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Meinung der Woche
12. Oktober 2015

Auf der Flucht vor dem Klimawandel

Was haben Flüchtlingswellen mit dem Klimawandel zu tun? Wirtschaftsflüchtlinge sind häufig auch Menschen, die aufgrund der Auswirkungen des fortschreitenden Klimawandels oft mit Folge von Mangel an Wasser und Nahrung aus der puren Existenznot heraus ihre Heimat verlassen müssen.

Dr. Gerhard HofmannAgentur ZukunftBüro für Nachhaltigkeitsfragen

Dr. Gerhard HofmannAgentur ZukunftBüro für Nachhaltigkeitsfragen
Dr. Gerhard Hofmann leitet die Agentur Zukunft / Büro für Nachhaltigkeitsfragen. (Foto: privat)
Dr. Gerhard Hofmann leitet die Agentur Zukunft / Büro für Nachhaltigkeitsfragen. (Foto: privat)

12.10.2015 – Szenen eines Science-Fiction-Films: Afrikaner auf der Flucht vor dem Hungertod. Der junge, charismatische Issa al-Mahdi führt einen unübersehbaren Zug bitterarmer Menschen aus sudanesischen Lagern Richtung Europa. Nur noch dort sieht er eine Chance, dem Hungertod zu entgehen. Der droht auf Grund der verschärften Armut, ausgelöst durch die infolge des Klimawandels eingetretene ökologische Katastrophe in der Region. Denn fünf lange Jahre hat es dort laut Drehbuch nicht mehr geregnet. Die Hilfen aus Europa und den USA sind im Filz von korrupten Regimes und Warlords versickert. Auf dem Marsch schwillt der Strom der Hunger-Flüchtlinge (heutiges Politsprech „Wirtschaftsflüchtlinge“) auf Hunderttausende an. Verzweiflung, nicht Aggression treibt sie nach Norden.

Die Masse der Ohnmächtigen verfügt über keine andere Macht mehr als die, vor den Augen und den Kameras der reichen Europäer zu sterben. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: „Wir sind arm, weil ihr reich seid. Jetzt kommen wir zu euch, damit ihr uns sterben seht.“ Al Mahdis Hoffnung: „Wenn ihr uns vor euch seht, werdet ihr uns nicht sterben lassen. Deswegen kommen wir nach Europa. Wenn ihr uns nicht helft, dann können wir nichts mehr tun, wir werden sterben, und ihr werdet zusehen, wie wir sterben, und möge Gott uns gnädig sein.“

Das war vor mehr als 25 Jahren. Am 19.5.1990 erst-sendete die ARD den BBC-Film „Der Marsch“ nach dem Roman von Blockbuster-Autor William Nicholson („Gladiator“, „Shadowlands“).

Was damals noch Science Fiction hieß, ist heute bittere Realität – was den afrikanischen Anteil der im Wortsinn in Europa anlandenden Hilfssuchenden betrifft. Europa ist im politischen Denken seit damals über die Ideologie der „Festung Europa“ nicht hinausgekommen. Dabei haben wir den Löwenanteil der Verantwortung: Wir haben diese Länder seit den Zeiten des Merkantilismus, später des Imperialismus bedenken- und skrupellos ausgebeutet. Wir haben seit Erfindung der Dampfmaschine und des Verbrennungsmotors ungebremst CO2 in die Atmosphäre geblasen, so dass sich heute unter Anständigen jeder Zweifel an der anthropogenen Verursachung der Klimakrise verbietet. So dass aber auch Extrem-Wetterereignisse in nahezu exponentiellem Ausmaß zunehmen. Nicht nur Starkregen und Überschwemmungen, sondern auch Dürrekatastrophen. Das Verschwinden der Gletscher wird in Asien bald eine Milliarde Menschen in Bewegung versetzen.

Wir wissen es also seit mindestens 25 Jahren – und unsere PolitikerInnen wissen es auch, konnten es wissen, aber was haben sie unternommen? Die Abwehrzäune um die spanischen Exklaven Melilla und Ceuta wurden inzwischen auf sieben Meter erhöht, mit Infrarotkameras, Geräusch- und Bewegungsmeldern bestückt – dennoch haben im Jahr 2014 über 20.000 Menschen versucht, sie zu überwinden. Flüchtlinge, denen das nicht gelungen war, wurden an der Südostgrenze zu Algerien in der Wüste ausgesetzt. Ausländische Journalisten berichten von dramatischen Szenen: „Warum behandelt man uns wie Tiere?“ sollen sie gerufen haben.

Die Antwort gibt al-Mahdi schon vor 25 Jahren, in Worten, die einem die Kehle zuschnüren. Den eilig nach Afrika entsandten Vermittlern der EU hält er entgegen: „Ihr habt in Europa so kleine Katzen. Es heißt, eine Katze kostet mehr als zweihundert Dollar pro Jahr. Lasst uns nach Europa kommen als eure Haustiere. Wir könnten Milch trinken, wir könnten eure Hand lecken. Wir könnten schnurren. Und wir sind viel billiger zu füttern.“

Lord Nicholas Stern von der London School of Economics behandelte schon 2006 die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels. Der Ex-Chefökonom der Weltbank nannte als „die beiden größten Probleme unserer Zeit“ in seinem Buch Der Global Deal „die Überwindung der Armut in den Entwicklungsländern und die Bekämpfung des Klimawandels“. Beide seien „unauflöslich miteinander verbunden. Ein Scheitern beim einen wird die Anstrengungen zur Lösung des anderen untergraben. Ein Ignorieren des Klimawandels würde zu einer für Entwicklung und Armutsreduzierung immer feindlicheren Umwelt führen, aber der Versuch, den Klimawandel anzugehen, indem man Wachstum und Entwicklung Fesseln anlegt, würde die für einen Erfolg so wichtige Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern beschädigen – wahrscheinlich sogar irreparabel.“

Stern, für den „die Emission von Treibhausgasen ein Marktversagen bedeutet“, hatte damals im Auftrag der britischen Regierung unter Tony Blair in seinem nach ihm „Stern-Report“ genannten Bericht erstmals eine nüchterne Rechnung aufgemacht, was uns der Klimawandel kostet. Dafür rechnete er physikalische Prozesse in Geld um und stellte einander gegenüber, welche Schäden die Erderwärmung verursacht (20 Prozent des jährlichen BIP), und was es kosten würde, sie zu vermeiden (1 Prozent des BIP – heute schon 2 Prozent). Damit legte er als erster einleuchtend die Wirtschaftlichkeit der CO2-Reduzierung dar. Und er bewies auch, dass es täglich mehr kostet, je länger wir warten.

Politiker ließen sich bisher stets gerne vernehmen, man müsse versuchen, den „Migrationsdruck“ (Ministerialsprache) zu senken – wie zynisch, und wie wahr zugleich! Deutschlands Klimaziel steht in Zweifel. Den einst versprochenen Anteil von mindestens 0,7 Prozent des BIP in Entwicklungshilfe zu stecken, hat kein Land je erreicht. Das rächt sich jetzt. Jetzt hat der Marsch wirklich begonnen. Wir wussten es schon lange, haben aber nichts getan. Wir können uns nur schämen, selbst und fremd-schämen für die 22 EU-Staaten, die ihre Hilfe schändlicherweise immer noch verweigern, ebenso wie sie und andere sich weigern, ehrgeizigere Klimaziele anzustreben. Und wir sollten aufhören, in Talkshows darüber zu räsonieren, ob „Pack“ eine angemessene Bezeichnung, oder gar „mein Sprachgebrauch“ ist, oder nicht, sondern wir sollten anpacken. Alle.

Übrigens: Schon die Produktionsgeschichte von „Der Marsch“ warf damals ein Schlaglicht auf das Verhältnis Europas zur Flüchtlingsproblematik. Der Film entstand zwar als Gemeinschaftsproduktion europäischer Sendeanstalten unter Federführung der BBC, aber gegen die Bedenken spanischer und italienischer Sender. Ihnen schien die Idee einer „ökologischen Migration“ von Afrikanern in ihre Länder zu nahe und realistisch. 1990 von einem für heutige Verhältnisse ausführlichen Begleitprogramm flankiert als Höhepunkt der europäischen Medieninitiative „Eine Welt für alle“ ausgestrahlt, wurde er von der Kritik für seine perfekte Machart und die glanzvollen Dialoge hoch gelobt.

Dr. Gerhard Hofmann leitet die Agentur Zukunft / Büro für Nachhaltigkeitsfragen in Berlin. Die Agentur hat sich u.a. auf politische Beratung und aktive Unterstützung bei Kontaktsuche, Networking, Veranstaltungen, Aktivitäten im Medienbereich und Wissenstransfer spezialisiert.




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