Unabhängiger Expertenrat: Wie weiter mit dem natürlichen Klimaschutz

Das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz muss zügiger als bisher umgesetzt und vor allem weiter ausgebaut werden. So lautet der Appell des unabhängigen Expertenrats. Denn inzwischen emittiert der Landnutzungssektor mehr Emissionen als er bindet.
04.08.2025 –Ökosysteme schützen und wiederherstellen, damit sie dem Klimawandel widerstandfähiger begegnen und weiter wie bisher Kohlenstoffe binden und einlagern. Der natürliche Klimaschutz ist enorm wichtig, um die Klimaziele Deutschlands zu erreichen. Auf das große Klimaschutzpotenzial wiedervernässter Moore, naturnaher Wälder und von Bäumen in der Agrarlandschaft wiesen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Wissenschaftliche Beirats für natürlichen Klimaschutz (WBKN) bei der Übergabe ihrer Stellungnahme an Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hin.
Doch zunächst verweist die Stellungnahme auf die Entwicklungen der letzten Jahre. Seit 2014 ist der Landnutzungs-Sektor in Deutschland zu einer Netto-Emissionsquelle geworden. Die Dürreperiode von 2018 bis 2022 hat diesen Trend besonders verstärkt; im Jahr 2023 lagen die Netto-Emissionen des Sektors bei 68,7 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Eine gänzlich neue Herausforderung. Denn eigentlich sind in den Klimaschutzplänen viele Millionen Tonnen CO2 eingerechnet, die Wälder, Moore und andere Ökosysteme mehr speichern als emittieren. Die Herausforderung ist also größer geworden, nicht kleiner. Entsprechend beachtlich und groß fallen die empfohlenen Maßnahmen aus.
Moore: Nass bewirtschaften und größtes Einsparpotenzial nutzen
So empfehlen die Experten in den nächsten 20 Jahren rund 80 Prozent der bisher landwirtschafltich genutzten Moore wiederzuvernässen. Aufgrund der Trockenlegung entweichen jährlich rund 44 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente in die Atmosphäre. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es finanzielle Anreize für Landwirtinnen und Landwirte, neue Wertschöpfungsketten für Produkte aus Land- und Forstwirtschaft auf nassen Moorböden (Paludikulturen) und geeignete gesetzliche und institutionelle Rahmenbedingungen. Wiedervernässung muss sich darüber hinaus auf weitere Nutzungen wie Wald auf Moorböden erstrecken, um das Klimaschutzpotenzial zu heben.
Wälder: Mehr Anpassung und schonende Nutzung
Wälder sind unverzichtbar für die Erreichung der Klimaziele. Sie leiden bereits jetzt unter dem Klimawandel. Es gilt ihre Anpassung zu stärken, sei es durch natürliche Entwicklung, wo möglich, oder aktives Management, wo nötig. Wenn sich Bund, Länder und Kommunen gemeinsam dafür einsetzen, könnte darüber hinaus auf die Nutzung von über 110.000 Hektar alter Buchenwälder verzichtet werden. Ökosystemschonendes Waldmanagement und der Bodenschutz sowie die Nutzung langlebiger Holzprodukte sollten besser honoriert werden.
Mineralische Böden: Humusaufbau und Bäume in die Agrarlandschaft
Landwirtschaftliche Böden könnten ebenfalls zum Klimaschutz beitragen – vor allem durch den Aufbau und Erhalt von Humus, die Pflanzung von Hecken sowie den Anbau von Bäumen auf Agrarflächen. Agroforstsysteme – der Anbau von Gehölzen auf Acker- und Grünlandflächen – leisten einen mehrfachen Beitrag: Sie speichern CO2, machen Landwirtschaft widerstandsfähiger gegen Trockenheit, Erosion und Extremwetter und erhöhen die Biodiversität in den Agrarlandschaften.
Natürlicher Klimaschutz verbindet Stadt, Land, Wasser und Wildnis
Das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz ist als ganzheitliches Programm angelegt, das alle relevanten Lebensräume und Nutzungsformen umfasst. Der WBNK hat dementsprechend für all diese Bereiche Empfehlungen ausgesprochen, um die Potenziale des Natürlichen Klimaschutzes umfassend zu erschließen. So spricht sich der Beirat dafür aus, Siedlungsräume durch Begrünung, Entsiegelung und eine klimaangepasste Stadtentwicklung unter aktiver Beteiligung der lokalen Bevölkerung in den Klimaschutz einzubinden.
Für natürliche Gewässer und Auen empfiehlt der WBNK Maßnahmen zur Wiederherstellung naturnaher Gewässerdynamik sowie zur gezielten Stärkung ihrer vielfältigen Ökosystemleistungen. An Küsten und in Meeresgebieten hebt er die Bedeutung des Schutzes und der Wiederherstellung mariner Kohlenstoffsenken hervor. Und nicht zuletzt unterstreicht der Beirat die Rolle von Wildnis- und Schutzgebieten, etwa durch Biotopvernetzung, Renaturierung und die systematische Integration von Klimaschutz in das Schutzgebietsmanagement.
Mittel für natürlichen Klimaschutz im Haushaltentwurf
Gute Nachrichten für den natürlichen Klimaschutz finden sich im Haushaltsentwurf der schwarz-roten Koalition. Neben dem Aufbau neuer Programme wird das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz fortgesetzt und finanziell gegenüber der bisherigen Planung in den Jahren 2028 und 209 um jeweils 200 Millionen Euro aufgestockt. Unter anderem für die Renaturierung von Flussauen, die Wiedervernässung von Mooren und das klimaangepasste Waldmanagement stehen im Klima- und Transformationsfonds ab 2028 damit jährliche Ausgaben von über 1 Milliarde Euro bereit. „Die Natur hat vieles bereits erfolgreich erfunden, um CO2 zu speichern – wir werden sie dabei unterstützen“, heißt es aus dem Umweltministerium.
Hintergrund
2023 stellte die damalige Umweltministerin Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen) ein Aktionsprogramm für den natürlichen Klimaschutz vor. 2024 berief sie einen unabhängigen Expertenrat, der das Bundesumweltministerium zu Fragen des Natürlichen Klimaschutzes in Deutschland beraten soll. Dieser Expertenrat besteht aus 16 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Der Rat legte Ende Juli 2025 dem jetzigen Umweltminister Carsten Schneider seine Empfehlungen für die Weiterentwicklung des natürlichen Klimaschutzes vor. pf



















































