Kochen mit Sonnenlicht

Michael Bonke begeistert sich für solares Kochen und hat als engagierter Bürger die Düsseldorfer Transition Town Initiative mitgegründet, die sich unter anderem für eine regionale und nachhaltige Nahrungs- und Energieversorgung einsetzt. (Bild: © Michael Bonke)
Michael Bonke begeistert sich für solares Kochen und hat als engagierter Bürger die Düsseldorfer Transition Town Initiative mitgegründet, die sich unter anderem für eine regionale und nachhaltige Nahrungs- und Energieversorgung einsetzt. (Bild: © Michael Bonke)

Ist Kochen mit Solarenergie nur in Afrika möglich? Ganz und gar nicht! Wie es geht, was die Vor- und Nachteile sind und welche Kochermodelle es gibt, erklärt SolarGourmet Bonke. Sein Fazit: Mit der Sonne zu kochen, das macht sehr viel Spaß!

03.08.2015 – Anfang Mai 2008 kam ich zum ersten Mal auf die Idee, einen Solarkocher zu bauen – ein einfaches Konstrukt aus Karton und Alufolie. Der erste Versuch mit Grießbrei ging noch schief, weil der „Cookit“, den ich nach Plänen aus dem Internet gebaut hatte, nur Temperaturen unterhalb des Wassersiedepunkts erreicht und sich damit wunderbar für „Langzeitniedrigtemperaturgaren“ eignet, wenn man dafür ein passendes Rezept hat. Grießbrei gehört nicht dazu. Spaghetti übrigens auch nicht.

Aber an den folgenden Tagen lernte ich dazu, die Sonne schien jeden Tag auf meinen Balkon, und meine Begeisterung wuchs mit jedem neuen Versuch. Die Ergebnisse machte ich auf meinem Blog „SolarGourmet“ öffentlich. Am 5. Mai 2008, so lese ich heute, habe ich Möhren mit Seitan zubereitet, tags darauf Äpfel mit Rumrosinen, dann Provençal-Linsen, Rhabarber-Kompott und schließlich Solar-Tofu.

Wenn ich in der Folgezeit bei Straßenfesten, Ökomärkten und ähnlichen Veranstaltungen mit einem selbstgebauten Solarkocher auftrat, wunderten sich die Leute, dass es auch bei uns möglich ist, damit zu kochen, und ich ließ mich bei diesen Gelegenheiten gefühlte tausendmal darüber aufklären, „dass das doch etwas für Afrika“ sei. Dass die Geografie praktisch keine Rolle spielt, ist offenbar der Intuition nicht zugänglich. Tatsächlich habe ich im Internet auch ein Solarkocherrestaurant in Finnland gefunden.

So funktionieren Solarkocher

Allen gemeinsam ist das Grundprinzip, dass die Energieform Sonnenlicht in die Energieform Wärme umgewandelt wird. Diese Umwandlung geschieht an einer schwarzen Oberfläche, in der Regel einem schwarzen Kochtopf. Entscheidend ist dabei, dass die Sonne vom blauen Himmel scheint. Als Daumenregel gilt, dass man dann kochen kann, wenn man einen deutlich begrenzten Schatten sieht. Wenn die Sonne zwar sichtbar, aber verschleiert ist und die Strahlen nur durch Dunst die Erde erreichen, brauche ich den Solarkocher gar nicht erst aufzustellen. Es gibt also durchaus auch in den Tropen viele Regionen, in denen die Solarküche kalt bleiben muss, weil es zu wolkig ist oder Staub und Sand in der Luft das Sonnenlicht zu sehr streuen.

Mit diesem Grundprinzip haben sich im Laufe der Jahrzehnte fleißige Tüftler verschiedene Typen von Solarkochern einfallen lassen, die man grob in zwei Gruppen einteilen kann: jene, die auf Konzentration – also Lichtbündelung – basieren, und solche, die den Treibhauseffekt nutzen. Zudem gibt es Mischformen. Der klassische Konzentrationskocher verwendet einen Parabolspiegel, um eine größere Lichtmenge auf den Kochtopf zu bringen, als er allein, ohne den Spiegel, erhielte. Der Klassiker unter diesen Solarkochern in Haushaltsgröße ist der SK14 mit 140 Zentimetern Durchmesser, den Dr.-Ing. Dieter Seifert gemeinsam mit seiner Frau Imma in den vergangenen Jahrzehnten zur Reife gebracht hat, und der in einer halben Stunde drei Liter Wasser zum Kochen bringt.

Auf der Solarkochertagung 2013 in Altötting hat Dr. Seifert in seinem Vortrag die Bedeutung seiner Frau im Entwicklungsprozess des Parabolspiegelkochers hervorgehoben, die nach jeder technischen Änderung am Kocher gleich damit gekocht und entsprechende Verbesserungsvorschläge gemacht hat. Imma Seifert aus Neuötting ist vermutlich die erfahrenste Solarköchin der Welt. Siehe dazu auch mein Interview mit den beiden.

Dass ausgerechnet Altötting zur deutschen Solarkocherhauptstadt geworden ist, liegt nicht am sonnigen Voralpenland, sondern am Verein „EntwicklungshilfeGruppe Solarkocher der Staatlichen Berufsschule Altötting e.V.“, oder kurz „EG-SOLAR“. Die baut seit 1993 die Seifert-Kocher und hat seither zehntausende Kocherbausätze in die Tropen geliefert. Eine der Hauptmotivationsquellen vieler Solarkocherenthusiasten ist nämlich,  mit den Kochern ein Stück weit die Welt zu retten, konkret, indem weniger Holz zum Kochen auf dem berüchtigten drei-Steine-Feuer benötigt wird, (auf dem etwa 1 Milliarde Menschen kochen,) und sich dadurch die Wüsten langsamer ausbreiten. Schöne Theorie von Westeuropäern, die aber in der Praxis aus zahlreichen Gründen, die den Rahmen des Artikels sprengen würden, nur teilweise funktioniert.

Einem dieser Gründe, nämlich dass die SK14-Kocher zu klein sind, um beispielsweise eine Dorfschule zu bekochen, hat sich der österreichische Physiker Wolfgang Scheffler angenommen. Er hat einen riesigen Parabolspiegel entwickelt, der im Tageslauf so gedreht und im Jahreslauf so verformt wird, dass die unterschiedlichen Sonnenstände ausgeglichen werden und der Brennpunkt immer an der gleichen Stelle bleibt. Mithilfe eines zweiten, ebenen Spiegels wird dann das Licht durch ein Loch in der Hauswand in eine Küche geleitet, in der dann in einem großen Topf rund 30 Mahlzeiten zubereitet werden können. Wenn man dieses Prinzip einmal entdeckt hat, kann man es skalieren, und inzwischen werden in der größten Solarküche der Welt, in Rajasthan in Nordindien, mithilfe von 76  Scheffler-Spiegeln à 16 Quadratmetern, täglich bis zu 50.000 Mahlzeiten gekocht. Mehrere Spiegel sind jeweils in Reihen aufgebaut. Dadurch ermöglicht es die Lage der Brennpunkte, Stahlrohre so zu verlegen, dass aus Wasser Dampf erzeugt wird. Mit diesem können dann in der Küche in großen doppelwandigen Töpfen zweimal am Tag 25.000 Mahlzeiten zubereitet werden.

Ein ganz anderes Prinzip, um mit Sonnenschein sein Essen zuzubereiten, ist der sogenannte Boxkocher. Das ist eine doppelwandige Kiste mit einem Doppelglasdeckel, die zwischen den Wänden mit einem wirksamen Dämmmaterial ausgestopft ist, beispielsweise Stroh oder Schafwolle. Licht fällt hinein, innen steht ein schwarzer Kochtopf, der sich aufheizt, und wegen der guten Isolierung kühlt er sich nicht wieder ab. Boxkocher erreichen nach einer gewissen Aufheizzeit typischerweise im Innenraum Temperaturen von 150 - 180°C und lassen sich verwenden wie ein Backofen. Während die meisten Boxkocher eine Außenhaut aus Holz und innen eine Aluwanne aufweisen, hat der begnadete Paderborner Tüftler Jo Hasler mit dem LAZOLA einen absolut maßhaltigen und wetterbeständigen Ganzmetallboxkocher entwickelt, der aus meiner Sicht das Nonplusultra in diesem Segment  darstellt. Er ist deutlich komfortabler in der Bedienung und erwärmt die Speisen durch einen konstruktiven Trick von unten nach oben, wie auf einem Herd.

Das aktuelle Projekt der „Lazola-Initiative zur Verbreitung solaren Kochens e.V.“ besteht darin, gemeinsam mit Partnern in den Zielländern in den Tropen Manufakturen für Kleinserienfertigung im Stil des 19. Jahrhunderts aufzubauen. Sie sollen Arbeitsplätze schaffen und zugleich die Region mit langlebigen und leistungsfähigen Solarkochern versorgen. Ich arbeite zurzeit mit an der Gestaltung einer Video-Bauanleitung, die diese Projekte unterstützen soll und gegen Ende des Jahres fertig sein wird.

Der Boxkocher ist auch perfekt für den Garten oder Balkon geeignet, weil er stundenlang ohne Aufsicht garen kann, während die oben erwähnten Parabolspiegelkocher den Vorteil haben, höhere Temperaturen zu erreichen, so dass man beispielsweise etwas in der Pfanne braten oder auch frittieren kann, was im Boxkocher nicht geht. Dafür muss man etwa alle 15 Minuten den Spiegel nachführen. Die Stärke des einen ist die Schwäche des anderen und umgekehrt, weshalb man letztlich beide braucht.

Einen Solarkocher zu bauen ist nicht schwer

Es gibt auch noch Solarkocher, die beide Prinzipien in sich vereinigen. Aus meiner Sicht sind die beiden wichtigsten der Lightoven und der Trichterkocher. Der Berliner Physiker Dr. Hartmut Ehmler hat vor drei Jahren die erste Version des Lightoven herausgebracht, mit dem ich mit schöner Regelmäßigkeit mein Teewasser im Garten zum Kochen bringe, weil er der einzige tragbare Solarkocher ist, der wirklich im Alltag funktioniert. Er ist in seiner ursprünglichen Fassung ein Parabolrinnenkocher aus reflektierend beschichtetem Polypropylen, dessen schwarzes 1,5-Liter-Alukochgefäß von einem transparenten Polycarbonat-Gehäuse eingeschlossen wird, das mit der drei Millimeter dicken Luftschicht dazwischen ein Treibhaus bildet. Die anderthalb Liter Wasser kochen bei offenem Sonnenschein in etwas mehr als einer Stunde.

Der Trichterkocher ist wie der eingangs erwähnte Cookit ein LowTech-Kocher aus Karton, erinnert in seiner Kegelform aber eher an ein Eishörnchen. Seinen genial einfachen Bauplan hat der amerikanische Physiker Professor Steven E. Jones Ende der 90er Jahre ersonnen. Ich habe ihn oft bei meinen öffentlichen Auftritten vorgestellt und verblüffe die Passanten immer gern, indem ich sie zunächst die Temperatur im Kocher raten und dann auf das dort angebrachte Backofenthermometer schauen lasse. Im Schnitt zeigt es bei gutem Sonnenschein nämlich 150°C an, was ich bei rund drei Euro Materialkosten ganz beachtlich finde. Der Trichterkocher ist der Lichtsammler und wirkt wie ein schlechter Parabolspiegel, allerdings ohne einen Brennpunkt zu haben. Und das Kochgefäß, ein schwarz gefärbtes Einmachglas, steckt in einem aufgepusteten Bratschlauch, der ein schlechtes Treibhaus bildet. Im Zusammenwirken ergeben sie aber den leistungsfähigsten Kartonkocher überhaupt. Und weil der Kocher sich in etwa einer Stunde bauen lässt, ist er das perfekte Umweltbildungsinstrument. Ich habe in den letzten Jahren schon mit mehreren Hundert Schülern und Erwachsenen solche Kocher gebaut.

Wir brauchen in unseren Breiten den Solarkocher (noch?) nicht zum Überleben, aber es macht ganz einfach Spaß! Wer einmal den Solarkochervirus im Blut hat, wird nicht mehr damit aufhören.

Michael Bonke ist Webdesigner und hat als engagierter Bürger die Düsseldorfer Transition Town Initiative mitgegründet, die sich unter anderem für eine regionale und nachhaltige Nahrungs- und Energieversorgung einsetzt. Er betreibt als Mitautor den Podcast SunPod, hat eine Initiative für freies Saatgut gestartet, baut seit 2008 Solarkocher und schreibt in seinem Blog SolarGourmet darüber. Zudem hält er Vorträge, organisiert Tagungen und führt Solarkocherworkshops mit Schulklassen und Erwachsenen durch.

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Forum

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  1. Michael Bonke 05.08.2015, 09:53 Uhr
    via fb habe ich nach Veröffentlichung des Artikels erfahren, dass Dieter Seifert einen Vorläufer des SK14 entwickelt hat, der SK14 selbst aber von Hans Michlbauer erfundent wurde, dem Vorsitzenden der EG Solar. Siehe dazu auch mein Interview mit ihm: http://www.sunpod.de/2013/05/099_sunpod_interview-hans-michlbauer-eg-solar-e-v/

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