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Meinung der Woche
14. September 2015

Ackergifte? Nein danke!

Mit der Anti-Atom-Bewegung entstand bereits vor Jahrzehnten ein von breiten Bevölkerungsschichten getragenes politisches Aktions-Bündnis, das sich gegen die Gefahren der Kernkraft richtete. Ebenfalls schon seit den 1970er Jahren bildete sich in Deutschland eine rege Naturkost-Bewegung als Antwort auf die deutlichen Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft.

Jochen SchilkPressesprecherBürgerinitiative Landwende

Jochen SchilkPressesprecherBürgerinitiative Landwende
Jochen Schilk engagiert sich u.a. in der Bürgerinitiative Landwende, die sich derzeit mit einer aufsehenerregenden Aktion gegen Pestizide auf unseren Tellern und in unseren Lebensgrundlagen wendet. (Foto: privat)
Jochen Schilk engagiert sich u.a. in der Bürgerinitiative Landwende, die sich derzeit mit einer aufsehenerregenden Aktion gegen Pestizide auf unseren Tellern und in unseren Lebensgrundlagen wendet. (Foto: privat)

14.09.2015 – Erst später konnte aus der Anti-Atom-Bewegung der Markt für grünen Strom entwickeln, an dem heute auch Naturstrom teilnimmt. Doch anders als der außerparlamentarische Teil der Anti-AKW-Bewegung wählte die Naturkost-Bewegung nicht in erster Linie den Weg des politischen Widerstands (etwa direkte Aktionen des zivilen Ungehorsams z.B. gegen Pestizidhersteller), sondern versuchte von Anfang an, Alternativen zum herkömmlichen (Nahrungsmittel-)Angebot zu schaffen.

Der Bio-Markt ist seither immens gewachsen, Naturkost wird nicht mehr nur von einer kleinen Szene gegessen. Und in den letzten Jahren wuchs zugleich – nicht zuletzt dank immer neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse – das Bewusstsein in der Bevölkerung für die großen Gefahren, die mit der Pestizid-, Gentechnik- und/oder Kunstdünger-gestützten Landwirtschaft einhergehen. Widerstand regt sich zunehmend – und äußert sich nicht mehr nur über das Einkaufsverhalten…

Unsichtbare Gefahren hier wie dort

Als Jugendlicher hatte ich selbst Mitte der 90er Jahre erstmals an den Castor-Protesten im Wendland teilgenommen. 1998 zog ich von München ins ländliche Ostvorpommern und wurde dort 2001 Zeuge eines Herbizid-Unfalls, bei dem das überall im Rapsanbau verwendete Clomazone-haltige Mittel „Brasan“ (Firma Syngenta) ausgaste und sich über die Landschaft von Schleswig-Holstein bis hinein nach Polen legte. Unsere Dorfgemeinschaft war es, die die Havarie als erste bemerkte. Unsere in Bio-Umstellung befindlichen Melissenfelder wurden weiß und welk, viele Menschen zeigten seltsame, „unspezifische“ Symptome von Atemnot bis Hautausschlag. Es war gruselig. Das regionale „Pflanzenschutzamt“ verbot uns den Genuss der Früchte unserer Gärten, und aufgrund des Aufschreis der von uns flugs gegründeten Bürgerinitiative „Landwende“ wurde das betreffende Ackergift vom zuständigen Bundesamt sogar kurzzeitig aus dem Verkehr gezogen (doch der Hersteller kannte Wege, die Zulassung rasch wieder zu erwirken). Dies war mein erster, ganz konkreter Kontakt mit dem Thema Pestizide, der meine Aufmerksamkeit nachhaltig schärfte. Dass die Ackergifte nicht vom „Bildschirm“ meines Bewusstseins verschwinden, dafür sorgen schon die mehrmals jährlich um unser Dorf fahrenden Giftspritzen der Agrarindustrie.

Das Bewusstsein um die Gefahren der Pestizide wächst weiter

In den vierzehn Jahren seit der Havarie ist nun einiges geschehen; das einstige Randthema ist heute gut für Schlagzeilen. In der landwirtschaftlichen Praxis wird zwar eher noch mehr Gift verwendet als 2001, aber immerhin tut sich was in den Köpfen der Menschen. Ein weiterer Clomazone-Vorfall veranlasste die Bürgerinitiative Landwende schließlich dazu, 2014 gemeinsam mit den Partnerorganisationen Agrarkoordination, Meine Landwirtschaft, PAN Germany, der Schweisfurth Stiftung und dem Umweltinstitut München die Kampagne „Ackergifte? Nein danke!“ ins Leben zu rufen. Im Zentrum einer global geführten Debatte steht derzeit das meistverwendete Ackergift „Glyphosat“, ein Breitbandherbizid, das zum Beispiel in Monsantos Absatzschlager „RoundUp“ wirkt. Deshalb richtet sich unsere Kampagne zunächst auf ein Verbot von Glyphosat. Perspektivisch stehen wir für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, die auf allen agrarischen „Feldern“ mit der Natur arbeitet und nicht gegen sie, das heißt unter anderem: ganz ohne synthetische Ackergifte. Dass dies überall auf der Welt ebenso möglich wäre wie eine moderate, angemessene Energieversorgung für alle, dafür gibt es mittlerweile mehr als genug praktische Beweise und Studien! Wir müssen es nur wollen und die Verantwortlichen davon überzeugen, dass wir nicht länger bereit sind, die Vergiftung unserer Lebensgrundlagen hinzunehmen. In Deutschland laufen nicht nur immer noch neun Atomkraftwerke (mit allen bekannten Konsequenzen); hier werden jährlich auch mehr als 40.000 Tonnen Pestizide unbekümmert auf Feldern – sowie auf Sportplätzen, Grünanlagen, Bahndämmen und Bürgersteigen – verteilt.

Die verheerende Wirkung von Ackergiften wird in der begleitend zur Kampagne veröffentlichten Streitschrift „Ackergifte? Nein danke!“ der Publizistin und taz-Mitbegründerin Ute Scheub drastisch geschildert. Sie zitiert dort zum Beispiel das weltweit tätige Pestizid Aktions Netzwerk (PAN), das davon ausgeht, dass sich weltweit alljährlich etwa 41 Millionen Menschen schwer an Pestiziden vergiften, Hunderttausende von ihnen sterben daran. Nur weil dies größtenteils Landarbeiterinnen und Landarbeiter in armen Ländern betrifft, deren Stimmen kaum gehört werden, sei dieser himmelschreiende Skandal in unseren Medien kaum ein Thema.

Wir alle tragen Pestizid-Rückstände in uns

Ob die Bezeichnung „Gift“ auch bezüglich der Einnahme des Wirkstoffs Glyphosat auf den Menschen zutrifft, ist derzeit strittig. Dass Glyphosat auf den Menschen zumindest gesundheitsschädlich wirken kann, darf schon allein aus der Festsetzung von Grenzwerten durch die Zulassungsbehörden geschlossen werden. Stichprobenartige Untersuchungen aus der jüngeren Vergangenheit lassen befürchten, dass ein hoher Anteil der Bevölkerung Deutschlands mit Glyphosat belastet ist. Die positiven Befunde scheinen unabhängig von Wohnort und Essgewohnheiten zu sein. Der BUND berichtet über Beobachtungen aus Argentinien, wo in der Umgebung der Anbaugebiete die Krebsraten steigen und Missbildungen und Gen-Defekte bei Neugeborenen sowie chronische Krankheiten zunehmen. Die Internationale Krebsforschungsstelle IARC der Weltgesundheitsorganisation WHO hat kürzlich Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ eingestuft. Die Experten der WHO vermuten, dass Glyphosat für Krebserkrankungen des Lymphsystems und der Lunge verantwortlich sein kann. Demnach wurde auch an Labortieren die krebserregende Wirkung nachgewiesen. Das bedeutet auch für die Tierwelt auf den Industrieäckern erhebliche Gefahr. Immer wieder ist zu hören, dass der dramatische Rückgang der Populationen von Vögeln, Wirbellosen, Reptilien, Amphibien und Insekten unzweifelhaft mit der Art der heute üblichen Landwirtschaft zusammenhängt. Und nicht zuletzt sind die wesentlichen Grundlagen der Ökosysteme von den Folgen der Pflanzengiftanwendung bedroht: der Boden, das Wasser, die Luft.

Allerdings zweifelt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Bewertung der Experten der Weltgesundheitsorganisation an – und stützt sich dabei zu großen Teilen auf Studien der Industrie. Das BfR arbeitet dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zu, das beim europäischen Zulassungsverfahren für Glyphosat federführend ist. Trotz aller Hinweise auf die Gefährlichkeit von Glyphosat wird Deutschland als sogenanntes Berichterstatterland deshalb vermutlich noch in diesem Herbst die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat in der EU empfehlen. Wie zu vernehmen ist, plant Deutschland sogar, eine Anhebung der Grenzwerte um 70 Prozent zu empfehlen!

Urinale 2015 – Deutschland pinkelt gegen Glyphosat

Um dieses Szenario abzuwenden, ruft die Kampagne „Ackergifte? Nein danke!“ nun zur bundesweiten Aktion „Urinale 2015“ auf: Ab Mitte September sollen Bürgerinnen und Bürger ihren Urin auf Rückstände des Pflanzengifts Glyphosat testen lassen, um der Debatte über die Gesundheitsgefährdung durch Glyphosat endlich eine wissenschaftlich stichhaltige Datenbasis über die Belastung der Bevölkerung mit Glyphosatrückständen zu verschaffen. Wir von der Bürgerinitiative Landwende meinen, dass eine breite Datenerhebung über Glyphosat im Urin und in der Muttermilch längst überfällig ist. Da die zuständigen Stellen bislang keine Bereitschaft zeigen, aktiv zu werden, müssen wir die Sache eben selbst in die Hand nehmen!

Wir haben uns folgendes ausgedacht: Ab Mitte September werden an zahlreichen Orten von Friesland bis zum Kaiserstuhl, in Städten wie Berlin, Dresden oder Freiburg große und kleine „Urinale“-Veranstaltungen stattfinden. Auf Bauernhöfen, in urbanen Gemeinschaftsgärten, auf Festivals oder im Rahmen von Konferenzen – überall werden Menschen Pipi-Partys feiern und Fakten pinkeln: Mit Hilfe der von der Kampagne „Ackergifte? Nein danke!“ bereitgestellten Test-Sets kann jede und jeder unkompliziert hygienisch einwandfreie Urinproben erstellen und an ein kooperierendes unabhängiges Analyseinstitut einsenden. Gegen einen Kostendeckungsbeitrag können die Einsenderinnen und Einsender sogar ihre persönlichen Laborwerte mitgeteilt bekommen.

Vorbild Anti-AKW-Bewegung

Auf lange Sicht werden wir auch die Auseinandersetzung um die Pestizide gewinnen – der Blick auf die bisherigen Erfolge der Anti-Atom-Bewegung und auf den weltweiten Niedergang der Nuklearindustrie stimmt mich zuversichtlich. Seit vier Jahren findet im Januar eine Großdemonstration für den zukunftsfähigen, enkeltauglichen Umbau der Landwirtschaft statt. Während in den ersten Jahren jeweils etwa 20.000 Engagierte dort für die Planeten-, mensch- und tierverträgliche Landwirtschaft eintraten, zogen in diesem Jahr bereits 50.000 gutgelaunte Teilnehmer durch das Berliner Regierungsviertel und forderten unter anderem lautstark „Bauernhöfe statt Agrarindustrie!“. Auch Mitglieder unserer Kampagne waren dabei; wir schwenkten großformatige Versionen des „Ackergifte? Nein danke!“-Logos, das sich in gestalterischer Hinsicht aus gutem Grund an die legendäre „Atomkraft? Nein danke!“-Sonne anlehnt.

Hier gibt’s alle Informationen zur Teilnahme an der Aktion „Urinale 2015“

Die Bürgerinitiative Landwende wurde im Jahr 2001 als Reaktion auf eine massive Herbizidvergiftung gegründet. Der Vorfall ereignete sich im Nordosten der Republik und ist in unmittelbarem Zusammenhang mit den dort nach der Wende fortgeführten Agroindustriestrukturen zu sehen. Ziel der Bürgerinitiative ist eine enkeltaugliche Landwirtschaft.




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