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Meinung der Woche
08. Juni 2015

Global „Divestment“: Die Fossil Free-Kampagne

Fossil Free ist eine aktuelle Kampagne von 350.org und basiert auf Partizipation vieler Gruppen. Städte wie San Francisco und kirchliche Institutionen wie die United Church of Christ haben sich bereits für Divestment entschieden. Auch in Deutschland kann kommunales Divestment eine Chance sein.

Marcus Hiersemann Klima- und UmweltaktivistNATURSTROM-Mitarbeiter

Marcus Hiersemann Klima- und UmweltaktivistNATURSTROM-Mitarbeiter
Marcus Hiersemann ist seit vielen Jahren im Bereich Umwelt- und Klimaschutz aktiv. (Bild: © Christoph Waletzek)
Marcus Hiersemann ist seit vielen Jahren im Bereich Umwelt- und Klimaschutz aktiv. (Bild: © Christoph Waletzek)

06.06.2015 – 350.org ist eine vom US-amerikanischen Autor und Umweltaktivisten Bill McKibben gegründete internationale Klimaschutz-Organisation, deren Ziel es ist, den Aufbau einer weltweiten Graswurzelbewegung zum Klimaschutz zu fördern. Neben der Bewusstseinsbildung hinsichtlich der menschengemachten globalen Erwärmung sowie der Folgen des Klimawandels geht es der Organisation außerdem darum, die Argumente von Klimaskeptikern wissenschaftlich zu widerlegen.

Der Name 350.org kommt von einer 2008 veröffentlichten Studie des NASA-Klimaforschers James Hansen, die besagt, dass der Gehalt von Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre 350 parts per million (ppm) nicht überschreiten darf, wenn das 2-Grad-Ziel erreicht und ein Kippen des globalen Klimasystems mit irreversiblen Folgen verhindert werden soll.

Erst vor Kurzem – im September 2014 – wurden Bill McKibben und 350.org mit dem Right Livelihood Award, dem sog. Alternativen Nobelpreis, „für die erfolgreiche Mobilisierung einer wachsenden zivilgesellschaftlichen Bewegung für weitreichende Maßnahmen gegen den Klimawandel in den Vereinigten Staaten und weltweit“ ausgezeichnet.

Fossil Free ist eine aktuelle Kampagne von 350.org und basiert auf Partizipation vieler aktiver Gruppen. Die Kampagne startete im Herbst 2012 in den USA und ist inzwischen auch in Neuseeland, Australien, Kanada, Indien, Bangladesch und Europa aktiv. Und die Bewegung wächst weiter. Innerhalb von nur einem Jahr gründeten Freiwillige weltweit über 500 Fossil Free-Initiativen. Sie fordern von ihren Universitäten, ihren Kirchengemeinden, Kommunen und Banken klimaschädliche Investitionen in Kohle, Erdöl und -gas zu beenden. Das Stichwort lautet Divestment.

Trotz der schon heute weitreichend spürbaren Folgen des Klimawandels legen öffentliche und private Institutionen ihre Gelder immer noch zugunsten von Firmen an, die die Klimakrise vorantreiben. Doch das Geschäftsmodell dieser Unternehmen ist mittlerweile zu einem gefährlichen Problem geworden. Die fossile Industrie plant, alle bereits bekannten Rohstoffreserven zu fördern und zu verbrennen und investiert täglich Millionen, um mehr Erdöl zu finden, Fracking voranzutreiben und weitere Kohletagebaue zu errichten. Doch etwa 80 Prozent der Kohle-, Öl- und Gasreserven dürfen auf keinen Fall verbrannt werden, wenn die Erderwärmung die 2-Grad-Grenze nicht überschreiten soll.

Beim Klimagipfel in Kopenhagen 2009 hielt die Politik mit dem Copenhagen Accord fest: Die Erderwärmung soll auf 2°C begrenzt werden. Das ist die oberste Grenze dessen, was das globale Ökosystem wahrscheinlich verkraften kann, ohne dass eine endgültige Katastrophe eintritt. Die Menschen um Fossil Free fordern daher Divestment der 200 internationalen Kohle-, Öl- und Gasunternehmen mit den größten Rohstoffreserven.

Sie werden überall auf der Welt aktiv, um sich gegen eine Industrie zu stellen, die das Fortbestehen von Zivilisationen und Ökosystemen zugunsten kurzfristigen Profits riskiert.

Die Klimakrise ist die größte Herausforderung unserer Generation. Große Veränderungen kommen auf unsere Gesellschaften zu. Wir haben schon begonnen, unsere Lebensstile nachhaltiger zu gestalten, wir arbeiten an Energieeffizienz und versuchen CO2-Emissionen zu senken. Doch all diese Bemühungen werden umsonst sein, wenn wir der fossilen Industrie weiter freie Hand lassen. Deswegen fängt die Zivilgesellschaft an, der fossilen Industrie die soziale Legitimation zu entziehen, da diese seit Jahrzehnten effektive Gesetzgebung zum Eindämmen des Klimawandels blockiert. Wir müssen mit allen Verbindungen zur fossilen Industrie brechen, weil sie sich nie ernsthaft bemüht hat, nachhaltige Alternativen zu ihrem CO2-intensiven Geschäft zu finden. Stattdessen sucht sie jeden Tag weiter nach Rohstoffen, was die Problematik noch weiter anheizt.

Interessant ist, dass das Konzept sogar schon einmal so funktioniert hat. In den 1970er und 1980er Jahren gab es eine starke Divestment-Bewegung gegen Unternehmen, die vom Apartheidregime in Südafrika profitierten. Die Bewegung trug letztendlich zum Sturz des südafrikanischen Regimes bei. Nach seiner Freilassung 1990 trat Nelson Mandela eine U.S. Reise an. Seine erste Station war die University of California in Berkeley, wo sich Mandela für das Engagement von Studierenden in der Divestment-Bewegung bedankte.

Damals wie heute sprechen nicht nur moralische Gründe für Divestment. Investitionen in die Kohle-, Öl und Gasindustrie bergen ökologische und ökonomische Risiken. Es geht um die so genannte Carbon Bubble, also die Kohlenstoffblase. Die derzeit ausgewiesenen Vorkommen von fossilen Brennstoffen werden auf beinahe 16 Billionen Euro geschätzt. Die fossile Brennstoffindustrie wird voraussichtlich 13 Billionen Euro ihres Wertes verlieren, um innerhalb des von der Politik festgelegten CO2-Rahmens (2-Grad-Ziel) bleiben zu können. Diese 13 Billionen Euro sind das potentiell verlorene Geld, aus denen die Kohlenstoffblase besteht. Dieses enorme finanzielle Risiko haben inzwischen auch namenhafte internationale Investoren erkannt.

Große Investor*innen wie die Städte Seattle oder San Francisco, die kirchlichen Institutionen United Church of Christ (USA) und Uniting Church New South Wales ACT (Australien) sind nur einige von vielen, die sich nun für Divestment innerhalb der nächsten fünf Jahr entschlossen haben.

In Europa, genauer in den Niederlanden, ist Boxtel die erste Kommune, die sich für ein Portfolio frei von fossilen Brennstoffen entschieden hat. Dieser Schritt wird hierzulande als große Chance wahrgenommen – dank der engagierten Bürger*innen vor Ort. Auch in Deutschland kann kommunales Divestment eine Chance sein und: Die ersten Aktivitäten haben bereits begonnen.

www.350.org

http://gofossilfree.org/de/

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Text:

Marcus Hiersemann ist seit vielen Jahren im Bereich Umwelt- und Klimaschutz aktiv. Unter anderem war er für Greenpeace und 350.org tätig sowie in lokalen Grassroots- und Bürgerinitiativen. Inzwischen ist er zudem Mitarbeiter in der Unternehmenskommunikation bei der NATURSTROM AG in Düsseldorf.




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