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Meinung der Woche
22. Dezember 2014

Energiewende und die Bedeutung der Suffizienz

Suffizienz wird häufig mit Verzicht gleichgesetzt. Doch weder vom Lateinischen »sufficere« noch aus dem Englischen »sufficiency« lässt sich eine solche Übersetzung ableiten. Suffizienz spricht von dem, was angemessen und genug ist. Eine sozial-kulturelle Transformation ist möglich und notwendig.

Dr. Michael KopatzProjektleiterWuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Dr. Michael KopatzProjektleiterWuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Dr. Michael Kopatz ist Projektleiter der der Forschungsgruppe Energie, Verkehrs- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. (Bild: © Bernd Henkel)
Dr. Michael Kopatz ist Projektleiter der der Forschungsgruppe Energie, Verkehrs- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. (Bild: © Bernd Henkel)

 

22.12.2014 – Über die 2000er Jahre hat sich die Wissenschaft kaum mit dem Thema Suffizienz befasst. Man wollte die Öffentlichkeit nicht mit einer Debatte über unsere alltäglichen Gewohnheiten verschrecken. Schließlich ist es schon schwierig genug, die vorhandenen Effizienzpotenziale etwa in der Produktion oder beim Wohnen zu heben. Zugleich bindet die Debatte über die Kosten des Sonnenstroms erhebliche Akzeptanzkapazitäten.

Doch nun darf man wieder darüber reden, über Genügsamkeit. Der Grund: Auch in der technisch ausgerichteten Wissenschaft wachsen die Zweifel, ob eine dauerhaft tragfähige Entwicklung bei beständig fortschreitender Ausweitung der Produktion und Konsumtion möglich ist. Zwar haben die Deutschen im Jahr 2013 ein Viertel des Stroms mit Sonne, Wind, Wasser und Biomasse erzeugt und der Energiebedarf von Gerätschaften und Häusern hat sich relativ deutlich verringert, doch absolut betrachtet ist der Ressourcenbedarf kaum gesunken.

Damit die »absolute Entkopplung« gelingt, bedarf es neben technischer Innovationen bzw. grünen Technologien zusätzlich einer Veränderung der Lebensstile oder, mit anderen Worten, einer sozial-kulturellen Transformation. Diese schließt zwar die Segnungen der Technik nicht aus, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit dramatisch, dass der Übergang zur Nachhaltigkeit gelingt.

Warum die individuelle Suffizienz so schwer ist

Seit Jahrzehnten werden die Menschen dazu aufgerufen, achtsam mit Energie umzugehen, sparsame Geräte zu kaufen, ihre Häuser zu isolieren etc. Doch dem Einzelnen fällt es schwer, das Postulat der Nachhaltigkeit im Lebensalltag umzusetzen. Gewiss sind die Bürger guten Willens. Doch wer möchte sich schon gern beschränken, wenn die Nachbarn, ja, wenn die ganze Welt weitermacht wie bisher. Man will doch dazugehören. In Anbetracht dieses objektiven Nachteils scheint es rational, nicht auf das eigene Auto zu verzichten. Doch indem jeder für sich genommen ganz rational handelt, also mit dem Auto fährt, Unmengen Fleisch verzehrt und sich ins Flugzeug setzt, nimmt die Zerstörung der Lebensgrundlagen ihren Lauf. In ihrem individuell rationalen Bestreben schaffen die Menschen ein kollektiv irrationales und unerwünschtes Ergebnis. Diese Erkenntnis ist wahrlich nicht neu und wurde von Ökonomen, Psychologen und Soziologen schon zigmal beschrieben.

Doch auch ohne dieses Dilemma hat es die Suffizienz im Lebensalltag nicht immer leicht. So etwa in dieser Situation: Ein achtsamer Bürger entscheidet sich beim Kauf des neuen Kühlschranks für die höchste Effizienzklasse. Zweifellos eine umsichtige Entscheidung. Das Kühlgerät ist auch kaum größer als das alte. Bescheidenheit geht vor. Zugleich wird der Kunde auf das sehr komfortable Biofrostfach aufmerksam gemacht. Mit der BioFresh Technologie behalten Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch und Milchprodukte ihre gesunden Vitamine, ihr delikates Aroma und ihr appetitliches Aussehen sehr viel länger als im herkömmlichen Kühlteil. Das sind überzeugende Argumente und alsbald steht das vermeintliche Ökogerät in der Küche. Übersehen wurde allerdings, dass das tolle Fach deutlich mehr Strom benötigt. Schließlich werden null Grad statt sechs oder acht Grad vorgehalten. Gut möglich, dass das neue Gerät die gleichen Verbrauchswerte aufweist wie das ausrangierte Modell.

Bürger, die künftigen Generationen moralisch zugewandt sind, zeigen zudem nicht selten expansive Verhaltensweisen – ganz unbeabsichtigt. Beispielsweise, wenn die Sparlampe seltener ausgeschaltet wird als zuvor oder überhaupt auf das Sparen weniger geachtet wird, weil es den Liefervertrag mit einem Ökostromerzeuger gibt, oder wenn mit dem Ökoauto häufiger gefahren wird als vorher. Zu diesem sogenannten »Moral Licensing« oder auch »Moral-Hazard« genannten Effekt finden sich in der Literatur zahlreiche Belege.

Suffizienz ist nicht nur individuell, auch Politik ist gefragt

Es stellt sich also die Frage, welche Einflussfaktoren unsere lebensweltliche Alltagspraxis im Umgang mit Energie beeinflussen. Genügen Appelle, Kampagnen und Bildungsinitiativen? Seit Jahrzehnten wird lebhaft über die Art und Intensität der politischen Regulierung gestritten. Die Finanzkrise rief eine kritische Reflexion der liberalen Wirtschaftspolitik hervor. Seit den 80er Jahren agierten die meisten Staaten der Europäischen Union nach dem Leitbild des »schlanken Staates«. Je mehr der freie Markt sich selbst überlassen bleibe, desto wohlhabender würden die Menschen. Doch ungezügeltes Gewinnstreben, Marktversagen in vielen Bereichen der Daseinsvorsorge, zwei große Börsencrashs und die wirtschaftlichen Notlagen in vielen EU-Ländern haben die Liberalisierungseuphorie verfliegen lassen. Allerorts fordern die Politiker und Aktivisten mehr staatliche Regulierung.

Und tatsächlich führt nichts an einer verpflichtenden Nachhaltigkeit und damit an einer verbindlich gemachten Suffizienz vorbei. Hohe Standards beispielsweise für elektrische Haushaltsgeräte entlasten den Konsumenten von Gewissensentscheidungen. Und so ist die Ökodesignrichtlinie ein Segen für die Energiewende. Sie macht schon heute für zahlreiche Produkte – wie Kühlschränke, Staubsauger, Heizungspumpen, Lampen u.a. – hohe Effizienz zur Selbstverständlichkeit. Als Eingriff in unsere Freiheitsrechte lässt sich das kaum verstehen.

Notwendig sind auch transformative Standards und absolute Grenzen für Pferdestärken, Fahrzeuggewicht, Pestizide, Düngemittel, Antibiotika, Wohn- und Gewerbeflächen, Landebahnen, Straßenbau etc. Solche Vorgaben weisen der Energiewende den Weg. Sie haben zugleich den Vorteil der Fairness: Ein Tempolimit etwa ist zutiefst solidarisch. Alle sind gleichermaßen betroffen. Wenn hingegen die Benzinpreise weiter steigen – gleich ob durch Ökosteuer und Knappheit – werden Arme ihr Auto kaum noch nutzen können. Wohlhabende müssten sich hingegen wenig einschränken.

I will if you will

Suffiziente Lebensstile erfahren ihre Blüte mitnichten allein durch innere Einsicht. Bildungsarbeit, Informationsmaterialien und Kampagnen sind der Nährboden einer gelingenden Transformation. Bliebe es dabei, wird sich allerdings wenig ändern. Selbst solche, die sich für die Avantgarde der Umweltbewegung halten, werden meist ihren Ansprüchen nicht gerecht. Die Reise nach Indien oder Neuseeland ist einfach zu verlockend. Der Wäschetrockner ist aus Zeitmangel notwendig und das Auto unentbehrlich, weil kein ausreichender ÖPNV-Anschluss vorhanden ist. Begründungen finden sich zuhauf, auch für Smartphone, iPad und Kindle. Umweltbildung hat wohl kaum mehr bewirkt, als dass Ressourcen mit schlechtem Gewissen vergeudet werden. Wer mag sich schon beschränken, wenn alle weiter machen wie bisher?

Ein Plädoyer für Hybrid- und Elektroautos ist unsinnig, wenn es die Notwendigkeit der Begrenzung verschweigt. Es ist wichtig, die ökologischen Vorzüge von Sparlampen und schaltbaren Steckdosenleisten herauszustellen. Noch bedeutsamer ist es, dass die Tragweite der Sparlampenverordnung oder Ökodesignrichtlinie vermittelt wird.

Suffizienz in der Energiewende ist mitnichten ein Verzichtsappell an den Einzelnen. Suffizienzpolitik gibt einen Rahmen vor. Sie wirbt für anspruchsvolle Standards und verdeutlicht, dass ein genussvolles Leben gerade innerhalb definierter Grenzen möglich ist. Limits befreien von der Schizophrenie zwischen Wissen und Handeln und ermöglichen ein Leben im Einklang mit der persönlichen Verantwortung gegenüber Kindern und zukünftigen Enkeln.

Wo bleibt die Freiheit?

Auf solche Vorschläge mögen liberale Bürgerinnen und Bürger entgegnen, das sei staatsautoritär. Hier winke Planwirtschaft. Es sei Kennzeichen der individuellen Freiheit, etwa über die Größe des Pkws selbst zu bestimmen. Als Begründung wird dann Artikel 2 des Grundgesetzes angeführt: »Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt.« Doch nimmt man den zweiten Teil des Satzes ernst, ergibt sich ein anderes Bild. Es zeigt sich, dass unsere Lebensweise die Freiheitsrechte vieler gleichzeitig Lebender und erst recht unserer Kinder und Enkel in bedrohlichem Ausmaß einschränkt. Absolute Grenzen für Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß sind geradezu zwingend notwendig, wenn man den Freiheitsgrundsatz zu Ende denkt. Die Einsicht in die Notwendigkeit ist nicht eine Behinderung der Freiheit – sie ist ihre Bedingung.

Dr. Michael Kopatz ist Projektleiter der Forschungsgruppe Energie, Verkehrs- und Klimapolitik des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie GmbH. Seine Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem der kommunale Klimaschutz, Resilienzökonomie, Strategien zur Linderung der Energiearmut sowie Energiesuffizienz. Er ist zurzeit Lehrbeauftragter für nachhaltige Entwicklung an den Universtäten Kassel und Lüneburg. Zu seinen Buchprojekten zählen u a. »Zukunftsfähiges Deutschland«, »Zukunftsfähiges Hamburg« und »Energiewende. Aber fair!«. Das nächste Buch handelt von der sozial-kulturellen Transformation. 

Ausgesuchte Publikationen von oder mit Dr. Michael Kopatz:

Interview mit Michael Kopatz zur Lebensstilwende.

Zukunftsfähige Lebensstile und sozial-kulturelle Transformation.

„Arbeit, Glück und Nachhaltigkeit“". Warum kürzere Arbeitszeiten Wohlbefinden, Gesundheit, Klimaschutz und Ressourcengerechtigkeit fördern.

Zur Studie „Zukunftsfähiges Hamburg“.




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