stellt sich die Frage, wie kann individuell für sie ein Wandel gelingen, und könnte man sie dabei unterstützen? Das geht ja einigen so, die ihre Jobs im alten Energiesystem hatten – ob Kohlekumpel oder Ingenieure in der Automobilindustrie, die Benzinmotoren optimiert haben oder Gaseinkäufer bei den Stadtwerken. Das sind ja intelligente, gute Menschen, die mit ihrem Lebenswerk zu etwas Wichtigem beigetragen haben, von dem wir jetzt sehen: Davon müssen wir uns verabschieden. Diesen persönlichen Weg zu gehen und umzusteuern, das stelle ich mir sehr schwer vor. Vielleicht hilft es beim Bauen dieser persönlichen Brücke, sich die Frage zu stellen: Für was will ich gestanden haben in dieser Zeit? Will ich Teil sein einer Problemlösung? Was will ich meiner Enkelin mal erzählen können?

Andererseits sehen viele Klimaschützer, wie sehr die Zeit drängt.

Ja, ganz viele Menschen in Deutschland wünschen sich mutigere Politikentwürfe und sind enttäuscht, dass die Politik nicht liefert. Das Kunststück ist, sich nicht zurückzulehnen und abzuwarten, bis die Politik irgendwann macht, sondern trotzdem aktiv zu sein. Mit einem gewissen strategischen Blick darauf, wie wir mit unserem eigenen Handeln auch eine bessere Politik wahrscheinlicher machen können. Das ist gut für den Wandel – und auch für das eigene Seelenheil. Fatalismus macht nicht glücklich. Es ist gut für die seelische Gesundheit, wenn man in seinem Wirkungsbereich etwas Sinnvolles tut.

In Umfragen befürworten rund 80 Prozent der Deutschen den Ausbau der Erneuerbaren Energien seit Jahren konstant. Dennoch bildet sich das in Wahlergebnissen nicht ab. Die stärksten Parteien bei der Sonntagsfrage sind die CDU und die AfD. Wie lässt sich dieses Paradox erklären?

Ein Teil der Erklärung ist, dass Wahlentscheidungen nicht aufgrund eines einzelnen Themas getroffen werden. Welche Themen wahlentscheidend sind, wird aber auch durch die mediale Berichterstattung und den politischen Diskurs bestimmt. Das Zukunftsthema Erneuerbare Energien, die ja nicht nur zum Klimaschutz beitragen, sondern zur Sicherheit, Unabhängigkeit und kostengünstigen Energieversorgung – das hat vor der letzten Bundestagswahl nicht groß stattgefunden. Die Parteien und die Medien hätten das anders spielen können. Es gab stattdessen eine affektive, emotionale Polarisierung, zum Beispiel aus der CDU/CSU heraus gegen die Grünen. Wenn ich aber jemand zum Feind erkläre, der seit seinen Kindheitstagen für Erneuerbare Energien steht, nehme ich mir selbst Spielraum, Zukunftspolitik zu gestalten, was strategisch nicht klug ist. Die gute Nachricht bei der hohen Zustimmung in der Bevölkerung ist aber: CDU und SPD haben beim Thema Erneuerbare Energien den Rückhalt aus der Bevölkerung für eine ambitionierte Energiewende-Politik.

Mehr zum Thema

Personen auf einem Platz von oben, teilweise unscharf
Stimmungsbild

Mehrheit der Menschen sieht Energiepolitik kritisch

Die Energiepolitik der Bundesregierung kommt in der Bevölkerung nicht gut an. Vor allem die Streichung der Vergütung für kleine Solaranlagen stößt auf Ablehnung, aber auch die Reform des Heizungsgesetzes sehen viele Menschen skeptisch.

Was könnte in dieser Situation zusätzlich helfen?

Wir können die Erneuerbaren Energien noch mehr in die Mitte holen als Sicherheits- und Freiheitsenergien. Auch der soziale Aspekt kommt zu kurz. In der kalten Wohnung sitzt nachher, wer es sich am wenigsten leisten kann, das teure Gas für die Heizung zu zahlen. Ebenso kann nicht jeder Hauseigentümer mal eben eine Solaranlage oder Wärmepumpe aus der Portokasse finanzieren. Viele, die im ländlichen Raum aufs Auto angewiesen sind, können sich nicht einfach ein E-Auto kaufen. Das Thema der Bezahlbarkeit müsste auch stärker verbunden sein mit dem Aspekt der Daseinsfürsorge, der sich ausdrückt etwa über den Ausbau von Wärmenetzen und des öffentlichen Nahverkehrs. Leider ist das Zutrauen, dass dies sozial gerecht passiert, eher gering. Wie lange gibt es schon die Forderung eines Klimageldes, um einkommensschwache Haushalte beim CO2-Preis zu entlasten? Das könnte ein Herzensthema der SPD werden, die ja für soziale Themen stehen möchte.

Sie sind nach der Buchveröffentlichung viel im Land unterwegs. Welche Rückmeldungen bekommen Sie aus dem Kreis der Leserschaft?

Was mich natürlich freut: Viele Menschen sagen mir, dass mein Buch ihnen Mut macht, dass es ihnen Zuversicht schenkt. Ich zeige darin Spielräume auf, die jede und jeder strategisch nutzen kann, um eine enkeltaugliche Zukunft wahrscheinlicher zu machen. Mit einem Bild von wünschenswerter Zukunft vor Augen selbst anpacken – und seinen Frieden damit machen, dass wir nicht 100prozentig wissen, wie es ausgehen wird. Das ist eine geerdete und aktive Hoffnung – ein hilfreiches Mindset für unsere Situation. Und das eigene strategische Handeln dann als Kombination zu sehen – aus Fußabdruck und Handabdruck. Beim Fußabdruck mit den eigenen Entscheidungen zum Essen, Reisen, und Wohnen möglichst viel rausholen – innerhalb der bestehenden Spielräume. Und beim Handabdruck überlegen: Wie kann ich dazu beitragen, dass sich die Spielräume für alle vergrößern? Wie kann ich Spielregeln mitgestalten? Ein schönes Beispiel ist die PV-Anlage auf dem Lärmschutzwall an der B33 in Allensbach. Mit dieser Idee ist vor Jahren ein Bürger zum Bürgermeister gegangen, hat das mit ihm durchgerechnet, angeschoben, verfolgt und durchgesetzt, und heute ist die Anlage im Betrieb. Man sieht: Auch als einzelner kann man loslegen, sich Verbündete suchen, etwas bewegen. Insofern ist die Idee des Handabdrucks auch ein Teil der Demokratiebildung. Wo kann ich mitgestalten, wo kann ich etwas Sinnvolles, mein Bestes tun? Das stiftet Zufriedenheit, das ist der schöne Effekt dabei.

Gibt es ein neues Buchprojekt?

Kein Buch, aber wir haben gemeinsam mit Professor Florian Hörmann von der Technischen Hochschule Augsburg aus dem Buchprojekt heraus eine Art Workshop-Format designt, das im Juni in einem Unternehmen ausprobiert wird. Ziel ist, die zwölf Changemaker-Skills aus meinem Buch niederschwellig zu vermitteln und so nachhaltigkeitsambitionierte Unternehmen zu unterstützen.

Das Gespräch führte Benedikt Brüne.

Maike Sippel ist studierte Architektin, promovierte Ökonomin und seit 2013 Professorin für Nachhaltigkeit und Transformation an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung HTWG Konstanz. Ihr Buch „Die Welt, der Wandel und ich“ ist vergangenes Jahr im Herder Verlag erschienen.

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

max 2.000 Zeichen