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Meinung der Woche
05. Oktober 2015

Divestment: Der Teufel im Detail

Urgewalds Devise ist schon immer: Wer das Geld gibt, trägt die Verantwortung. Darum ist eine unserer Aufgaben, öffentliche und private Banken sowie Investoren davon zu überzeugen, ihr Geld aus Projekten und Firmen abzuziehen, die für Mensch und Umwelt schädlich sind. Aber auch Privatpersonen informieren wir über die Möglichkeit ihr Geld bei einer ethischen Bank anzulegen. Wir sind quasi Divestment-Spezialistinnen.

Katrin GanswindtCampaignerinurgewald e.V.

Katrin GanswindtCampaignerinurgewald e.V.
Katrin Ganswindt arbeitet seit 2011 für urgewald e.V. und beschäftigt sich genauso lange auch schon mit Kohleinvestitionen. (Foto: urgewald e.V.)
Katrin Ganswindt arbeitet seit 2011 für urgewald e.V. und beschäftigt sich genauso lange auch schon mit Kohleinvestitionen. (Foto: urgewald e.V.)

05.10.2015 – Aber auch Privatpersonen informieren wir über die Möglichkeit ihr Geld bei einer ethischen Bank anzulegen. Wir sind quasi Divestment-Spezialistinnen.

Da Kohle bei der Energiegewinnung durch fossile Energieträger den größten CO2-Ausstoß verursacht, begannen wir 2011 die Verbindung von Finanz- und Kohleindustrie zu untersuchen und für den finanziellen Kohleausstieg zu werben. Die erfolgreichste Kampagne von urgewald in der jüngsten Vergangenheit war die Erklärung des Norwegischen Pensionsfonds, aus der Kohleindustrie auszusteigen. Der Norwegische Pensionsfond ist der größte Staatsfond der Welt, in dem Gewinne aus Norwegens Ölgeschäft zu Gunsten der norwegischen Bevölkerung verwaltet und vermehrt, d.h. angelegt werden. Der Fonds wird von der Staatsbank NBIM verwaltet, deren Tätigkeit wiederum vom Finanzministerium überwacht wird. Aber auch das Parlament sowie eine eigene Ethikkommission kontrollieren diese Arbeit. Zurzeit wird verhandelt, wen genau der Kohleausstieg betrifft: Kohlebergbaufirmen und Energieerzeuger, die mindestens 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle machen, stehen aktuell zur Diskussion.

Dass überhaupt so genau um die Definition einer Kohlefirma gerungen wird, liegt auch an urgewald. Denn wir haben gesehen, wie viel beim Divestment von diesen Definitionen abhängt. Zur Erklärung ein kleiner Rückblick: Das norwegische Parlament hatte bereits 2013 beschlossen, fossile Investitionen einer Prüfung zu unterziehen. Da wir in den letzten Jahren immer wieder die Kohleinvestitionen verschiedener Finanzinstitute recherchiert haben (siehe: Bankrolling Climate Change, Ist meine Bank ein Klimakiller?, Banking on Coal), wollten wir nun, zusammen mit norwegischen Partnern, das Portfolio des Fonds genauer unter die Lupe nehmen. Dabei wurde uns klar: der Teufel liegt im Detail!

Die große Frage zu Beginn unserer Recherche war: Welche Firmen sollten von der Divestment-Entscheidung betroffen sein, wenn man sich zum Ziel setzt, der Kohleindustrie den Geldhahn abzudrehen. Denn es ist nicht simpel herauszufiltern, welches genau die wichtigsten bzw. die zerstörerischsten Firmen sind.

So lassen manche aktuellen Divestment-Erklärungen immer noch dicke Kohlebrocken im Portfolio:

  1. Energieversorger: Der norwegische Versicherer KLP zum Beispiel hat sich an der üblichen Industrieklassifizierung orientiert. Wenn über die Hälfte des Umsatzes einer Bergbaufirma mit Kohleverkauf gemacht wird, muss sie raus aus seinem Portfolio. Das ist gut – lässt aber alle Firmen drin, die Kohle zur Energieerzeugung verbrennen.
  2. Neuerschließungen und Neubauten: Selbst wenn Energieerzeuger in das 50-Prozent-Kriterium aufgenommen werden (wie es z.B. der französische Versicherer AXA getan hat), verhindert das neue Kohlekraftwerke und neue Minen nicht unbedingt. Ein Kraftwerk, das neu gebaut wurde, soll sich rentieren und muss dafür etwa 40 Jahre laufen. Ähnlich ist es bei neuen Minen. Darüber hinaus müssen für jede neue Mine Menschen und Tieren verjagt, Vegetation vernichtet, (fruchtbarer) Boden abgetragen und das Grundwasser abgesenkt werden. Deshalb müssen auch die Neubau- und Ausbaupläne von Firmen einfließen und die Unternehmen mit solchen Plänen ebenfalls ausgeschlossen werden.

  3. Prozente greifen nicht bei Großproduzenten: Kohlebergbaufirmen, Kohlehändler und teils sogar Energieerzeuger beschränken sich nicht unbedingt auf ein Geschäftsfeld. BHP Billiton zum Beispiel hat 2014 etwa 100 Millionen Tonnen Kohle gefördert und ist damit eine wichtige Größe im Kohlegeschäft. Dennoch macht Kohle nur etwa 14 Prozent von BHPs Einkommen aus. Da der Kohlepreis sich aktuell in einem kontinuierlichen Sinkflug befindet, wird sich das wohl auch in naher Zukunft nicht ändern. Bei einem Schwellenwert von 50 Prozent oder auch 30 Prozent gelten solche Firmen nicht als Kohleunternehmen.

  4. Weitere Kohlefirmen: Firmen, die weder Kohle fördern, noch Kohle direkt zur Stromerzeugung nutzen, werden teilweise gar nicht berücksichtigt. Etwa Kohlehändler, Zulieferer der Kohleindustrie (z.B. Maschinenbauer die auf Kohle spezialisiert sind) oder Kohletransportfirmen fallen heraus. Firmen, die Kohleverflüssigung oder -vergasung betreiben, was eine besonders CO2-intensiver Nutzung von Kohle ist, werden so ebenfalls nicht berücksichtigt.

Die Divestment-Erklärungen setzen die fossile Industrie unter Druck. Jeder Euro, der nachhaltig angelegt wird, anstatt an die Kohle- oder andere fossile Industrien zu gehen, ist ein Grund zu feiern. Die jüngste Erfahrung lehrt uns aber auch, wie wichtig es ist, nach den Divestment-Erklärungen genau hinzuschauen, um zu verhindern, dass diese mehr PR- als Klimaschutz-Zielen dienen. Denn nur mit einem echten Umsteuern kann es gelingen, innerhalb des 2-Grad-Limits zu bleiben.

Katrin Ganswindt arbeitet seit 2011 für urgewald e.V. und beschäftigt sich genauso lange auch schon mit Kohleinvestitionen. Zurzeit ist sie, zusammen mit Kathrin Petz, für die Kampagne „Paris Pledge“ verantwortlich, die Banken und Investoren das Versprechen zum Kohleausstieg abringen will.




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