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Meinung der Woche
13. April 2015

Biogas in der Achterbahn

Ein langsamer Anschub zu Beginn, dann ein steil steigender Zubau und seit der EEG-Novelle 2014 der Absturz – für die Biogasbranche geht es auf und ab. Der ungesteuerte Boom mag nicht nur gut gewesen sein, aber fest steht: Mit ihrer flexiblen Steuerbarkeit sind Biogasanlagen auch künftig für die Energiewende unerlässlich.

Claudius da Costa GomezGeschäftsführer Fachverband Biogas e. V.

Claudius da Costa GomezGeschäftsführer Fachverband Biogas e. V.
Claudius da Costa Gomez ist seit April 2000 Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas e.V.  (Bild: Fachverband Biogas e. V.)
Claudius da Costa Gomez ist seit April 2000 Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas e.V. (Bild: Fachverband Biogas e. V.)

13.04.2015 – Als am 1. April 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft trat, konnte noch niemand wissen, welche Entwicklung damit angestoßen wurde. Der Anteil Erneuerbarer Energien an der gesamten Stromproduktion lag damals bei rund fünf Prozent – und die verschiedensten Prognosen aus dem 20. Jahrhundert gingen davon aus, dass sich daran auch nicht groß etwas ändern wird. Heute sind wir bei einem Anteil von bald 30 Prozent grünem Strom. Das EEG ist eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte; zahlreiche Länder in der ganzen Welt haben dieses System bereits kopiert und damit die globale Entwicklung regenerativer Energien ins Rollen gebracht.

Die Akteure, die hinter dieser Geschichte stecken, sind zum allergrößten Teil Landwirte. Sie haben auf ihren Flächen die ersten Windräder aufgestellt – schon lange vor dem in Kraft treten des EEG – sie haben die ersten Solaranlagen auf ihren Scheunen installiert und sie sind es, die rund 90 Prozent der mehr als 8.000 Biogasanlagen in Deutschland betreiben. Für viele Landwirte ist die Biogasanlage mittlerweile ein sicheres Standbein innerhalb ihres landwirtschaftlichen Betriebes, das ihnen in Zeiten niedriger Milchpreise, schlechter Ernten oder teurer Futtermittel das Überleben sichert. Andere sind den Schritt vom Landwirt zum Energiewirt komplett gegangen und haben sich für Biogas als Hauptbetriebszweig entschieden.

Das EEG ist in einem ständigen Entwicklungsprozess. Eine wahre Achterbahnfahrt für die Branchenteilnehmer. In den ersten Jahren nach dem Inkrafttreten ging es langsam, aber kontinuierlich, nach oben mit den Anlagenzahlen. Es wurden vor allem biogene Abfälle vergoren, denn der Einsatz von Energiepflanzen hat sich unter dem ersten EEG nicht gerechnet. Erst die Einführung des sogenannten „NawaRo-Bonus“ mit dem EEG 2004 ließ den Anbau und den Einsatz Nachwachsender Rohstoffe (NawaRos) auch finanziell zu. Die Anlagenzahlen stiegen rasant. Als im EEG 2009 der „Güllebonus“ den Einsatz von mindestens 30 Prozent Gülle im Fermenter noch zusätzlich belohnte, gab es für die Biogasbranche kein Halten mehr: Allein im Jahr 2011 gingen fast 1.400 neue Biogasanlagen ans Netz. Heute stehen zwischen Nordsee und Alpen gut 8.000 Biogasanlagen. Sie bieten nicht nur ihren Betreibern ein wirtschaftliches Standbein sondern sichern auch eine zusätzliche Einkommensquelle in den oft etwas schwächer aufgestellten ländlichen Regionen. Im Jahr 2014 lag das Umsatzvolumen der Biogasbranche bei über sieben Milliarden Euro.

Die rasante Entwicklung – oder, um bei dem Bild der Achterbahn zu bleiben: die steile Fahrt nach oben – war einerseits natürlich positiv, weil sie der Energiewende und dem Klimaschutz dienlich war. Andererseits ist mit rasanten Entwicklungen immer auch die Gefahr der Fehlentwicklungen verbunden. Und so ist nicht jede Biogasanlagen aus diesen Jahren optimal an den jeweiligen Standort angepasst. Sichtbar wurde die Biogasnutzung für viele durch den Anbau von Mais. Der Begriff „Vermaisung“ machte schnell die Runde und die in vielen Regionen und Bereichen äußerst sinnvolle Energiepflanze wurde zum Buhmann der Branche. Die Akzeptanz für Biogas als regenerativen Energieträger sank – und die Politik sah sich genötigt, auf die Bremse zu treten. Letztendlich wurde es eine Vollbremsung.

Denn mit dem EEG 2014, das im August letzten Jahres in Kraft getreten ist, ist der Neubau von Biogasanlagen nahezu zum Erliegen gekommen. Vereinzelt gehen noch kleine Gülleanlagen mit einer Leistung von maximal 75 Kilowatt ans Netz, ein paar Abfall vergärende Anlagen sind in der Planung. Doch die Biogasbranche kennt sich mittlerweile mit Achterbahnfahrten aus. Und um neuen Schwung zu holen, muss man erst mal wieder nach unten.

Die rund 8.000 Biogasanlagen in Deutschland bringen es zusammen auf eine Leistung von gut 4.000 Megawatt. So viel wie vier Atomkraftwerke. Bislang haben diese Anlagen in der Regel Grundlast erzeugt, also permanent Strom. Das aber muss nicht so sein – und es ändert sich auch seit ein paar Jahren. Denn Biogasanlagen können Strom produzieren, wenn er gebraucht wird – beispielsweise während einer Sonnenfinsternis, wie gerade erst geschehen. Aber auch an windstillen Abenden, an denen der Strombedarf hoch ist, die Produktion aus Wind- und Solaranlagen aber niedrig. Schon heute ist mehr als ein Viertel der bestehenden Biogasanlagen in der Lage, flexibel Strom zu erzeugen, je nach Bedarf. Wenn der Wind weht und die Sonne scheint speichern diese Anlagen das Gas, um es später mit doppelter oder dreifacher Leistung in Strom umzuwandeln.

Genau diese Flexibilität ist es, die Biogasanlagen für die Energiewende unersetzlich macht. Und genau hier liegt die unbedingte Daseinsberechtigung für Biogas. Wir werden in Zukunft in einem sogenannten „Energy only“-Markt flexibel mit Angebot und Nachfrage umgehen. Biogas ist flexibel! Nicht nur die Energiequelle selbst – auch die Menschen, die dahinter stehen. Sie sitzen seit Jahren in der Achterbahn und werden auch diesen neuen Weg einschlagen – und eine unerlässliche Stütze für die Energiewende werden.

Dabei ist es nicht allein die Verlässlichkeit, die Biogas für den Umbau unseres Stromsystems unersetzlich macht. Was in letzter Zeit zuweilen vergessen wird: Diese Energiewende findet ja nicht zum Selbstzweck statt. Sie hat einen überlebenswichtigen Hintergrund: den Klimaschutz. Eine Biogasanlagen mit einer Leistung von 190 Kilowatt (kW) spart nicht nur bei der Stromproduktion mehr als 600 Tonnen CO2 im Vergleich zu einem fossilen Kraftwerk ein.

Durch die Vergärung von Gülle und Mist in Biogasanlagen werden schon heute insgesamt rund 1,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr eingespart. Mit entsprechenden Anreizen und Maßnahmen ließen sich zusätzlich mehr als sieben Millionen Tonnen einsparen. Es ist geradezu absurd, dass dieses immense Potenzial bislang im Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 des Bundesumweltministeriums nicht berücksichtigt wird. Im Interesse des Klimaschutzes sollte die Bundesregierung die Vergärung von Wirtschaftsdünger konsequent ausbauen.

Wenn man es ernst meint mit der Energiewende, dann führt an Biogas kein Weg vorbei. Die Anlagenbetreiber sind bereit, ihren Teil dazu beizutragen – auch und gerade in diesen schwierigen Zeiten für die Branche. Der Strommarkt, wie wir ihn heute kennen, wird in Zukunft ganz anders aussehen. Wir brauchen für das neue System flexible, dezentrale Kraftwerke. Wir brauchen Biogasanlagen. Davon bin ich fest überzeugt. Und davon sind auch die allermeisten Biogasanlagen-Betreiber überzeugt, die diesen neuen Weg mitgehen wollen.

Und was wir über die ganze Strommarkt-Debatte nicht vergessen dürfen: Die Energiewende ist mehr als eine Stromwende. Wir brauchen regenerative Wärme und regenerativen Kraftstoff. Beides kann Biogas liefern – in Kraft-Wärme-Kopplung und in Form von Biomethan als CNG-Kraftstoff. Biogas ist die Energiequelle, die wir jetzt brauchen. Deshalb wird die Talfahrt, in der sich die Branche befindet, mit Sicherheit wieder neuen Schwung bringen. Der Landwirt ist und bleibt auch ein Energiewirt – in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

Zur Person:

Nach dem Studium der Agrarwissenschaften an der TU München-Weihenstephan und der TU Berlin promovierte Claudius da Costa Gomez am Institut für Tierphysiologie und Tierernährung der Georg August Universität in Göttingen. Ziel seiner Doktorarbeit war es, mikrobiologische Strategien zur Reduktion der Methanentstehung im Pansen zu entwickeln. In dieser Zeit und während seiner Tätigkeit als Postdoc an der Universität Gent gab es immer wieder Überschneidungen mit Fragestellungen zur gezielten Methanproduktion im Biogas-Fermenter. Im April 2000 übernahm er die Geschäftsführung des Fachverbandes Biogas e.V.




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