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Meinung der Woche
29. August 2016

Dezentrale Ökonomie der Erneuerbaren

Im Zuge einer dezentralen Energiewende sollte man sich von alten Denkmodellen wie der Einteilung in Sektoren lösen und den Energiemarkt als Ganzes betrachten – und dabei alle Möglichkeiten zur Energienutzung und -speicherung ohne Vorbehalte in Betracht ziehen.

Stephan Grüger, MdLVizepräsident EUROSOLAR e.V.

Stephan Grüger, MdLVizepräsident EUROSOLAR e.V.
Stephan Grüger, MdL, ist Vizepräsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien - EUROSOLAR e.V.
Stephan Grüger, MdL, ist Vizepräsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien - EUROSOLAR e.V.

29.08.2016 – Immer wieder werden von interessierter Seite „Berechnungen“ vorgelegt, nach denen Power-to-Gas, also die Umwandlung von Strom in Wasserstoff und dessen Einspeisung in das Erdgasnetz, angeblich „niemals“ ökonomisch sinnvoll als Speichertechnologie eingesetzt werden kann. Einmal abgesehen davon dass die Behauptung, irgendetwas im Zusammenhang mit der Energiewende werde „niemals“ technisch oder ökonomisch möglich sein, die Vorkämpfer der Energiewende seit Anfang der 80er Jahre begleitet, und zwar immer mit dem Resultat, dass es nachher doch technisch und ökonomisch möglich war, abgesehen also von dieser Endlosschleife der Pessimisten und Schlechtredner, reicht meist ein kurzer Blick in deren „Berechnungen“, um sofort eine Reihe falscher Annahmen und Unterstellungen zu erkennen, die quasi als selbsterfüllende Prophezeiung zu dem negativen Ergebnis führen, wahrscheinlich zu deren größtem Bedauern.

Falsche Grundannahmen: Großtechnologie ohne Wärmenutzung

Die häufigste und zugleich absurdeste Fehlannahme ist die Rückverstromung ohne jede Wärmenutzung. Damit entstehen bilanziell riesige Energieverluste, die ein solches System natürlich sofort als völlig unökonomisch erscheinen lassen. Doch liegt dieser falschen Grundannahme meist noch eine weitere, sehr weitreichende falsche Grundannahme zu Grund, nämlich die falsche Annahme der generellen Überlegenheit großtechnischer Lösungen. Konsequenterweise wird dann nach der Größe der „Kühltürme“ für die bei der Rückverstromung anfallenden „Abfallwärme“ gefragt und mit Leistungswerten im Gigawatt-Bereich hantiert.

Die Unfähigkeit, den Energiemarkt als Ganzes zu sehen, sondern in „Sektoren“ zu zergliedern, in einen „Strom-Sektor“, einen „Wärme-Sektor“, einen „Verkehrs-Sektor“ ist eine Folge der Verwechslung historischen Kapitalverwertungsinteressen im Energiemarkt und des Einflusses mächtiger Oligopole zum Beispiel in der Erdölindustrie oder bei der Stromversorgung mit technischen bzw. technologischen Notwendigkeiten.

Übrigens sind selbst viele derer, die grundsätzlich verstanden haben, dass eine Ökonomie der Erneuerbaren Energien eine Ablösung von überkommenen Denkmodellen erfordert, häufig noch so sehr in diesem Denken verfangen, dass sie nicht versuchen, den Energiemarkt als ganzen oder wenigstens eine Konvergenz der Energiemärkte zu sehen, sondern stattdessen von „Sektorenkopplung“ sprechen.

Überkommenes Denken ist nicht zukunftsfähig

Dieses historizistisch-ideologische Denken ist durch die Bedingungen der Techniker- und Ingenieursausbildung wie auch durch den Einfluss der großen Energie-Konzerne auf politische Institutionen und Hochschulen so tief verwurzelt, dass es von besonders unbedarften Vertretern dieses Denkens sogar mit Naturgesetzen verwechselt wird, so zum Bespiel, wenn behauptet wird, die Energiewende würde den Naturgesetzen zuwiderlaufen. Für mich ist das ein schlagendes Beispiel dafür, wie überkommenes und unzeitgemäßes Denken zu nicht zukunftsfähigen Entwicklungspfaden führen kann.

Power-to-Gas und kleine BHKW – zwei Seiten einer Goldmedaille

Die Nutzung von Power-to-Gas bietet sich an als Energiepuffer zwischen einer Netzeinspeisung oberhalb der Residuallast (also des jeweiligen Strom-„Verbrauchs“) und einer Gas-Verstromung bei Bedarf, also bei Strombedarf oberhalb der Stromproduktion. Ausspeiseseitig geht es also nur um wenige Tage im Jahr, meist im Winter bei regionalen Inversionswetterlagen mit Bodennebel und Windstille. Es liegt auf der Hand, dass es sich kaum ökonomisch rechnen kann, für diese seltenen Fälle große Gas-und-Dampf-Kraftwerke zu errichten. Woher soll der benötigte Strom also dann kommen?

Dafür lohnt sich ein Blick auf den Wärmebedarf in Deutschland. Dieser beträgt allein in Haushalten rund 2.000 PJ/a, das sind rund 556 TWh/a. Wenn nun jeder Haushalt mit einem dezentralen Blockheizkraftwerk (BHKW) mit Wärme versorgt würde, sei es mit einem Mikro-BHKW im Keller oder über Nahwärme mit einem Mini-BHKW im Dorf oder Viertel, dann würden diese BHKW zusammen rund die Hälfte des jährlichen Strombedarfs im Deutschland produzieren – also ein Vielfaches des Bedarfs an Ausgleichsenergie bei zu geringen Wind- und Solarstromangebot.

Dafür müssten allerdings die Verteilnetzbetreiber bzw. die regionalen Energieversorgungsunternehmen (EVU) einerseits sich am Ausgleichsenergiemarkt als Anbieter betätigen dürfen und andererseits Geschäftsmodelle entwickeln, die es ihnen ermöglichen, auf die BHKW ihrer Kunden immer dann zuzugreifen, wenn Strom gebraucht wird. Das Geschäft könnte darin bestehen, dass dem Kunden in diesem Falle die produzierte Wärme faktisch „geschenkt“ wird, da die Vergütung deutlich über dem Gaspreis und den Abschreibungskosten liegt. Als Alternative dazu sind verschiedene Contracting-Modelle denkbar.

Wenn hierfür die richtigen rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, wird der Markt effiziente und kostengünstige Lösungen hervorbringen. Die BHKW-Technik ist voll ausgereift und sehr bedienungs- und wartungsfreundlich, das Potenzial reicht, wie oben gezeigt, weit über die benötigte elektrische Arbeit hinaus und der Wirkungsgrad liegt im ungünstigsten Falle im Bereich von 80 Prozent. Zudem ist die Technik sofort – und auch „Made in Germany“ – verfügbar und schnell aufwuchsfähig. Auch die notwendige Mess- und Regeltechnik ist vorhanden. Es fehlt „nur“ an der Bereitschaft, sich von der Ideologie der großtechnologischen Anlagen zu befreien und leider auch noch am politischen Willen, hierfür die richtigen rechtlich-regulatorischen Rahmenbedingungen zu setzen.

Technokraten unterschätzen regelmäßig die Macht des Marktes

Dabei ist das größte Hindernis der Technologie- und Marktpessimismus der meisten Technokraten. Technokraten und Bürokraten lieben „Masterpläne“, „Korridore“, „Leitplanken“ und Mengenvorgaben. Dem Markt misstrauen sie. Dabei waren es Markt und Industrialisierung, die die Energiewende in Gang gebracht haben, nachdem durch das EEG gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Zu diesen Rahmenbedingungen gehörte auch das klare Signal der kontinuierlichen Degression der Förderung bis auf null. Dies hat zu den für viele völlig unerwarteten Kostensenkungen bei Erneuerbaren Energien geführt.

Bei der Kombination von Power-to-Gas und kleiner dezentraler KWK bedarf es nun vor allem regulatorischer Rahmenbedingungen zur Freisetzung der Marktkräfte. So darf zum Beispiel die Speicherung von Energie nicht länger durch Doppelbesteuerung diskriminiert werden. Auch brauchen die kommunalen EVU und Verteilnetzbetreiber die Möglichkeit, sich mit elektrischer Arbeit aus Contracting mit Multikraftwerken („virtuellen Kraftwerken“) am Ausgleichsenergiemarkt und auch am Markt für gesicherte Leistung als Anbieter tätig zu werden.

ErNEUErbare ENERGIEMARKTORDNUNG

Ein solcher regulatorischer Rahmen für die Kombination von Power-to-Gas mit dezentralen Klein-KWK wäre EIN Teil einer Neuen Energiemarktordnung, wie sie von EURSOLAR bereits vor drei Jahren vorgeschlagen wurde www.nemo.eurosolar.de. Grundidee dieser Neuen Energiemarktordnung ist ein kostengünstiger mittelständischer und damit schneller Umbau der Energieversorgung auf 100 % Erneuerbare Energien, dezentral und im Technologiemix.

Dieser Text darf also nicht missverstanden werden als Versuch der Festlegung von Power-to-Gas als einzige Speichertechnologie für Erneuerbare Energien. Dies muss unterstrichen werden vor dem Hintergrund der sonst (und vielleicht trotzdem) zu erwartenden wütenden Kommentare von gläubigen Anhängern anderer Speichertechnologien, die zudem in jenem monomanen technokratischen Denken verhaftet sind, das weiter oben als Hindernis der Energiewende beschrieben wird.

Die Neue Energiemarktordnung ist nicht nur in ihren Strukturen anti-zentralistisch und damit anti-totalitär, sondern auch in der Wahl der erneuerbaren Technologien. Am Ende entscheidet der konvergente Markt entlang der jeweiligen Aufgabenstellung.

Stephan Grüger ist Vizepräsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien - EUROSOLAR e.V. Er ist seit 2014 Mitglied des Hessischen Landtages und war zuvor in verschiedenen Positionen in der Energiewirtschaft tätig.




Kommentare

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Axel F. Westphal 06.09.2016, 13:13:05

+113 Gut Antworten

Herr Grüger,

Sie haben das Problem meines Erachtens gut auf den Punkt gebracht. Mein Spruch zu dem Thema heißt immer: 'Da müssen noch einige Herren in den Ruhestand gehen, bis wir das denken können.'

Die Fixierung auf die Technologiediskussion fand ich schon immer suspekt, als könnte uns eine Technologie das alleinige Heil bringen. Um die Klimaziele zu erreichen, benötigen wir alle zur Verfügung stehenden Techniken, an welchem Ort, in welcher Größe etc. bleibt sicher in einem komplexen System zu diskutieren. Dazu gehört dann eben auch die Diskussion über verfügbare Kapazitäten, Energie-/Wärmeniveaus und welchen Luxus man sich gönnen und finanzieren möchte. Heruntergebrochen auf den Alltag; muß ich 24 h warmes Wasser aus der Wand haben, oder reichen mir 2x 20 min / 24 h, oder bekomme ich die Wärme sowieso, weil sie bei anderen Prozessen 'übrig' bleibt und meine zentrale Warmwasserbereitung ein Puffer ist.


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