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Meinung der Woche
18. August 2014

Droht uns wirklich der Blackout?

Es ist ein bisschen wie „Täglich grüßt das Murmeltier“. In regelmäßigen Abständen geistert ein Gespenst durch die deutsche Presse: „Dem deutschen Stromnetz droht der Blackout.“ Die Argumentation ist dabei immer die gleiche: Die Energiewende bringe die deutsche Versorgungssicherheit an den Rand des Kollaps.

Jan AengenvoortEnergiebloggerNext Kraftwerke GmbH

Jan AengenvoortEnergiebloggerNext Kraftwerke GmbH
Jan Aengenvoort ist Energieblogger und Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Next Kraftwerke GmbH. (Foto: Jan Aengenvoort)
Jan Aengenvoort ist Energieblogger und Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Next Kraftwerke GmbH. (Foto: Jan Aengenvoort)

18.08.2014 – Die Fluktuationen aus Solar und Wind seien zu stark, zudem gingen konventionelle Kraftwerke nach und nach vom Netz – und letzteres breche nun mal unter diesen Bedingungen früher oder später zusammen. Klar ist: Der schnelle Zubau von volatilen dezentralen Energieträgern passt nicht zu den Strukturen der zentralistischen konventionellen Energiewirtschaft. Und tatsächlich greifen die Netzbetreiber immer häufiger ein, damit das Licht in unseren Wohnzimmern nicht ausgeht. Aber ist das Grund zur Panik?

Um es deutlich zu sagen: Nein. Zum einen gibt es heute mehr als genügend Kraftwerkskapazitäten in Deutschland. Dies sieht man allein an den Stromexporten in deutsche Nachbarländer, die sich über unseren billigen Strom freuen. Zum anderen geht auch dann nicht das Licht aus, wenn diese Überkapazitäten durch die Abschaltung atomarer und fossiler Großkraftwerke abgebaut werden. Denn schon heute gibt es technische und marktliche Lösungen, um die Unberechenbarkeit von Solar und Wind abzufedern: Wetterprognosen werden besser und im Stromhandel und somit im Netzbetrieb häufiger berücksichtigt, Strom wird kurzfristiger gehandelt, Verbraucher können sich an die Verfügbarkeit von Strom anpassen, Netze können ausgebaut und Speicheroptionen ausgeweitet werden.

Auch mit der Perspektive, dass die fluktuierenden Erneuerbaren Energien eine immer größere Rolle einnehmen, wird das Szenario nicht bedrohlicher. Unsere Erfahrungen mit dieser Konstellation zeigen, dass es nicht die eine singuläre Lösung gibt sondern dass die Kombination verschiedener Energieträger und Erzeugungsformen die Grundlage für eine neue dezentrale und zuverlässige Versorgung bilden wird. Während Solar- und Windenergie zwar stark volatile Energieträger sind, die enorme Leistungsmengen mitbringen, eignen sich steuerbare Anlagen wie Bioenergieanlagen hervorragend zum Ausgleich von Schwankungen, etwa durch Bereitstellung von Regelenergie. Biogasanlagen sind in der Lage, ihre Fahrweise mit sehr kurzen Reaktionszeiten zu ändern. Viele Wasserkraftwerke bieten dies ebenfalls. Holzheizkraftwerke brauchen ein bisschen länger, tragen aber auch zur Stabilisierung der Netzfrequenz bei. Diese individuellen Stärken und Schwächen zeigen, dass es nicht sehr hilfreich ist, sich auf einzelne Energieträger als Stützen der Energiewende zu konzentrieren. Der Schlüssel liegt vielmehr in der gemeinsamen Vernetzung der einzelnen Anlagen. So sind verschiedene Energieträger in der Lage, sich gegenseitig zu stützen und Systemverantwortung zu übernehmen.

Virtuelle Kraftwerke sind die Umsetzung dieser Idee und bereits heute ein wichtiges Instrument der Energieversorgung. Mit Hilfe speziell entwickelter Algorithmen sind sie in der Lage, die häufig eher kleinen Leistungsmengen der zusammengeschlossenen Erzeuger und Verbraucher intelligent zu nutzen, um zuverlässig Systemdienstleistungen bereitstellen zu können. Auf diese Weise lösen die Erneuerbaren Energien einen Teil der Herausforderungen, die ihnen innewohnen, selbst.

Selbstverständlich kann das Vorhaben Energiewende nicht innerhalb kürzester Zeit reibungslos umgesetzt werden. Die strukturellen Veränderungen sind so umfassend, dass wir noch für einige Zeit unser Stromnetz mit einer Mixtur aus Erneuerbaren Energien und Strom aus fossilen Brennstoffen speisen werden (müssen). Es ist allerdings schon interessant, dass heute niemand mehr die technische Durchführbarkeit der Energiewende in Frage stellt – ein jahrzehntelang vorgebrachtes Argument der konventionellen Energiewirtschaft gegen den Umbau des Energiesystems. Heute wird dafür mit Ängsten gespielt, den Ängsten um die Versorgungssicherheit und den Ängsten um die Bezahlbarkeit der Energiewende. Das Murmeltier und das Gespenst gehen Hand in Hand. Unser Tipp: Die beißen nicht, lassen sie die beiden Gestalten einfach vorbeiziehen.

Next Kraftwerke betreibt eines der größten virtuellen Kraftwerke Deutschlands, in dem Biogas-, Biomasse-, KWK-, Wasserkraft-, Windkraft- und Solaranlagen, aber auch Industrieprozesse zusammengeschlossen sind. Dank des zentralen Leitsystems im Next Pool wird die gebündelte Erzeugungs- und Reservekapazität  der  vernetzten  dezentralen  Anlagen  sowohl am Regelenergiemarkt als auch im Rahmen der Direktvermarktung am Spotmarkt der EEX veräußert. Als Direktvermarkter der ersten  Stunde  kennt  Next  Kraftwerke  die  Marktmechanismen insbesondere im Hinblick auf die Vermarktung von Strom aus Erneuerbaren Energien. Die vernetzte Erzeugungsleistung des virtuellen Kraftwerks liegt Mitte 2014 bei über 1 GW.




Kommentare

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Thorsten Zoerner 18.08.2014, 10:05:28

+221 Gut Antworten

Es gibt genügend Gründe, warum es in Deutschland schon bald einen Blackout geben könnte. Jedoch sind diese Gründe im Schnitt 30 Jahre und älter, nennen sich "Großkraftwerke" und haben in den 1990er bis heute eindeutig zu viele Gewinne ausgespuckt. Schaut man auf die "ungeplanten nicht Verfügbarkeiten von Kapazitäten in Deutschland" (so der Fachterminus) ist diese Liste länger als man denkt. In der Blackout-Liste ( http://blog.stromhaltig.de/category/blackout/ ) finden sich sehr viele wetterbedingte Ausfällte (niedrige Flusspegel, Gewitter, Hochwasser..).

heinbloed 18.08.2014, 11:31:02

+259 Gut Antworten

In Belgien drohen rolling black-outs/brown-outs aus den Gruenden welche von T.Zoerner bereits beschrieben wurden.

 

Knapp koennte die Situation im UK werden wenn der Interconnector F/UK ausfaellt.

Der zw. Belgien und Frankreich ist bereits hinueber:

 

http://www.gva.be/cnt/dmf20140818_01220911/ook-stroominvoer-ligt-plat-na-stilleggen-kernreactor-doel

Petra Luchs 18.08.2014, 13:23:27

+235 Gut Antworten

Eigentlich widerspricht sich der Beitrag selbst. Wie etwa "Selbstverständlich kann das Vorhaben Energiewende nicht innerhalb kürzester Zeit reibungslos umgesetzt werden." Ein solches "nicht reibungslos" kann im Worst-Case zu einem Blackout führen - KANN aber muss nicht. Und dann?

 

Sind wir wirklich darauf vorbereitet? Wenn man mal in die österreichische Seite www.ploetzlichblackout.at oder in den Thriller "Blackout" von Marc Elsberg reinliest, dann könnte es einem schaurig werden. Natürlich wird mit diesem Thema auch Angst geschürt, aber so lange es nicht ausschließbar ist und wir derart verwundbar sind, sollte man das doch nicht ganz so auf die leichte Schulter nehmen.

Christian 19.08.2014, 18:25:30

+267 Gut Antworten

@Petra Luchs: Das Blackout Risiko würde auch ohne Energiewende bestehen!

Nur: Mit vielen dezentralen Anlagen ist es eher möglich, einen Netzbereich "autark" zu betreiben, und somit die Zahl der betroffenen Menschen, bei einem dann nur lokal möglichen, Blackout zu reduzieren.

Helmut Stubenvoll 21.08.2014, 16:44:50

+289 Gut Antworten

Herr Zoerner, und was ist mit den ständigen "ungeplanten nicht Verfügbarkeiten von Kapazitäten" von Wind- und Solarenergie, wenn Sie schon von "wetterbedingten Ausfällen" reden?


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