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Meinung der Woche
07. September 2015

Die Energiewende auf die Straße bringen

In der EU entfallen über 30 Prozent des Endenergiebedarfs auf die Mobilität. Gleichzeitig ist der vom Straßenverkehr dominierte Sektor eine der größten Quellen von Treibhausgasen. Ein Umsteuern ist dringend notwendig, denn ohne Fortschritte hin zu nachhaltiger Mobilität geraten Deutschlands Klimaziele weiter in Gefahr.

Alexander KnebelSprecher der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE)

Alexander KnebelSprecher der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE)
Alexander Knebel ist Sprecher der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). (Bild: Alexander Knebel / AEE)
Alexander Knebel ist Sprecher der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE). (Bild: Alexander Knebel / AEE)

07.09.2015 – Verglichen mit dem Strom- und mit dem Wärmesektor ist der Verkehrssektor beim Einsatz der Erneuerbaren weit abgeschlagen. Das gilt für Deutschland ebenso wie für die Europäische Union insgesamt. An Wachstum fehlt es. Während der Anteil Erneuerbarer Energien am deutschen Strommix stetig steigt, ist er im Verkehrssektor gefallen – auf zuletzt 5,4 Prozent. In ähnlicher Größenordnung bewegt man sich auf EU-Ebene. Vom Ziel der Europäischen Union, 10 Prozent des Energiebedarfs bis 2020 aus erneuerbaren Quellen zu decken, sind Deutschland und die EU insgesamt noch weit entfernt. Lösungen stehen bereit, haben es aber schwer. Für den Einsatz von Biokraftstoffen aus Anbaubiomasse gilt in der EU eine Obergrenze von 7 Prozent am Kraftstoffmix. Befürchtete Risiken durch indirekte Landnutzungsänderungen (ILUC) ebenso wie die sogenannte Tank-Teller-Debatte haben Spuren mit politischen Folgen hinterlassen. Erneuerbare Alternativen zu Biokraftstoffen wie die Elektromobilität sind erst langsam im Kommen. Eine schon aus Gründen der Energieeffizienz wünschenswerte Verlagerung von Verkehr auf die Schiene fehlt bislang.

Der Verkehrssektor ist bei weitem der größte Abnehmer von Rohöl in der EU, mit steigender Tendenz. Gleichzeitig hängen die Europäer immer stärker am Tropf von Energieimporten. Die durchschnittliche Abhängigkeit von Importen lag zum Beginn des Jahrtausends bei 47 Prozent und stieg bis 2012 auf 53 Prozent. Bei Erdölprodukten erreicht diese Abhängigkeit sogar 86 Prozent. Statt regionaler Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien überweisen wir Jahr für Jahr dreistellige Milliardenbeträge für fossile Energieimporte.

Fehlende steuerliche Anreize

Steuerliche Anreize zum Umstieg auf Erneuerbare sind kaum vorhanden. Laut Angaben der EU-Kommission ist der Anteil von Umweltsteuern im Verkehrssektor gemessen an den Umweltsteuern insgesamt auf 4,8 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist eine von der EU-Kommission angestrebte Reform der Energiebesteuerung wegen Widerstand aus den Mitgliedstaaten auf die lange Bank geschoben worden.

Für die Erneuerbaren im Verkehrssektor fehlt es auch an anderer Stelle an deutlichen Signalen. In den Zielen der EU-Kommission für 2030, die insgesamt einen Erneuerbaren-Anteil von 27 Prozent vorsehen, ist kein sektorales Ziel für den Verkehrssektor geplant. Obwohl technisch genügend Lösungen für einen Durchbruch der Erneuerbaren bereitstehen, drohen sie im Verkehrssektor ins Abseits zu geraten.

Elektromobilität noch in den Anfängen

Sehr vielversprechend ist die E-Mobilität. In der Europäischen Union kletterten die Verkäufe reiner Elektroautos 2014 gegenüber dem Vorjahr um 56 Prozent auf etwa 38.500. Gleichzeitig entsprach dies allerdings nur 0,3 Prozent des Neuwagenabsatzes. Zählt man „Range Extender“ und Plug-in-Hybride mit, so erhöht sich dieser Anteil auf 0,6 Prozent (oder einen Gesamtabsatz von rund 75.000 Neuwagen). Dies zeigt, in welch frühem Stadium sich die E-Mobilität noch befindet. Der Preis von Elektrofahrzeugen gilt momentan ebenso als Bremse für den Durchbruch wie auch die begrenzte Reichweite der Fahrzeuge und die Ladezeiten der Batterien. Dabei kann der überwiegende Teil der Alltagsstrecken mit Elektroautos problemlos bewältigt werden.

In Deutschland waren mit Stand von Juli 2015 gut 23.000 reine Elektrofahrzeuge zugelassen. Hinzu kamen knapp 130.000 Hybrid-Pkw. Ausgehend vom niedrigen aktuellen Stand wurden im ersten Halbjahr 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum zweistellige Zuwachsraten erzielt.

Ein wichtiger Faktor für das Wachstum der Elektromobilität ist der Aufbau der Infrastruktur mit Ladepunkten. Einzelne Länder haben hier starke Fortschritte gemacht. So verfügte Dänemark mit Stand von Dezember 2014 bereits über 4.000 Ladepunkte für E-Mobile, bei landesweit nur 2.500 Elektrofahrzeugen. Zum Vergleich: Deutschland verfügte zum gleichen Zeitpunkt über 4.800 Ladepunkte.

Boomender Markt für Elektro-Fahrräder

Getestet wird die Elektromobilität im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) von Städten, so auf einzelnen Stadtbuslinien in Wien und Göteborg und seit Ende August 2015 auch auf einer Linie in Berlin. Die E-Mobilität bietet nicht nur Lösungen für die Autoindustrie, sondern auch für Zweiräder. Dieser Markt hat sich zuletzt sehr dynamisch entwickelt. In den Niederlanden wurden 2014 laut einer Marktanalyse von BOVAG mehr als 220.000 Elektrofahrräder verkauft. Jedes fünfte in den Niederlanden verkaufte Fahrrad verfügte über elektrische Antriebsunterstützung. In Deutschland erhöhte sich der Absatz von E-Bikes nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbandes 2014 gegenüber dem Vorjahr um rund 17 Prozent auf 480.000, was einem Marktanteil von 12 Prozent entsprach. Als Lastenräder haben E-Bikes auch für Botendienste und Frachten großes Potenzial. Sie können je nach Bedarf dabei eine interessante Alternative zum Automobil sein. Erste Modelle bieten bereits eine Transportkapazität von 250 kg. Der Energieverbrauch liegt bei umgerechnet nur 0,5 l bzw. 5kWh für eine Strecke von 100 km.

Im Kontext der E-Mobilität sollte stets bedacht werden: Trotz des Wachstums der Erneuerbaren dominieren nach wie vor konventionelle Energieträger den Strommix in fast allen EU-Mitgliedstaaten. In den Niederlanden mit seinen Fortschritten bei der E-Mobilität erreicht der Anteil Erneuerbarer Energien am Stromverbrauch nur rund 10 Prozent. Seit 2012 ist der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch dort sogar gefallen. Eine nachhaltige Energieversorgung kann die E-Mobilität aber nur leisten, wenn sie sich aus erneuerbaren Quellen speist.

Wichtiges Regulierungsziel auf EU-Ebene ist die Senkung des Ausstoßes von Treibhausgasen von Pkw auf 95 g Kohlendioxid pro Kilometer (CO2/km) ab 2020. Ab 2021 gilt dieser Wert für die gesamte Flotte. Laut Angaben des Verkehrsclub Deutschland (VCD) entspricht ein CO2-Austoß von 95 g einem Verbrauch von 4,1 Litern Benzin bzw. 3,6 Litern Diesel pro 100 km.

Biokraftstoffe mit größtem Beitrag

Der größte Beitrag in Richtung des 10-Prozent-Erneuerbaren Ziels der EU werden Biokraftstoffe leisten. Biokraftstoffe sind als erneuerbare Alternative im Verkehrssektor sowohl im Persone – wie auch im Güterverkehr schon heute großflächig einsetzbar. Für die heute gebräuchlichen Biokraftstoffe werden entweder Zucker aus der Stärke der dafür angebauten Pflanzen zur Produktion von Bioethanol oder Pflanzenöl wie Rapsöl zur Herstellung von Biodiesel genutzt. Reines Pflanzenöl ist praktisch vom Markt verdrängt. Biomethan, darunter versteht man aufbereitetes Biogas, steht für entsprechend ausgerüstete Kraftfahrzeuge zur Verfügung. Nicht zuletzt aufgrund seiner sehr guten Abgaseigenschaften ist Biomethan auch für Stadtbusflotten interessant.

In den vergangenen Jahren haben sich Biokraftstoffe zahlreicher Vorbehalte ausgesetzt gesehen –  von der Tank-Teller-Diskussion bis hin zur berechtigten Sorge um den Regenwald. Die Anrechnung von Biokraftstoffen auf das 10-Prozent-Erneuerbaren-Ziel der EU ist aber nur möglich, wenn die gesetzten Standards zur Nachhaltigkeit eingehalten werden, die in Deutschland seit Anfang 2011 gelten. Diese Standards sind in der EU-Erneuerbaren-Energien-Richtlinie (EU RED) aus dem Jahr 2009 enthalten. Die Standards sollen direkte Landnutzungsänderungen verhindern, also zum Beispiel die Abholzung von Regenwald und dessen Umwandlung in Plantagen. Dreh- und Angelpunkt der EU-Nachhaltigkeitsstandards ist der Klimaschutz. Biokraftstoffe müssen laut den EU-Vorgaben gegenüber ihren fossilen Pendants mindestens 35 Prozent an Treibhausgasen vermeiden. Im Jahr 2017 steigt dieser Wert auf 50 Prozent.

Klimaschutzquote für Biokraftstoffe eingeführt

In Deutschland ist die Treibhausgasvermeidung mit Biokraftstoffen zum Wettbewerbsfaktor geworden, denn seit Anfang 2015 gilt eine Klimaschutzquote von 3,5 Prozent. Durch Biokraftstoffe muss der von den Mineralölfirmen abgesetzte Kraftstoff damit 3,5 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als komplett fossiler Kraftstoff. Diese Quote ist an die Stelle einer am Energiegehalt der in Verkehr gebrachten Menge orientierten Biokraftstoffquote von 6,25 Prozent getreten. Die Klimaschutzquote steigt laut aktueller Gesetzeslage 2017 auf 4 Prozent und 2020 dann auf 6 Prozent. Laut aktuellen Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung wurde im ersten Quartal 2015 eine durchschnittliche Treibhausgasvermeidung von 60 Prozent erreicht. Das zeigt: Biokraftstoffe können dem Anspruch an den Klimaschutz gerecht werden.

Neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien sind Anstrengungen zur Energieeinsparung und zur Erhöhung des Anteils Erneuerbarer Energien im Verkehrssektor dringend notwendig. Je geringer der Energiebedarf, desto größer der Anteil, den Erneuerbare Energien hier beisteuern können. Auf dem Weg zu einer erneuerbaren Energieversorgung dürfen wir nicht auf halbem Wege stehenbleiben. Wir benötigen daher dringend zählbare Fortschritte für den Umstieg auf Erneuerbare Energien auch im Verkehrssektor.

Alexander Knebel ist Sprecher der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE).




Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Rudolf Koenig 08.09.2015, 07:51:57

+162 Gut Antworten

Der immer wieder geforderte Ausbau der Ladesäulen Infrastruktur ist nicht das Thema, daß das Wachstum der Elektromobilität hemmt. 90% oder mehr aller Fahrzeuge werden weniger als 100km pro Tag bewegt. Selbst mit heutigen Speichertechnologien ist das ein Wert, den jedes Elektroauto schafft. Das Laden der Batterien kann somit zu Hause in der Garage oder an Ladepunkten am Stellplatz passieren. Also lassen Sie das Alibi Argument bitte in der Schublade.

Sie werden sehen, sobald es einen staatlichen Kaufzuschuss für monovalente Elektroautos gibt, wird der Verbraucher kaufen. Wo aber ist die Lobby in Berlin dafür?

Viele Grüße!

Thomic Ruschmeyer 08.09.2015, 16:36:37

+150 Gut Antworten

Eine gute Zusammenfassung der aktuellen Situation in Sachen EE-Mobilität.

Das diese durchaus möglich ist haben wir in der BEE-Studie "DIE NEUE VERKEHRSWELT" zu Anfang des Jahres aufgezeigt und diese auch der Kanzlerin beim Neujahrsempfang übergeben.

s.a. http://www.bsm-ev.de/news/920_bee-studie-veroeffentlicht

 

Aber sie scheint dies nicht gelesen zu haben, denn auf der Nationalen Konferenz E-Mobilität im Juni diesen Jahres konnte sie keine politische Unterstützung versprechen. Auf Initiative des Bundesrat ist nun ein Gesetzesentwurf zur steuerlichen Förderung auf den Weg gebracht.

Auch dies greift -wieder- zu kurz und zeigt -zur IAA- nur begrenztes Engagement in der Sache und vernachlässigt auch -wieder- das Potential der Biokraftstoffe, sowie weiterer Mobilitätskonzepte, wie CarSharing, e2räder etc.

 

Und Rudolf König:

Natürlich braucht es Lade-Infrastruktur, nicht alle wohnen im Haus im Grünen mit Garage o.s.ä. und es soll ja auch Leute geben, die mit ihrem eAuto mal weiter (z.B. nach Kroatien) fahren ... und dabei kaum länger brauchen, als wenn man fossil fährt.

Natürlich ist es schon praktisch daheim Naturstrom zu laden und dann täglich all seine Wege elektrisch zu erledigen. Das können aktuelle Elektro-Fahrzeuge problemlos, nur sehr wenige machen das bisher. Warum eigentlich? Das Öl ist zu billig und was hinten raus kommt ist egal, man sitzt ja vorn ... hinter einem Vordermann u.s.w.


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