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Meinung der Woche
01. Januar 2018

Appell zum Jahreswechsel: Erlöst die Konsumenten!

Alle Jahre wieder: Kaum sind die guten Wünsche zur Weihnachtsfeier ausgesprochen, geht es weiter mit guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Nicht mehr rauchen, abnehmen, weniger arbeiten, mehr mit Freunden treffen und das Leben genießen. Meistens klappt es nicht so wie erhofft. Der Wille ist vorhanden, aber Gewohnheiten und Routinen schwächen die Bereitschaft zur Veränderung.

Dr. Michael Kopatz, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Dr. Michael Kopatz, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Dr. Michael Kopatz ist Projektleiter der der Forschungsgruppe Energie, Verkehrs- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. (Bild: © Bernd Henkel)
Dr. Michael Kopatz ist Projektleiter der der Forschungsgruppe Energie, Verkehrs- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. (Bild: © Bernd Henkel)

01.01.2018 – Gute Vorsätze finden sich auch bei ökologischen Themen. Über 80 Prozent der Bundesbürger sprechen sich für bessere Bedingungen bei der Tierhaltung aus, ebenso viele wünschen sich weniger Autoverkehr in den Städten. Neun von zehn begrüßen eine ambitionierte Klimaschutzpolitik. Allein, bei sich selbst anfangen, das möchten nur wenige. Was bringt es schon, das Auto stehen zu lassen, wenn niemand mitmacht? Gewöhnt sich jemand das Rauchen ab, ist der persönliche Nutzen ganz leicht erkennbar. Das klimapolitisch richtige Verhalten scheint viele Nachteile mit sich zu bringen und nur wenige Vorteile.

Seit über drei Jahrzehnten gibt es nun Kampagnen und Bildungsinitiativen für den Umweltschutz. Viele Menschen fliegen inzwischen mit schlechtem Gewissen in den Urlaub. Auch dürfte den meisten bewusst sein, dass ein fast zwei Tonnen schweres Auto nicht gerade ein Symbol für enkeltaugliche Mobilität ist. Vieles hat sich geändert, nur unsere Routinen und Gewohnheiten, die haben sich kaum geändert. Stattdessen expandierte das materielle Umfeld. Wohnungen, Fernseher und Kühlschränke wurden zusehends größer. Autos sind heute doppelt so schwer wie in den achtziger Jahren, deren Zahl hat sich verdoppelt. Geflogen wird so viel wie nie zuvor und weitere Startbahnen sollen gebaut werden.

Zugleich gelingt es offenbar vielen Bundesbürgern, mit krassen Widersprüchen zu leben. Den Hund verhätscheln und zugleich Billigwürstchen aus martialischer Tierhaltung auf den 800 Euro Grill legen. Diese Form der gelebten Schizophrenie beherrschen auch viele Politiker. Sie fordern vehement Klimaschutz und lassen Jahr für Jahr neue Straßen und Fluglandebahnen bauen. Sie verabschieden Lärmschutzpläne, um gleich darauf Tempo 30 abzulehnen. Manche beklagen die Nitratbelastung des Grundwassers und fördern parallel Massentierhaltung und Fleischexport. Gute Vorsätze werden wohl nicht reichen, um Treibhauseffekt und Insektensterben zu bekämpfen. Dafür sind die Treiber für Expansion und Verschwendung viel zu stark.

Die Konzerne verweisen bei jeder Gelegenheit auf die Verantwortung der Konsumenten. Produziert würde schließlich nur, was auch gekauft wird. Doch so einfach ist das nicht. Die Industrie gibt jährlich über 30 Milliarden Euro für Marketing aus, damit die Menschen Dinge kaufen, die sie eigentlich gar nicht brauchen. Sie schuften um zu shoppen. All der materielle Konsum hat uns nicht glücklicher gemacht. Das ist nunmehr seit vier Jahrzehnten so. Glück ist nicht beliebig steigerungsfähig.

Und wie lässt sich diese verfahrene Situation überwinden? Oder anders gesagt: Wie kann geschehen, was geschehen muss? Das Konzept der Ökoroutine macht hier einen ganz einfachen Vorschlag: Strukturen ändern statt Menschen. Erlöst die Konsumenten von den permanenten Moralappellen! Die machen nur schlechte Stimmung und bewirken kaum etwas. Stattdessen heben wir die Standards und definieren Limits. In der Praxis ist das bereits erprobt.

Elektrogeräte, Häuser und Autos wurden effizienter, weil wir die gesetzlichen Standards schrittweise erhöht haben. Beispielsweise hatten unsere Geräte im Wohnzimmer häufig einen Stromverbrauch von 30 Watt, wenn sie scheinbar ausgeschaltet waren. Die Standby-Verordnung der EU hat den Maximalverbrauch auf 0,5 Watt begrenzt. Von den eingesparten Stromkosten profitieren 500 Millionen Konsumenten in der Europäischen Union.

Weitgehend unbemerkt wurde seit 2003 der Auslauf für Legehühner in der EU verdoppelt. Für die Landwirte sind steigende Standards kein Problem, solange sie für alle Mitbewerber in der Union gelten. Und erst vor Kurzem erklärt Philipp Skorning, Chefeinkäufer bei Aldi Süd, er würde höhere Standards, am besten EU-weit, begrüßen.

Durch die gleiche Methode können alle ab dem Jahr 2028 zugelassenen Autos emissionsfrei sein. Wie die Automobilindustrie dieses Ziel erreicht, darüber muss sich die Politik nicht den Kopf zerbrechen. Darum werden sich die Ingenieure kümmern. Statt nur mit moralischen Appellen von den Konsumente das „richtige“ Verhalten einzufordern, ist es viel effektiver, die Produktion zu verbessern.

Neben steigenden Standards braucht es Limits, etwa für den Flugverkehr. Wenn wir uns selbst ernst nehmen beim Klimaschutz, gilt es die weitere Expansion zu begrenzen. Die Deutschen fliegen viel, vermutlich schon zu viel, aber es darf nicht noch mehr werden.

Der schlichte Vorschlag: Wir limitieren die Starts und Landungen auf das gegenwärtige Niveau. Ganz einfach. Zudem gilt es, den Straßenausbau zu beenden. Nur so lässt sich vermeiden, dass der Lkw-Verkehr weiter drastisch zunimmt. Stattdessen investiert der Verkehrsminister die frei werdenden Mittel in die Bahn. In der Folge werden Spediteure ihre Routinen ändern.

Maßgeblich sind infrastrukturelle Innovationen für den Wandel der Mobilitätskultur. Es muss einfacher und cleverer sein, mittels Nahverkehr oder Fahrrad in die Stadt zu fahren. Wenn die Planer eine Pkw-Spur in einen Busstreifen verwandeln, wird Autofahrern die neue Option drastisch bewusst und sie steigen, das ist erwiesen, genau dann in den Bus um, wenn sie ihr Ziel damit schneller erreichen.

Ähnliches gilt für Radschnellwege. Dafür werden die Planer auch mal Parkstreifen in Radwege umbauen. Das heißt, der Verkehrsraum ist neu aufzuteilen. Die Transformation von der autogerechten zur menschengerechte Stadt realisiert sich nicht durch Absichtserklärungen und moralische Appelle, sondern durch gute Strukturen.

Und was geschieht jetzt mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr? Statt sich dem persönlichen Ohnmachtsgefühl hinzugeben, nehmen Sie an Demonstrationen teil. Denn die beschriebenen Strukturen und Limits kommen nicht von allein. Dafür müssen sich Menschen engagieren. Zum Beispiel die Leser der energiezukunft. Ein schlichte Form von Engagement ist Protest, etwa bei der Demo „Wir haben es satt!“. Gleich zu Jahresbeginn können Sie nach Berlin fahren und mitmarschieren. Passend zur Grünen Woche beklagen dort Zehntausende die Zustände in der Agrarindustrie.

Oder Sie besetzen ein Braunkohlerevier. Radler können an der Critical Mass teilnehmen, einer internationalen Fahrraddemo, jeden letzten Freitag im Monat. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und man erfährt: Ich bin nicht allein. Es gibt noch viele andere, die sich einmischen. Außerdem haben es die Reformer in der Politik dann schon etwas leichter, strukturellen Veränderungen ins Werk zu setzen. Ihren Enkeln können Sie dann erzählen: Ich habe Widerstand geleistet und Veränderungen durch lauten Protest eingefordert. Das fühlt sich eigentlich ganz gut an.

Dr. Michael Kopatz ist Projektleiter der Forschungsgruppe Energie, Verkehrs- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Seine Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem der kommunale Klimaschutz, Resilienzökonomie, Strategien zur Linderung der Energiearmut sowie Energiesuffizienz. Er ist zurzeit Lehrbeauftragter für Umweltpolitik und Nachhaltigen Wohlstand an den Universtäten Kassel und Lüneburg.




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