Menü öffnen

Die Meinung
09. März 2020

Vor dem Energiegipfel

Der Erneuerbare Energien-Gipfel im Kanzleramt muss einen verlässlichen Fahrplan für den Ausbau bis 2030 bringen. Es gilt die regionale, bürgernahe und sichere Energieversorgung auf Basis Erneuerbarer Energien so ins Zentrum der Energieversorgung zu stellen, dass sich alle weiteren Komponenten auf deren Bedürfnisse einstellen.

Dr. Simone Peter, Präsidentin Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) e.V.

Dr. Simone Peter, Präsidentin Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) e.V.
Foto: © BEE

09.03.2020 – Die Hamburg-Wahl liegt noch nicht lange zurück und doch ist zu befürchten, dass die Große Koalition im Bund den Weckruf nicht gehört hat. Denn die Hamburgerinnen und Hamburger haben eindeutig eine sozial gerechte Klimapolitik gewählt. Das belegen Umfragen, aus denen hervorgeht, dass die Themen Umwelt und Klima die größte Rolle für die Wahlentscheidung gespielt haben. Und auch bundesweit steigt die Zustimmung für eine umfassende Klima- und Umweltpolitik. Die Klimakrise ist als Problem erkannt, auch dank Fridays for Future.

Das Gute ist: Technologien, die die fossile, klimaschädigende Energieerzeugung ablösen können, sind vielfach vorhanden und bereits wettbewerbsfähig. Aber seit Monaten wird die Energiewende durch Zaudern und Zögern blockiert und der Ausbau der Erneuerbaren ausgebremst. Wiederholt hatte Bundeswirtschaftsminister Altmaier die Abschaffung des 52 GW-Deckels für Photovoltaik angekündigt – zuletzt hatte er dies auf dem BEE-Neujahrsempfang für Februar in Aussicht gestellt. Daran gekoppelt ist eine Lösung für den politischen Streit um Abstandsregelungen bei der Windenergie.

Passiert ist bislang nichts – mit verheerenden Auswirkungen auf die Branche der Erneuerbaren, der Perspektive und Planungssicherheit fehlt. Nun darf die Chance, dass beim Bund-Länder-Treffen am 12. März im Kanzleramt ein Durchbruch erfolgt, nicht verspielt werden. Die Regierungsparteien müssen sich vor Augen halten, was auf dem Spiel steht: nicht weniger als eine Grundsatzentscheidung für oder gegen einen modernen Industriestandort.

Erneuerbaren-Ausbau muss zur Chefsache werden

Während der weltweite Ausbau der Windenergie auf Hochtouren läuft, gingen in Deutschland in den letzten Jahren rund 40.000 Arbeitsplätze in der Branche verloren. Für die Solarenergie werden global enorme Zuwachsraten erwartet, aber in Deutschland wird sie künstlich gedeckelt. Und die Bioenergie könnte ihr Potenzial, flexibel nach Bedarf Energie zu liefern voll ausspielen, aber hier wird gebremst.

Neben ökonomischen Aspekten kommt hinzu, dass Klimaziele einzuhalten sind. Will die Bundesregierung ihr Ziel einhalten, bis 2030 rund 65 Prozent des Bruttostromverbrauchs mit Erneuerbaren Energien zu decken, braucht es jetzt einen neuen Aufbruch für deren Ausbau in allen Sektoren. Nur so besteht die Chance, die Ziele noch zu erreichen und sich im weltweiten Vergleich bei der Bekämpfung der Klimakrise nicht völlig zu blamieren. Deutschland muss dazu auch die EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr nutzen, um mit gutem Beispiel voranzugehen, wenn es auch andere Länder überzeugen will.

Zentrale Prämisse für das Erreichen des 5-Prozent-Ziels ist, dass der Strombedarf für 2030 realistisch eingeschätzt wird, weil ansonsten eine klaffende Lücke bei der Versorgung mit Öko-Strom droht. Das haben BEE und andere Organisationen in den letzten Monaten aufgezeigt. Denn die Annahme im Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung, dass der Stromverbrauch bis 2030 sinken wird, trägt der wachsenden Nachfrage aus der Wirtschaft – von Stahl- über Chemie- bis Automobil- und Luftfahrtindustrie – nach Grünem Wasserstoff und anderen Power-to-X-Anwendungen an keiner Stelle Rechnung. Hinzu kommen Wärmepumpen, Elektromobilität und andere Formen der Sektorenkopplung, denn Wärme-, Verkehrs- und Industriesektor werden in Zukunft enger miteinander vernetzt sein. Hier ist eine Kurskorrektur angebracht, um zu verhindern, dass bis zu 100 Terawattstunden Ökostrom zu wenig produziert werden - ein Energieaufkommen, mit dem man Berlin immerhin 7,4 Jahre lang mit Strom versorgen könnte.

Deshalb müssen jetzt die Ausbaukorridore für Erneuerbare dem 65-Protent-Ziel angepasst und hemmende Deckel und Bremsen entfernt werden, allen voran der 52-Gigawatt-Photovoltaik-Deckel, der Deckel für flexibilisierte Biomasse und der Offshore-Wind-Deckel. Grundsätzlich ist auf jede Form von willkürlich festgelegten Mindestabständen zu verzichten und stattdessen die Windgebietsausweisung den kommunalen und regionalen Planungsträgern zu überlassen. Damit ist erfahrungsgemäß der beste Interessensausgleich vor Ort zu erzielen. Alle Studien zeigen, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien eine breite Unterstützung in der Gesellschaft findet und dies auch, wenn es um die Errichtung von Anlagen in der Nähe des eigenen Wohnorts geht.

Wir brauchen jetzt eine breite Debatte über die Chancen der Erneuerbaren Energien für einen modernen Industriestandort, mehr regionale Wertschöpfung und den Klimaschutz. Das heißt, eine bestmögliche Beteiligung und Teilhabe der Kommunen und der Bürgerinnen und Bürger an der Energiewende voranzubringen, aber auch, angemessene Zeitrahmen für Genehmigungen festzulegen und einen neuen Impuls für Flächenausweisungen in den Bundesländern zu geben.

20 Jahre nach Inkrafttreten des erfolgreichen Erneuerbaren-Energien-Gesetzes muss es gelingen, die regionale, bürgernahe und sichere Energieversorgung auf Basis Erneuerbarer Energien so ins Zentrum der Energieversorgung zu stellen, dass sich alle weiteren Komponenten auf deren Bedürfnisse einstellen. Deren Zubau ist in allen Bundesländern über alle Erneuerbare-Energien-Sparten hinweg mit bestmöglicher Bürgerbeteiligung zu entfesseln und die Sektorenkopplung wirtschaftlich attraktiv zu machen. Damit kommen wir klima- und industriepolitisch auf die Erfolgsspur zurück.




Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Denkender Bürger 09.03.2020, 18:13:47

Die Energie-Erzeugung aus alternativen Energiequellen ist nichts als makulatur, wenn es an Speichern mageln, um sog. Dunkelflauten zu überbrücken, die bei der Energie-erzeugung aus Wind und Sonnen nun mal auftreten.

Kann oder will das keiner der großspurigen Redner und Verantwortlichen begreifen?!

 

Und was die Bürgerenergie betrifft:

Energieversorgung ist ein zu komplexes Thema, um irgend einen Baustein daraus isoliert zu betrachten!

Es gibt dabei Dinge, die man im kleinen vor Ort besser, einfacher und effektiver lösen kann - und dann gibt es Dinge, die man zentral lösen muß. Allein schon für den Fall, daß die lokale oder regionale Energieversorgung durch die Unbilden der Natur einmal nicht ausreichend funktioniert oder ganz ausfällt. Dann muß die Energieversorgung trotzdem gesichert sein - andernfalls gehen in der betreffenden Region die Lichter aus. An den Katastrophenwinter 1978/79 sei beispielgebend erinnert - wo in weiten Teilen Deutschland über Tage die Invrastuktur zusammen gebrochen war.

Zentrale und Dezentrale Energieversorgung gehören daher gleichberechtigt nebeneinander und aufeinander abgestimmt in ein vernünftiges Gesamtkonzept, wenn es zum Erfolg führen soll.

Von Energietechnik und Energieversorgung scheint die Dame jedenfalls nicht allzu viel zu verstehen ...

Torsten Findeisen 10.03.2020, 06:17:30

Die CDU beginnt aktiv zu bremsen. Merkel hat ihren Laden nicht im Griff!!! Es ist ...leider ...an der Zeit; dass die SPD ein Ultimatum stellt: erneuerbare Energien jetzt ...und mit voller Kraft ...oder wir wählen einen neuen Bundeskanzler ...für Deutschland. Rot Rot ; Grün sollte sich auf den MP von Baden-Würtenberg einigen; und sofort den StillStand ...ja die Schwarze Energie- KonterRevolution in D beenden.!! Wenn die SPD jetzt noch still hält; ...nach der SteilVorlage von Altmaier, macht sie sich unglaubwürdig..

Denkender Bürger 10.03.2020, 08:56:56

+19 Gut

Leider spukt in den Köpfen ideologisch verblendeter technischer Laien immer noch das von den Medien und anderen Ideologen gezeichnete Bild herum, man müsse nur genügend PV-Anlagen und Windräder aufstellen, um auf fossile Energieträger verzischten zu können.

Dem ist eben nicht so:

PV-Anlagen und Windräder liefern keine konstante Energiemenge, sondern sind in der Energieproduktion zu sehr von den Bilden bzw. Unbilden der Natur abhängig. Dadurch treten in der gelieferten Energiemenge aus Wind und Sonne Schwankungen auf. Und diese müssen durch Energiespeicher ausgeglichen werden, wenn die Energieversorgung auf Wind und Sonne umgestellt werden soll.

Um diesen Fakt kommt keiner herum und den kann man auch nicht durch irgendwelche Ideologien ausräumen - da beißt die Maus keinen Faden ab!

Und genau da liegt das Problem:

Akkus sind wegen des Platz- und Materialbedarfs keine Alternative.

Pumpspeicherwerke wären eine Alternative, die will aber wegen der mit dem Bau einher gehenden Umwelteingriffe keiner.

Power2Gas oder Power to X sind zwar eine verlockende Alternative, aber die funktionieren leider noch nicht so, wie es für die Energiespeicherung bzw. Energieversorgung im Maßstab eine Industrielandes erforderlich wären.

Und wo sich andere Speichertechnologien wie z.B. Wärmespeicher hin entwickeln werden, bleibt abzuwarten - da stehen wird technologsch noch ziemlich am Anfang.

Und selbst wenn die geeigneten Speichertechnologien dermaleinst funktionsfähig zur Verfügung stehen, wird es noch einige Zeit brauchen, bis die entsprechenden Anlagen erichtet sind.

Ist nun mal so, auch wenn das vielen nicht gefällt.

Darüber wird bloß öffentlich kaum gesprochen - wahrscheinlich hauptsächlich deswegen, weil man nicht weiß, wie man das dem "Pöbel auf der Straße" schonend beibringen soll ...


Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

(wird nicht veröffentlicht)
max 2.000 Zeichen



energiezukunft