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Meinung der Woche
09. April 2018

Grüne Bürgerenergie für Afrika!

Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun können sie das Gesicht der Welt verändern, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Grüne dezentrale Bürgerenergie bereitet nicht nur in Deutschland den Weg für die Energiewende, sondern kann auch in afrikanischen Ländern ein wichtiger Beitrag für die Entwicklung sein.

Bärbel Höhn, Energiebeauftragte für Afrika des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Bärbel Höhn, Energiebeauftragte für Afrika des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
© Bärbel Höhn

09.04.2018 – Seit dem 1. November 2017 arbeiten Josef Göppel und ich als Energiebeauftragte für Afrika des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Wir sollen vor allen Dingen Erneuerbare Energien und dezentrale Bürgerenergie in Afrika fördern. Warum machen wir das, ehrenamtlich?

Die Energiewende - die große Erfolgsgeschichte

Deutschland hat im Jahre 2000 den Atomausstieg beschlossen und gleichzeitig mit dem Erneuerbaren Energien Gesetz eine alternative Stromproduktion aufgebaut. Diese Energiewende ist eine Erfolgsgeschichte. Gerade weil Josef Göppel und ich von so unterschiedlichen Parteien kommen wie der CSU und den Grünen, stehen wir damit für einen wichtigen Schlüssel für den Erfolg. Denn der gelang nur, weil Bundestagsabgeordnete von allen Parteien sich für die Erneuerbaren Energien und die Energiewende eingesetzt haben.

Gestartet sind wir mit weniger als 5% Erneuerbaren Energien im Strommix von Deutschland und die großen Energiekonzerne haben teure Anzeigen geschaltet, die Erneuerbaren Energien würden nie über 5% des Strommixes kommen. Tatsächlich haben wir durch unser Prinzip, jeder Bürger, jede Bürgerin kann in Erneuerbare Energien investieren, eine Dynamik ausgelöst, die selbst für uns Befürworter und Antreiber der Energiewende überraschend war.

Über 1,5 Mio. Menschen haben mittlerweile in Photovoltaik, Windkraft oder andere Erneuerbare Energie investiert. Sie sind also Prosumer, sie produzieren und konsumieren Strom. Hunderte von Energiegenossenschaften wurden gegründet und Bürgerenergie aufgebaut. Fast 350 000 Arbeitsplätze wurden geschaffen. Vergleicht man das mit den 20 000 Arbeitsplätzen in der Braunkohle (offizielle Zahlen der IGBCE), ist das auch von der Zahl der Arbeitsplätze eine Erfolgsgeschichte.

Vom Nettostrom in Deutschland im Jahre 2017 entfielen 38,5% auf Erneuerbare Energien. Am 1.1.2018 wurde das erste Mal für einige Stunden die gesamte Stromnachfrage in Deutschland von Erneuerbaren Energien gedeckt.

Das ist ein grandioser Erfolg in so kurzer Zeit!

Mit dem Erneuerbaren Energien Gesetz EEG haben die BürgerInnen in Deutschland die Technologieentwicklung von Photovoltaik und Windkraft finanziert. Durch unser EEG sank der Preis für Photovoltaik in gut 10 Jahren um mehr als 80%. Damit ist Photovoltaik auf der ganzen Welt bezahlbar geworden, insbesondere in den Ländern mit hoher Sonneneinstrahlung. Wenn heute Photovoltaik mit Angeboten von unter 2 Ct/kWh die Auktionen in solchen Ländern mit Abstand auch vor anderen Technologien gewinnt, dann ist das Deutschland und der Energiewende zu verdanken.

Gleichzeitig sind die Erneuerbaren Energien aber auch die Schlüsseltechnologie für die Überwindung der Klimakrise, die unsere Lebensgrundlage zu zerstören droht.

Die Klimakrise ist angekommen. Sie betrifft auch uns schon jetzt, ganz real!

Naturkatastrophen, heftige Wetterextreme häufen sich. 2017 war mit 135 Mrd. Dollar Schadenshöhe das teuerste Jahr der Geschichte. Seit 1980 haben sich die Schäden verdreifacht.

Im Juni 2004 sollte ich als Ministerin mehreren Schülern Preise verleihen für besonders gute Forschungsarbeiten. Einer der Schüler hatte über die Entwicklung von Tornados in NRW gearbeitet. Ich fand das ziemlich abwegig: Tornados, die gibt es in den USA, aber doch nicht bei uns in NRW. Na ja, die Jury wird das schon gut entschieden haben dachte ich. So übergab ich dem Schüler den Preis. Drei Wochen später raste ein Tornado durch das Ruhrgebiet, einen Kilometer von unserem Haus entfernt und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Wow, dachte ich: gut, dass wir die jungen Leute haben.

Damals wurde mir zum ersten Mal bewußt, dass die Klimakrise mit ihrem Wetterchaos angekommen ist, auch bei uns in Deutschland. Mittlerweile sind Tornados keine Seltenheit mehr, wir haben uns daran gewöhnt. Auch Extremwetter sind keine Seltenheit mehr: In den letzten Monaten hießen sie Xavier, Herwart, Friederike. Es gibt mehr Stürme und Überschwemmungen mit Toten und Verletzten. Letztendlich müssen die betroffenen Privatleute zum großen Teil die Kosten tragen, die durch das umweltschädliche Verhalten der Kohle- oder Autoindustrie verursacht wird.

Im Oktober 2017 erreichte der Hurrikan Ophelia Westeuropa. Ein Phänomen, das wir früher nur aus den warmen Atlantik- und Pazifikregionen kannten.

Auch in der Vergangenheit gab es Unwetter, Windhosen, aber die Zahl der extremen Unwetter mit großen Verwüstungen, selbst lokal begrenzte Unwetter mit Toten und Katastrophenalarm, ist angestiegen. Genau das haben uns die Experten vorausgesagt. Nicolas Stern, der die Klimakrise wirtschaftlich untersuchte, hat festgestellt: wir müssen schon deshalb die Klimakrise überwinden, weil die Schäden durch vermehrte Extremwetter immer teurer werden.

Früher habe ich immer gesagt: Mein Kampf gegen die Klimakrise ist ein Kampf für meine Kinder und Enkelkinder. Heute weiß ich, wir sind die Generation, die die Klimakrise verursacht hat, aber wir sind auch die einzige Generation, die die Klimakrise noch überwinden kann.

Warum jetzt und warum ist Eile nötig?

720 Gigatonnen CO2 darf die Welt noch bis 2100 emittieren, um unter 2 Grad Erwärmung zu bleiben. 2017 wurden circa 40 Gigatonnen CO2 emittiert. Da nach 1000 Jahren circa 30% des emittierten CO2 immer noch nicht abgebaut ist, bleiben uns noch 18 Jahre, wenn wir so weiter machen wie 2017. Jeder kann sich ausrechnen, wie alt er dann ist. Tatsächlich dürften wir weltweit nicht 40 sondern nur 8,7 Gigatonnen pro Jahr emittierten, wenn wir unser Budget gleichmäßig bis 2100 aufteilen.

Afrika: besonders bedroht von Dürren und Überflutungen durch die Klimakrise; als Lösung stehen Erneuerbaren Energien zur Verfügung

Nun kann man sagen: für uns hier in Deutschland sind 2 Grad Erwärmung jetzt gerade bei den Minustemperaturen bis in den Frühling hinein nicht schlimm. Aber was sagen wir den Menschen am Tschadsee? Klimazeugen aus dem Tschad haben uns berichtet, dass dort in bestimmten Zeiten Temperaturen zwischen 50 und 60 Grad herrschen. Der See hat nur noch weniger als 5% seiner ursprünglichen Größe. Da ist Fischfang und Landwirtschaft für Mio. Menschen nicht mehr möglich. Ein schrecklicher Nährboden für Terroristen wie Boko Haram. 60 Mio. Menschen sind weltweit auf der Flucht, immer mehr davon auch Klimaflüchtlinge. Eine wachsende Zahl sucht den Weg nach Europa.

In Afrika leben mehr als 600 Mio. Menschen ohne Strom. Strom ist aber der Motor für Entwicklung und für einen besseren Lebensstandard. Mit Licht am Abend können die Kinder für die Schule lernen, der Diesel für den Generator kann durch eine Photovoltaikanlage ersetzt werden. Gerade die alten Kochherde verbrauchen viel Holz, machen durch die Emissionen die Frauen und Kinder krank und sind schlecht für das Klima. Bäume können geschont und Zeit gespart werden, wenn das Gas von dem Dung der Tiere oder die Pflanzenabfälle hierfür genutzt werden.

Ob Afrika den steigenden Bedarf nach Energie mit Kohle, Öl und Holz oder mit erneuerbaren Energien stillt, ist eine wesentliche Frage für die Überwindung der Klimakrise. Dadurch, dass die Photovoltaikanlagen so stark im Preis gesunken sind, sind sie eine entscheidende Lösung, insbesondere für den ländlichen Raum in Afrika geworden.

Ich habe mir selbst Homesolarsysteme in Afrika angeschaut, die für 500€ Kosten dem Kunden folgendes Paket liefern: eine Photovoltaikanlage, einen Fernseher mit Internetzugang, Licht für 3 Zimmer, eine Handy-Aufladestation, eine Musikanlage, Radio, Boxen und eine Batterie, die nach Einbruch der Dunkelheit 5 bis 6 Stunden Strom liefert. Bezahlt wird in Monatsraten über drei bis vier Jahre.

Es gibt auch halb so große, oder doppelte und dreifache Leistung für den entsprechend Preis. Dort können dann auch Solarpumpen oder Schweißgeräte genutzt werden, um kleine Handwerksleistungen zu generieren.

Nach 3 oder 4 Jahren monatlicher Abzahlung gehören die Geräte den Kunden. Nach Auskunft des Unternehmens haben 30% der Kunden sich so Einkommensmöglichkeiten geschaffen, die das 3 fache ihrer für das Paket zu zahlenden Miete beträgt.

Oft kaufen die Kunden diese Lösung aber auch, weil sie dadurch vor Stromausfällen sicherer sind. Die Energiesicherheit beträgt über 95%.

Wenn noch mehr Strom benötigt wird, werden die Haushalte mit sehr einfachen peer-to-peer Verbindungen zu Gleichstromnetzen verbunden. So wie ein großer Fischschwarm aus 100ten von kleinen Fischen besteht, werden dann 100 Haushalte Teil eines großen Schwarm-Stromnetzes. Dabei können die Menschen mehrere technische Stufen überspringen, die wir in den Industrieländern erst mühsam erklimmen mussten.

Letztendlich sind die Klima- und Energieziele mit den Sustainable Development Goals im Jahre 2015, mit der Nachhaltigkeitskonferenz in New York und der Klimakonferenz in Paris zusammengeführt worden. Über den Ausbau der Energie können wir Wasser- und Gesundheitsprobleme besser lösen, wir können Ausbildung fördern und für mehr Gleichberechtigung sorgen. Ein dezentraler Ansatz ist weniger anfällig für Korruption und steht damit für gute Verwaltung und mehr Demokratie. Energie ist ein wichtiger Teil der Entwicklungszusammenarbeit.

Das alles hört sich einfach an, ist es aber nicht. Wir wollen deshalb viele Partnerschaften schaffen zwischen deutschen und afrikanischen Universitäten, Schulen und Krankenhäusern, zwischen Unternehmen, Energiegenossenschaften, Kommunen und off-grid Dörfern.

Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.

Bärbel Höhn, die ehemalige Umweltministerin NRWs und Abgeordnete des deutschen Bundestags, arbeitet seit letztem Jahr ehrenamtlich für das BMZ als Energiebeauftragte für Afrika.




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