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Die Meinung
25. Februar 2021

Alles hat seinen Preis

Günstige Importprodukte haben oft einen Haken – wenn Menschenrechte verletzt werden, soll das in Zukunft Konsequenzen haben. Auch die Solarbranche muss sich mit dem Thema auseinandersetzen. Das hat Folgen für den Photovoltaikmarkt in Europa.

Martin Schachinger, Gründer und Geschäftsführer von pvXchange

Martin Schachinger, Gründer und Geschäftsführer von pvXchange
Martin Schachinger, pvXchange
Foto: pvXchange

25.02.2021 – Die Solarindustrie mit allen ihren verbundenen Akteuren verstehen sich ganz überwiegend als Freunde und Beschützer des Klimas, der Menschheit an sich und damit natürlich auch als Verfechter von Demokratie und Menschenrechten. Selbst größere chinesische Konzerne geben gleichlautende Statements ab, zumindest wenn sie an westlichen Börsen notiert sind.

Ob diese Beteuerungen immer aufrichtig und ehrlich sind, darüber möchte ich hier nicht spekulieren. Was aber hat das Thema Menschenrechte überhaupt mit der Solarbranche zu tun? Welche Zusammenhänge es da gibt, die für den weiteren Erfolg der Photovoltaik in Europa und deren schnellen Ausbau vielleicht nicht ganz unwichtig sind, darauf komme ich noch zu sprechen.

In meinem letzten Kommentar berichtete ich ja bereits über Einflussgrößen und Faktoren, die das Marktgeschehen und die Preisentwicklung für Module aktuell beeinflussen. Neben politischen Einflüssen gibt es ein Transportproblem zwischen Asien und den restlichen Teilen der Welt, sowie Engpässe bei vielen für die Solarmodulproduktion dringend benötigten Materialen.

Not am Markt

An dieser Situation hat sich in den letzten Wochen nichts geändert, schon gar nicht verbessert. Im Gegenteil – immer mehr asiatische Hersteller und Lieferanten erhöhen die Preise oder kündigen dies zumindest für die Zeit nach Chinesisch Neujahr an. Zunächst will man sich sammeln, die strategische und pandemische Lage analysieren und dann die Ergebnisse für die kommenden Monate präsentieren. Dass noch etwas Unerwartetes passiert, welches die Situation verbessert und die Modulpreise wieder fallen lässt, ist allerdings nicht zu erwarten – im Gegenteil.

Welche Rohstoffe für eine reibungslose Modulproduktion mittlerweile knapp und damit teuer werden, das lässt sich leider gar nicht mehr an einer Hand abzählen. Dass es um die Verfügbarkeit von Polysilizium oder Solarglas schlecht bestellt ist, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Vielleicht hat der eine oder andere auch bereits mitbekommen, dass es auch bei Stahl und Aluminium, dem Material für Modulrahmen und Unterkonstruktion langsam kritisch wird.

Die damit verbundenen Probleme sind in der Regel auf mangelnde Produktions- oder eben Transportkapazitäten zurückzuführen, die sich aber bereits im Ausbau befinden, so dass deren Lösung nur eine Frage von Monaten ist. Weit weniger erfreulich ist die Situation bei Edelmetallen, denn deren Förderungs- und Verarbeitungskapazität lässt sich nicht ohne weiteres erhöhen.

Corona-bedingt fließen Gelder der institutionellen Anleger und privaten Spekulanten jetzt vermehrt in Werte wie Platin, Silber und Kupfer, aber auch andere gefragte Rohstoffe, so dass deren Börsenpreise explodieren. Dummerweise werden diese Edel- und Halbedelmetalle in der Solarzellen- und Modulproduktion eingesetzt, deren Kosten damit zwangsläufig weiter steigen werden.

Der Begriff Xinjiang kommt einigen von uns vielleicht bekannt vor. Der Name der gleichlautenden Provinz im Westen von China taucht immer wieder in Berichterstattungen über Repressalien und gewaltsames Vorgehen der chinesischen Zentralregierung gegenüber der islamischen Minderheit der Uiguren auf. Es ist die Rede von Kasernierung und Zwangsarbeit, gegen die Vertreter der Uiguren im chinesischen In- und vor allem Ausland protestieren und die Weltgemeinschaft um Hilfe anrufen.

So weit so schlimm, aber kaum einem Akteur innerhalb der Branche ist bewusst, dass ein Großteil des weltweit verfügbaren Polysiliziums, also dem Rohstoff, aus dem alle Solarzellen gefertigt werden, in der Provinz Xinjiang hergestellt wird.

Strafzölle für Silizium-Import?

Die USA haben bereits Sanktionen gegen andere Rohstoffe aus dieser Region angeordnet, zum Beispiel gegen Baumwolle und Baumwollerzeugnisse. Nun wird überlegt, ob nicht auch der Import von Silizium verboten oder zumindest mit hohen Strafzöllen belegt werden soll. Darüber hinaus wird Druck auf die Europäische Union ausgeübt, es den Amerikanern gleichzutun.

Eine derartige Importbeschränkung hätte möglicherweise dramatische Auswirkungen auf den weltweiten Handel mit Solarprodukten. Immerhin kommen mehr als 50 Prozent des gesamten im Reich der Mitte gefertigten Polysiliziums aus der Region Xinjiang und damit 40 Prozent des weltweit verfügbaren Rohstoffs. Einige Firmen wie Daqo New Energy, TBEA und East Hope produzieren fast ausschließlich in der betroffenen Region und können mit ihrer Großindustrie auch nicht ohne weiteres in andere Provinzen ausweichen.

Dies alles passiert in einer Marktsituation, wo die Verfügbarkeiten ohnehin schon knapp sind und die Lage daher äußerst angespannt ist. Es bleibt abzuwarten, ob von einigen Konzernen hastig herausgegebene Erklärungen und Pressemeldungen, in denen die Firmenleitung zumindest verbal größtmöglichen Abstand nimmt vom Einsatz von Zwangsarbeitern und von Menschenrechtsverletzungen generell, die Erhebung von Sanktionen gegen die Solarindustrie noch verhindern kann, solange die chinesische Regierung weiterhin die uigurische Bevölkerung inhaftiert und foltert.

Lokale Wirtschaft fördern

Sind wir einmal ehrlich – Umwelt- und Sozialstandards haben immer noch einen viel zu geringen Stellenwert in unserem Wirtschaftssystem, das zeigt sich in Deutschland gerade wieder in Form einer sehr kontroversen Diskussion zur geplanten Einführung eines längst überfälligen Lieferkettengesetzes.

Ein Lieferkettengesetz soll Unternehmen dazu verpflichten, im Ausland beschaffte Rohstoffe oder Fertigerzeugnisse in allen Phasen ihrer Wertschöpfung auf etwaige umweltschädigende oder gegen die Arbeitsbedingungen verstoßende Produktionsverfahren zu überprüfen und deren Unbedenklichkeit zu dokumentieren.

Dies schließt noch keine echten Konsequenzen bei Verstößen ein, sorgt aber für mehr Transparenz und macht ein Greenwashing oder aber die Gewinnmaximierung auf Kosten der Arbeiter in anderen Regionen der Welt schwieriger, betroffene Produkte unattraktiver. Gleichzeitig kann dadurch die lokale Wirtschaft, welche mit immer höheren Umwelt- und Sozialstandards konfrontiert wird, deutlich gestärkt werden. Dies sollte in unser aller Interesse sein!




Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Stephan Geue 28.02.2021, 20:05:26

Kommentare haben den Vorteil - für die Kommentierenden -, dass sie eine Meinung wiedergeben und nicht direkt angreifbar sind, sollte es in ihnen um die Faktentreue eher suboptimal bestellt sein. Das wird nur leider in der Leserinnenschaft nicht immer gewürdigt. Ich erlaube mir daher ein Nachhaken an einigen Stellen:

 

> Corona-bedingt fließen Gelder der institutionellen Anleger und privaten Spekulanten jetzt vermehrt in Werte wie Platin, Silber und Kupfer, ...

 

Wieso corona-bedingt? Dass die Preise von Edelmetallen steigen, teilweise regelrecht explodieren, ist bekannt, aber das gilt nicht nur für Edelmetalle. Ich nenne mal die Tesla-Aktie und Immobilienpreise als Beispiele für Nichtedelmetalle. Und der allgemeine Preisansteig bei Geldanlagen hat mit schwindendem Vertrauen in Währungen zu tun und mit einer zunehmenden Vermögenspolarisation.

 

> Wollen wir Solarmodule aus Zwangsarbeit?

 

Wollen wir natürlich nicht. Wo werden sie - nachweislich, bitte! - in Zwangsarbeit gefertigt?

 

> Der Begriff Xinjiang kommt einigen von uns vielleicht bekannt vor.

 

Tut er. Auch der Name Nawalny. Beiden "Begriffen" ist gemein, dass sie verortet sind im Hort des Bösen, jedenfalls aus US-Sicht. Wenn noch jemand bestreitet, dass da ein Propagandakrieg läuft, ist die Diskussion bereits wieder zu Ende. Was nun konkret Xinjiang angeht, so empfehle ich folgende Lektüre: https://www.heise.de/tp/features/Uyghur-Act-US-Sanktion-gegen-China-4768741.html

 

Es kann niemand erwarten, dass irgendein PV-Mensch erst nach West-China fährt, bevor er aus eigener Sicht beurteilen kann, ob es dort Zwangsarbeit über das Maß hinaus gibt, das in chinesischen oder Gefängnissen anderer Länder vorkommt. Aber sich einfach vor eine Propaganda-Karre spannen lassen, das sollte auch ein PV-Mensch nicht.

Martin Schachinger 01.03.2021, 15:25:11

+109 Gut Antworten

Hallo Herr Geue,

vielen Dank für Ihre Anmerkungen, auf die ich gerne hier nochmals eingehe.

Wie Sie richtig bemerken, handelt es sich bei meinen Ausführungen immer um Eigeninterpretationen der Informationen, die ich aus diversen Quellen beziehe. Diese Analysen werden von meinen Lesern häufig aber als richtig und wichtig erachtet. Eine ideologisch geprägte Betrachtung versuche ich zu vermeiden, ohne dabei aber zu langweilig und sachlich zu werden.

Nun zu Ihren speziellen Punkten:

Dass gerade jetzt die Kurse der genannten Rohstoffe rasant steigen, ist meiner Interpretation nach kein Zufall, sondern auf die Verlagerung des Kapitals, weg von unsicheren, nicht mehr nachhaltigen Investitionen, hin zu vermeintlich stabileren Werten zurückzuführen. Aktien von Lufthansa, TUI oder den großen Ölkonzernen sind durch die Erfahrungen in der Corona-Pandemie einfach nicht mehr so attraktiv, weil wertstabil, für den sicherheitsbedürftigen Anleger, wie beispielsweise Edelmetalle.

 

Wo werden Solarmodule in Zwangsarbeit gefertigt? Ich habe niemals behauptet, dass es da einen direkten Zusammenhang gibt. Die spezifische Preissteigerung bei Polysilizium, sollte sie tatsächlich eintreten, wäre ja so etwas wie ein Kollateralschaden der politischen Situation in China und der westlichen Reaktionen darauf. Wichtig ist doch, dass wir solche Zusammenhänge erkennen und rechtzeitig gegensteuern. Die Abhängigkeit von der Werkbank China habe ich ja auch schon einmal thematisiert. Die Krise sollten wir als Chance sehen, gestärkt und mit neuen Akteuren und Ideen eine nachhaltigere Wirtschaft aufzubauen - diese Aussage könnte jetzt natürlich als ideologisch geprägt ausgelegt werden. :-)

Stephan Geue 08.03.2021, 18:11:10

> Die Abhängigkeit von der Werkbank China habe ich ja auch schon einmal thematisiert. Die Krise sollten wir als Chance sehen, gestärkt und mit neuen Akteuren und Ideen eine nachhaltigere Wirtschaft aufzubauen - diese Aussage könnte jetzt natürlich als ideologisch geprägt ausgelegt werden. :-)

 

Zumindest ich werde das nicht tun. Wobei ich anmerken würde, dass neue Akteure zu evaluieren sicherlich interessant werden könnte, vielleicht sogar ertragreich, dass man alte Handelsbeziehungen aber nie ohne weitestgehende Entbehrlichkeit und Unterlegenheit gegenüber neuen kappen sollte, welcher Art die Unterlegenheit auch immer sein sollte (wirtschaftlich, ethisch, sozial ...).


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