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Die Meinung
06. Januar 2021

„Bunter“ Wasserstoff droht Klimaschutz auszubremsen

Wasserstoff ist durchsichtig. Umso erstaunlicher, dass Europa seit Monaten über dessen Farbe diskutiert. Als Alternative zu grünem Wasserstoff aus Erneuerbaren Energien, wird eine „bunte“ Wasserstoffstrategie mit fossilen und atomaren Energiequellen offeriert. Eine fatale Strategie.

Dr. Oliver Powalla, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim BUND e.V. für den Bereich Kopernikus-Projekt „Power-to-X“ und Sherpa im Nationalen Wasserstoffrat.

Dr. Oliver Powalla, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim BUND e.V. für den Bereich Kopernikus-Projekt „Power-to-X“ und Sherpa im Nationalen Wasserstoffrat.
Profilbild von Oliver Powalla vom BUND
Foto: BUND

05.01.2020 – Als Alternativen zu grünem Wasserstoff werden auch sogenannter blauer und türkiser oder neuerdings auch gelber bzw. pinker Wasserstoff offeriert. Die Lobbyinitiative Zukunft Erdgas schwärmte bereits von einer „bunten“ Wasserstoffstrategie. Diese Farbenlehre überstrahlt die sehr viel übersichtlichere Grundunterscheidung zwischen Wasserstoff aus erneuerbaren, fossilen oder atomaren Energiequellen. Die richtige Benennung des Wasserstoffs der Zukunft ist folglich keine rein akademische Frage, sondern steht im Zentrum der politischen Auseinandersetzung um die europäische Wasserstoffstrategie.

EU-Wasserstoffstrategie kennt keine Tabus

Dies zeigte sich Ende des letzten Jahres, als unter Federführung der deutschen EU-Ratspräsidentschaft das Manifest für ein Wasserstoffprojekt von gemeinsamem europäischen Interesse (IPCEI) unterzeichnet wurde. „Sauberer Wasserstoff spielt eine Schlüsselrolle im Wettlauf um die Dekarbonisierung“, erklärte EU-Kommissar Thierry Breton bei der Vorstellung. Die übergeordnete Kategorie „sauber“ fand sich auch in den ersten Entwürfen des Manifests.

Wohl nicht ganz zufällig, denn die EU-Kommission hat im Rahmen der Europäischen Wasserstoffstrategie die Clean Hydrogen Allianceinitiiert – das Pendant zum Nationalen Wasserstoffrat in Deutschland. Aufgabe der Clean Hydrogen Alliance ist es, Einstiegsprojekte für den Markthochlauf zu entwickeln und einen förderlichen Regulierungsrahmen zu entwickeln. Nicht nur die Teilnahmekriterien sind maximal offen formuliert, auch die Zugangsvoraussetzungen sind sehr liberal.

Zu den berufenen Gründungsmitgliedern gehören u.a. die CEOs von Michelin, Gasuni, SNAM und Bosch, flankiert durch einige wenige zivilgesellschaftliche Organisationen wie zum Beispiel das Climate Action Network. Darüber hinaus können weitere Unternehmen, Behörden oder Organisationen ihren Beitritt erklären. Zur unternehmensdominierten Mitgliederliste gehört neben dem Bundeswirtschaftsministerium mittlerweile auch der französische Atomstromproduzent EDF. In der neuen europäischen Wasserstoffwelt soll jeder seinen Platz finden, egal ob das Geschäftsmodell auf fossiler, erneuerbare oder atomarer Energieerzeugung beruht.

Die genauen Definitionen des IPCEI Wasserstoff sind von besonderer Bedeutung, weil es konkrete Zuwendungen in Aussicht stellt. Zukünftig gefördert werden soll demnach „die sichere und nachhaltige kohlenstoffarme Erzeugung von Wasserstoff.“ Eine Priorität für erneuerbare Energien wurde bewusst nicht ausgesprochen. Deren Ausbau soll zwar mit Nachdruck verfolgt werden, der erneuerbare Wasserstoff wird sich aber gegen seine kohlenstoffarmen Konkurrenten Gas und Atom behaupten müssen.

Die Erzeugung von Wasserstoff aus Erdgas, bei Abscheidung und Speicherung des anfallenden CO2, wurde bereits in der Europäischen Wasserstoffstrategie ausdrücklich einbezogen. Das IPCEI Manifest folgerichtig nun auch von Norwegen unterzeichnet, dass im Offshorevorhaben Northern Lights ehemalige Gaskavernen als CO2-Speicher umfunktionieren möchte. Auch für atomaren Wasserstoff ist der Zugang zu den Fördertöpfen nun frei. Dieser wurde durch die EU-Kommission bereits mit seiner offiziellen Anerkennung als kohlenstoffarm vorbereitet.

Das IPCEI-Manifest greift diese Formulierung auf und ergänzt sie mit der nebulösen Formulierung „sicher und nachhaltig“. Welche konkreten Vorhaben diese Kriterien in Zukunft erfüllen können, bleibt abzuwarten. Bekanntlich versucht Frankreich schon länger Deutschland für den Import von Wasserstoff zu begeistern, der aus Elektrolyseuren mit direktem Anschluss an das französische Stromnetz gewonnen wurde, dessen Strommix weiter von der Atomkraft dominiert wird. Ein möglicher Abnehmer könnte die deutsche Stahlindustrie sein, deren Überleben von der schnellen Entwicklung neuer wasserstoffbasierter Verfahren abzuhängen scheint.

Überdimensionierte Nachfage gefährdet Nachhaltigkeit

Die gigantische Wasserstoffnachfrage, welche die Lobbyisten der Chemie, Stahl und Automobilbranche anmelden, erklärt auch, warum EU und Bundesregierung alle Erzeugungsarten einbeziehen möchten. Bis 2030 plant die EU 40 GW Elektrolysekapazität innerhalb und nochmal 40 GW außerhalb Europas aufzubauen. Deutschland wird dazu etwa 5 GW beisteuern.

Dies wird bei weitem nicht reichen, die Nachfrage der eigenen Industrie zu decken. Zumindest wenn man den Angaben der nationalen Wasserstoffstrategie folgt, die bis 2030 mit einer Nachfrage von 110 TWh gegenüber einer Erzeugung von nur etwa 20 TWh ausgeht. Die sich abzeichnende Wasserstofflücke wird immer wieder als Argument angeführt, warum eine wirklich grüne Wasserstoffstrategie, die sich auf zusätzliche erneuerbare Energien konzentriert, unrealistisch sei.

Hingegen zeigt sich die EU durchaus optimistisch, zumindest was die ökonomischen Aussichten angeht: Sie verweist auf die bereits erfolgte 60 prozentige Kostendegression bei Elektrolyseuren. Schon heute kann erneuerbarer Wasserstoff in Portugal für 3,50 Euro/Kg erzeugt werden. Nur ein Euro mehr als die Wasserstofferzeugung durch Erdgas und CCS. Schon 2030 soll grüner Wasserstoff genauso teuer sein wie der heute verwendete Wasserstoff auf fossiler Basis. Angesicht dieser kurzen Zeitspannen erscheinen weder Investitionen in fossilen noch in nuklearen Wasserstoff sonderlich lohnenswert.

Europa braucht eine erneuerbare Wasserstoffstrategie

Erneuerbarer Wasserstoff ist schon heute eine technisch reife Energiequelle, deren Potenziale ausgeschöpft werden sollten, anstatt sie durch andere Übergangstechnologien auszubremsen. Um die Industrienachfrage auf erfüllbare Mengen zu reduzieren, braucht es massive Effizienzsteigerungen und gesellschaftliche Transformationsszenarien, die auf Suffizienz setzen.

Wie das aussehen kann, beschreibt Fraunhofer ISE in der Studie Wege zu einem klimaneutralen Energiesystems. Im dortigen Szenario Suffizienz wird die konventionelle Stromnachfrage für Beleuchtung, Kühlung und Kommunikationstechnologie um 45 Prozent bis 2050 reduziert. Der motorisierte Individualverkehr sinkt bis dahin um 30 Prozent und der Flugverkehr sogar um 55 Prozent.

Diese Effizienzgewinne und Verbrauchsrückgänge bewirken im Ergebnis einem Bedarf an synthetischen Energieträgern von etwa 230 TWh – die mehrheitlich im Inland produziert werden. Im Gegensatz dazu führt das Szenario „Beharrung“, in dem die heutigen Konsummuster wasserstoffbasiert fortgeführt werden, zu einer vielfach größeren Nachfrage von 890 TWh. Entsprechend größer fällt auch die Importabhängigkeit aus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sowohl die nationale als auch die europäische Wasserstoffstrategie letztlich nicht ambitioniert genug sind. Sie wagen zwar einen Blick auf die letzten Schritte der Energiewende, die völlige Dekarbonisierung der Energieversorgung, aber orientieren sich dabei an den altbekannten Verbrauchs- und Produktionsmustern. Dabei bietet ein konzertiertes europäisches Vorgehen große Chancen und der europäische Wasserstoffmarkt sollte weiter an Konturen gewinnen.

Schon länger fordert der BUND, im europäischen Binnenmarkt Nachhaltigkeitsstandards für die Wasserstoffherstellung zu etablieren. Diese sollten in ein System verlässlicher Herkunftsnachweise überführt werden und die Schaffung zusätzlicher Kapazitäten erneuerbarer Energien in den Mittelpunkt stellen. Nach dieser Maßgabe kann schließlich auch ein internationales Handelssystem etabliert werden, wobei der energetische Eigenbedarf und die wirtschaftliche Entwicklung der Erzeugerländer oberste Priorität haben sollten.

Darüber hinaus müssen die Anwendungsbereiche für grünen Wasserstoff politisch reguliert und priorisiert werden. Eine eventuelle Förderung muss sich am größtmöglichen Klimaschutzbeitrag und dem nachhaltigen Ressourceneinsatz orientieren. Und das Wichtigste überhaupt, die Markteinführung grünen Wasserstoffs darf den Kohle- und Atomausstieg nicht gefährden. Die Wasserstoffnutzung befindet sich derzeit an einem kritischen Punkt. Jetzt werden die Weichen gestellt, die über seinen nachhaltigen Einsatz in den kommenden Jahrzehnten bestimmen. Nur wenn Gas und Atomkraft konsequent ausgeschlossen werden, erhält der Ausbau erneuerbarer Energien den nötigen europaweiten Schub.




Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Peter Højgaard Jensen 10.01.2021, 16:55:50

Bitte denken Sie daran, dass Wasserstoff nur ein Energieträger ist. Haupt Problem ist CO2 neutrale Energie zu produzieren. Speziell Transport Sektor gibt spezielle Herausforderungen, wo ein Energieträger notwendig ist. Wasserstoff ist nur eine von mehreren Möglichkeiten.

Henry Risse 14.01.2021, 11:25:28

Angesichts des riesigen Defizits bzgl. Ausbau erneuerbarer Energien im Wärme- und im Transportsektor darf Wasserstoff nur dort eingesetzt werden, wo er die höchsten Emissionsminderungen in der Gesamtkette ermöglicht - das wäre wahrscheinlich die Stahlproduktion. Die Umwandlungsverluste zum Wasserstoff und zur Nutzenergie sind hoch, an einem Beispiel wird das sicher deutlich: mit 100 kWh Energie fährt ein E-Auto 500 bis 700 km, wird mit 100 kWh über Elektrolyse Wasserstoff erzeugt und dieser in einem Brennstofzellenfahrzeug eingesetzt, sinkt die Reichweite auf rund 200 km.

Karl Beck 18.01.2021, 01:29:31

+107 Gut Antworten

Wer redet immer von Verlusten beim Wasserstoff, die Sonne liefert uns fast unbegrenzt Energie die wir brauchen!

Karl-Heinz Grabowski 21.01.2021, 04:52:22

+110 Gut Antworten

Ja, es stimmt: Pyrolyse ist ein "alter Hut". Nur hat sich diese Verfahrenstechnik bisher noch nicht gelohnt, da Erdöl verarbeiten und Altplastik in die Ozeane verklappen bisher finanziell rentabler war. Aber mit dieser Nummer ist ja nun so langsam Schluss, von daher werden sich in naher Zukunft solche Technologien durchsetzen. Das ist das Gesetz der technischen und wirtschaftlichen Evolution. Und selbstverständlich werden sich solche Technologien durchsetzen, denn Müll ist ein Rohstoff.

 

«Ich glaube an das Pferd, das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.» Ist zwar nicht wirklich von Kaiser Wilhelm II., aber in diesem Spruch steckt viel Wahres. Wo stehen denn die klassischen Öl- und Gasaktien heute im Vergleich zu vor 10-12 Jahren?


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