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Meinung der Woche
20. August 2018

Das Klima duldet kein energiepolitisches Vakuum

Mit Temperaturen von bis zu 40 Grad geht dieser Sommer als einer der heißesten und trockensten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Statistik ein. Die Bilder von Waldbränden, ausgetrockneten Feldern und toten Fischen in unseren Flüssen haben uns einen Vorgeschmack auf das gegeben, was Klimaforscher aus aller Welt prophezeien: Die Auswirkungen der Erderwärmung werden uns immer öfter und heftiger treffen.

Dr. Simone Peter, Präsidentin Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) e.V.

Dr. Simone Peter, Präsidentin Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) e.V.

20.08.2018 – Auch auf die Energiewirtschaft hatte die Hitzewelle Auswirkungen: Während die Einspeisung von Solarstrom einen neuen Rekord erreichte, geriet die konventionelle Stromproduktion ins Stocken. Mehrere Atom- und Kohlekraftwerke mussten ihre Leistung drosseln, da die Kühlwassernutzung die bereits kritischen Temperaturen der Flüsse weiter erhöht hätte. Wenn Hitzewellen künftig zum Normalfall werden, werden die konventionellen Kraftwerke auch in dieser Hinsicht zunehmend ein Problem. Und das nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren europäischen Nachbarn. Ein Grund mehr, den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern zu beschleunigen. Photovoltaikanlagen erzeugten dagegen allein im Juli 6,7 Milliarden Kilowattstunden Solarstrom in Deutschland. Mit einem Anteil von rund 15 Prozent an der gesamten Stromerzeugung lag die Solarenergie damit deutlich vor der Atomkraft. In den Mittagsstunden speisten die PV-Anlagen bis zu 30.000 Megawatt ins Netz und waren mit bis zu 40 Prozent in diesen Stunden der größte Stromerzeuger Deutschlands.

Der extreme Sommer verdeutlicht den politischen Handlungsdruck. Die Unterschrift unter dem Pariser Jedes Warten kostet den Verlust natürlicher Lebensgrundlagen und Lebensräume sowie zusätzliches Geld. Klimaschutzabkommen verpflichtet uns, mit dazu beizutragen, die Erderhitzung auf unter 2 Grad, möglichst unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Industrieländer wie Deutschland mit einem überdurchschnittlich hohen CO2-Ausstoß verpflichtet es im Besonderen. Aber die Zeit für Handlungsspielräume schließt sich. Und jedes Warten kostet den Verlust natürlicher Lebensgrundlagen und Lebensräume sowie zusätzliches Geld. Dürre- und Überflutungsschäden alleine dieses Jahr werden uns noch lange teuer zu stehen kommen. Doch was wir stattdessen erleben, ist eine Blockade der Bundesregierung in Sachen Klimaschutz und Energiewende.

Dabei hatten sich Union und SPD im Koalitionsvertrag immerhin darauf geeinigt, den Anteil Erneuerbarer Energien im Stromsektor bis 2030 auf 65 Prozent zu steigern. Ein verlässliches Zeit- und Mengengerüst dafür ist neben einem ambitionierten Kohleausstieg das Minimum, was zu tun ist, um die Klimaziele zu erreichen. Doch die angekündigten Sonderausschreibungen von je vier Gigawatt Onshore-Windenergie und Photovoltaik lassen auf sich warten – dabei sollten sie wesentlich dazu beitragen, das Klimaziel 2020 nicht noch krachender zu verfehlen und wieder Investitionssicherheit nach dem schwierigen Ausschreibungsjahr 2017 zu geben. Als Ausrede wird oft der jahrelang verschleppte Netzausbau angeführt, dabei sind die Netze bereits heute aufnahmefähig für deutlich mehr Erneuerbare Energie. Wir müssen nicht erst auf den Netzausbau warten, sondern können schon jetzt Netzoptimierungen, Lastmanagement, Speicher und andere Möglichkeiten nutzen, um das bestehende Netz zu entlasten. Natürlich spielt hier auch die Verminderung fossiler Kraftwerksleistung eine zentrale Rolle. Auch die Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität kann perspektivisch die Stromnetze entlasten, wenn Wärme- und Mobilitätswende endlich angepackt werden.

Dass die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien im ersten Halbjahr 2018 erneut zulegte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Zubau bei den regelbaren Erneuerbaren wie Bioenergie, Wasserkraft oder Geothermie nur gering war und bei neuen Windenergieanlagen sogar eine rückläufige Entwicklung zu beobachten war – netto sogar ein Rückgang um über 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr! Das ist angesichts der geringen Kosten und der vorgegebenen Ausbauziele völlig kontraproduktiv.

Die Solarindustrie, aber auch die Bioenergiesparte musste in der Vergangenheit bereits schmerzhaft hinnehmen, dass politisch vorgegebene Deckelungen zu erheblichen Beschäftigungsrückgängen bis hin zur Deindustrialisierung ganzer Kein Wirtschaftsminister kann zulassen, dass Deutschland in einer innovativen Zukunftsbranche durch mangelnde oder verschobene politische Entscheidungen zurückfälltRegionen geführt haben – etwa bei Solar Valley, wo in letzter Zeit zum Glück wieder eingestellt wird. In der Windbranche droht jetzt ein vergleichbarer Einbruch: Enercon, der weltweit fünftgrößte Windkraftkonzern, hat einen erheblichen Stellenabbau angekündigt. Kein Wirtschaftsminister kann zulassen, dass Deutschland in einer innovativen Zukunftsbranche durch mangelnde oder verschobene politische Entscheidungen zurückfällt und Know-how und erhebliche heimische Wertschöpfung verliert!

Die Bundesregierung muss unmittelbar nach der Sommerpause reagieren und Lehren aus der Hitzewelle sowie den Wasserstandsmeldungen aus der Branche der Erneuerbaren ziehen. Erneuerbare Energien können im Mix und über alle Sektoren hinweg deutlich mehr zum Klimaschutz beitragen, wenn man sie lässt anstatt sie zu deckeln. Die Technologien sind vorhanden: klimafreundlich, bezahlbar und verlässlich. Wir sollten sie nutzen und uns dem internationalen Wettbewerb stellen!




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