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Meinung der Woche
02. Juni 2014

Gärtnern für Teilhabe im öffentlichen Raum

Guerilla Gardening findet zunehmend Verbreitung. Die Bewegung ist jung, bunt und sozial eher heterogen. Zu den Adressaten der räumlich manifestierten Botschaften gehören die Stadtplaner und -verwalter, die man bei der Gestaltung des öffentlichen Raums darauf aufmerksam machen will, dass die Stadt kein Container für noch mehr Autobahnen und Shopping-Malls ist.

Dr. Christa MüllerGeschäftsführende Gesellschafterin Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis

Dr. Christa MüllerGeschäftsführende Gesellschafterin Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis
Dr. Christa Müller ist Soziologin und Geschäftsführende Gesellschafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis in München. (Bild: © Fotografin Nele Gülck, SZENE HAMBURG/ HSI Hamburger Stadtillustrierten Verlags GmbH)
Dr. Christa Müller ist Soziologin und Geschäftsführende Gesellschafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis in München. (Bild: © Fotografin Nele Gülck, SZENE HAMBURG/ HSI Hamburger Stadtillustrierten Verlags GmbH)

Es ist die natürlichste Sache der Welt. So formuliert es der Londoner Guerilla-Gärtner und Buchautor Richard Reynolds sinngemäß in seinem Botanischen Manifest: Wenn einem das eigene Land zum Gärtnern fehlt, während andere mehr als genug davon besitzen, dann sei es doch ganz logisch, aus diesem Mangel heraus brachliegendes Gelände zu bewirtschaften, also: zum Guerilla-Gärtner zu werden.

Neben der unverblümten Kritik an den Eigentumsverhältnissen klingt hier der Sex-Appeal des selbstbemächtigten Urban Underground an: Man genießt die Aura, die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten, um dann ganz und gar unorthodox das eigene Umfeld zu gestalten. All das hat das Guerilla Gardening als eine Unterströmung der neuen urbanen Gartenbewegung in der medialen Aufmerksamkeitsskala in den letzten Jahren ganz nach vorne gespült.

Teilen und Tauschen von Wissen

Jene vieldeutigen Slogans wie etwa „Keine Pflanze ist illegal!“ oder „Widerstand ist fruchtbar“, die die grünen Inseln flankieren, machen klar: Der Garten als ein weltabgewandtes Refugium im Privaten war gestern. Zudem bieten Gemeinschaftsgärten eine Plattform für ganz unterschiedliche Wünsche: Da kann man die Hände mal wieder in die Erde stecken, sich gesund ernähren, die Leute aus der Nachbarschaft kennenlernen, Wissen austauschen und aneignen, Neues lernen sowie praktische Beiträge zum Thema „Local Food“ leisten. Die Urban Gardening-AktivistInnen halten Bienen, reproduzieren ihr Saatgut selbst, stellen Naturkosmetik her, färben mit Pflanzen, übernehmen Parks in Eigenregie, reklamieren Gemeinschaftsdachgärten und organisieren Festtafeln unter freiem Himmel. Sie verwandeln Brachflächen und zugemüllte Parkdecks in Orte der Begegnung.

Die Bewegung ist jung, bunt und sozial eher heterogen. Auffallend viele Mittelschichtskinder mit akademischem Hintergrund gärtnern Seite an Seite mit MigrantInnen, Hartz-IV-Empfängern und Künstlern. Da die allermeisten keine oder wenig Erfahrung mit Handwerk und Garten haben, ist Dilettantentum an der Tagesordnung. Das ist durchaus gewollt, denn die Leitidee in Gemeinschaftsgärten ist das Teilen und Tauschen von Wissen. So kommt eine Menge an Wissen zusammen und wird produktiv gemixt. In urbanen Gärten ergibt sich ständig die Gelegenheit und eben auch Notwendigkeit zum Austausch. Das Zusammentreffen der unterschiedlichsten Talente und Bedarfe schafft eine lebendige und immer unaufgeräumte Atmosphäre. Hier regiert nicht die Effizienz, sondern die Freude am Tun und die Neugier auf das, was entsteht.

Die urbane Gartenbewegung vermischt virtuelle Vernetzungslogiken und zeitgemäße Vorstellungen von Teilhabe und Gemeinschaft mit bäuerlicher Denke. Es ist dieser Mix, der mit den gängigen Modernisierungsvorstellungen bricht und uns Hinweise gibt, dass wir in Zeiten des Umbruchs leben. Was in der alten Industriegesellschaft, die auf beständige Optimierung der Ressourcenausbeute, Effizienzsteigerung sowie Raum- und Zeitverkürzung setzt, überkommen schien, wird heute hochgradig kompatibel für die aktuelle Debatte um die Postwachstumsgesellschaft, in der die Suche nach postmateriellen Wohlstandsmodellen, nachhaltigen Lebensstilen, Entschleunigung und Lokalisierung der Produktion als ökologische Notwendigkeit postuliert wird.

Urban Gardening war von Anbeginn an ein internationales Phänomen. In Ländern des Südens ist der mobile Anbau in den Slums und an den Rändern der Megastädte eine nahe liegende Überlebensproduktion. Und im heute weitestgehend de-industrialisierten und in der Folge dramatisch geschrumpften US-amerikanischen Detroit beispielsweise ersetzt die urbane Landwirtschaft Arbeitsplätze und besetzt die räumlichen Arrangements der untergegangenen Autoindustrie.

Das ist nicht zu vergleichen mit der westeuropäischen Urban-Gardening-Bewegung, die als ein Resultat einer übersättigten und ethisch zunehmend in Frage gestellten Konsumgesellschaft verstanden werden kann und eher spielerisch ans Werk geht. Dass die derzeit interessantesten und facettenreichsten Formen des urbanen Gärtnerns in deutschen Großstädten zu beobachten sind, hat auch damit zu tun, dass man sich in unserem Land trotz wachsender sozialer Ungleichheit das Spiel mit der Erprobung neuer Wohlstandsmodelle auch habituell leisten kann.

Dennoch ist es höchst bemerkenswert, dass eine noch junge, neue Ökobewegung die kleinbäuerliche Wirtschaft und Kultur wiederentdeckt hat, ohne sich aufs Land zurückziehen zu wollen. Der Anbau von Gemüse ist hier Ausgangspunkt der Suche nach einem „guten Leben“ in der Stadt, das nicht auf der Ausbeutung von Tieren, Böden und Menschen in der immer noch sogenannten Dritten Welt beruht, sondern mit saisonalen und regionalen Qualitäten experimentiert und die lebendigen Beziehungen und Netzwerke zwischen Menschen und Natur intensivieren will.

Oft wird vorgebracht, dass das Urban Gardening beispielsweise eine Stadt wie München oder Berlin niemals ernähren könne. Dabei ist das vorläufig auch gar nicht das Ziel. Derzeit liegt die Bedeutung der noch weitestgehend nicht kommerziell betriebenen urbanen Landwirtschaft in der Erfahrung und Einübung einer Logik, die nicht auf Verwertung, sondern auf Versorgung ausgerichtet ist. Hier geht es um ein anderes Vergesellschaftungsmodell. Autonomie bedeutet für diese Bewegung nicht, hohe Löhne zu erzielen, um sich die lebensnotwendigen Dinge kaufen zu können, sondern Wissen, handwerkliches Können und soziale Netzwerke zu erproben, um mit weniger materiellen Ressourcen, dafür aber nach den eigenen Vorstellungen und mit den eigenen Händen ein Mehr an Lebensqualität zu erreichen.

Nicht, dass das Phänomen des großstädtischen Gärtnerns als solches neu wäre. Schon in den siebziger Jahren eroberten sich türkische EinwanderInnen die Brachflächen der Innenstädte, um Bohnen und anderes Gemüse anzubauen. Ebenfalls ohne zu fragen. Ihre Motivation war dabei nicht Protest, sondern eine für sie naheliegende Strategie der Subsistenz, also der Versorgung aus eigener Kraft. Die in den letzten Jahren in vielen großen Städten entstandenen Gemeinschaftsgärten, Kiezgärten, Interkulturellen Gärten und Nachbarschaftsgärten zielen mit dem Garten als Medium zugleich auch direkt auf die Stadt als Lebensraum und senden visuelle Vorstellungen von Urbanität, die das Auge zunächst irritieren. Der Gemüseanbau in ausgedienten Bäckerkisten und umgebauten Europaletten auf dem stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof oder am Kreuzberger U-Bahnhof Moritzplatz, an der Hamburger Großen Freiheit in St. Pauli, auf einer ehemaligen Kölner Brauerei, vor dem Freiburger Stadttheater oder unter dem Münchener Olympiaturm fordert zu einer neuen Lesart von Stadt auf.

Die Stadt: kein Container für noch mehr Autobahnen

Zu den wichtigsten Adressaten der räumlich manifestierten Botschaften gehören folgerichtig die Stadtplaner und -verwalter, die man bei der Gestaltung des öffentlichen Raums darauf aufmerksam machen will, dass die Stadt kein Container für noch mehr Autobahnen und Shopping-Malls ist, sondern ein Lebensraum für alle, in dem auch über die Grundlagen der Existenz debattiert werden sollte.

Mit den Gärten findet Aneignung statt in einer Stadtgesellschaft, die verregelt und vollständig durchgeplant ist; in der auf jedem Platz bereits eine Nutzungsdefinition liegt. Jüngere Generationen, die ein Höchstmaß an Individualisierung erreicht und zugleich gelernt haben, dass ihr Votum zählt, empfinden das als zu eng. Sie reklamieren nicht nur Selbstbestimmung, sondern auch Mitgestaltung. Die traditionelle Stadtplanung „von oben“ legitimiert sich nicht mehr „qua Amt“. Sie wird herausgefordert. Eine der ureigensten Aufgaben der Kommunen, öffentliche Räume vor partikularen Interessen zu schützen und allen Bewohnern frei zu halten, gehört heute neu auf die politische Agenda. Freiräume zum Experimentieren, für die gemeinwohlorientierte Nutzung und für nicht-kommerzielle Vergemeinschaftungsprozesse müssen zum Bestandteil von kommunaler Daseinsvorsorge werden.

Dr. Christa Müller ist Soziologin und Geschäftsführende Gesellschafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis in München. Sie forschte in Spanien, Lateinamerika und Westfalen zu Bauernbewegungen und Modernisierungsprozessen; seit 1999 forscht sie zu urbaner Subsistenz. 2011 gab sie den Band „Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ heraus und co-kuratierte die Ausstellung „Die Produktive Stadt – Designing for Urban Agriculture" (TU Berlin u. TU München). Aktuell arbeitet sie zu Do-it-yourself-Kulturen als Netzwerke postindustrieller Produktivität. Dazu erschien 2013 bei transcript „Stadt der Commonisten. Neue urbane Räume des Do it yourself“ (mit Andrea Baier und Karin Werner).




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