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Meinung der Woche
01. August 2016

Integration in den Arbeitsmarkt für eine gerechte Gesellschaft

In unserer Gesellschaft hat die Erwerbstätigkeit für ein selbstbestimmtes Leben eine enorme Bedeutung. Jedoch sind die Chancen für eine erfolgreiche Ausbildung immer noch ungleich verteilt. UnternehmensGrün fordert daher u.a. verstärkte Anstrengungen zur Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt.

Annabelle Woltering UnternehmensGrün e.V. Refugee Streetfood

Annabelle Woltering UnternehmensGrün e.V. Refugee Streetfood
Annabelle Woltering ist Mitarbeiterin bei UnternehmensGrün e.V. und dort im Projekt Umweltprofis von morgen tätig. (Foto: © Annabelle Woltering)
Annabelle Woltering ist Mitarbeiterin bei UnternehmensGrün e.V. und dort im Projekt Umweltprofis von morgen tätig. (Foto: © Annabelle Woltering)

01.08.2016 – Erwerbstätigkeit ist abhängig von verschiedensten Faktoren, besonders vom Bildungsniveau, das zum größten Teil den wirtschaftlichen Erfolg einer Person beeinflusst. Öffentliche Schulen und Universitäten sind in Deutschland nicht kostenpflichtig und immer mehr junge Menschen erreichen im Vergleich zu früher das Abitur und später einen Hochschulabschluss. Trotz dieser grundlegenden Möglichkeit für jeden Menschen in Deutschland, das höchstmögliche Bildungsniveau zu erreichen, sind die Chancen für eine erfolgreiche (Aus-)Bildung und damit für Erfolg auf dem Arbeitsmarkt in der Gesellschaft immer noch ungleich verteilt. Kinder von Nicht-Akademikern nehmen immer noch seltener ein Studium auf als Kinder von Akademikern. Im Umfeld von einkommensschwachen Familien und Alleinerziehenden ist die Wahrscheinlichkeit für ein Kind ein höheres Bildungsniveau zu erreichen als seine Eltern ebenfalls deutlich geringer.

Bedauerlich ist, dass trotz der vielen wissenschaftlichen Erkenntnisse und sozialpolitischen Bemühungen seit Jahrzehnten in Deutschland immer noch häufig die Unterstellung mitschwingt, dass der Misserfolg des Einzelnen (das Nicht-Ausschöpfen aller zur Verfügung stehenden Möglichkeiten) selbst verschuldet sei.

Eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, dass beispielsweise junge Frauen - unabhängig von Einkommen, Bildungsniveau und anderen Möglichkeiten - immer noch dieselben Schwierigkeiten haben: Die nach wie vor bestehende (fast)Unvereinbarkeit von Kindern und Beruf, wobei sich hochqualifizierte Frauen immer häufiger für den Beruf und gegen Kinder entscheiden bzw. diese zu einem viel späteren Zeitpunkt im Leben bekommen. Bei weniger qualifizierte Frauen, die bereits Kinder haben und vor allem, wenn sie alleinerziehend sind, führt dieser Umstand immer noch dazu, dass diese Frauen überdurchschnittlich häufig von Armut (bspw. Energiearmut) bedroht sind.

Einen deutschlandweiten Überblick über das Thema Armut mit vielen ihrer unterschiedlichen Facetten findet sich im aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Hier wird auch eine weitere Gesellschaftsgruppe berücksichtigt, die überdurchschnittlich häufig von Armut bedroht ist: Menschen mit Fluchthintergrund.

Mit Rückblick auf die hohen Zahlen der Geflüchteten, die seit dem vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind, haben sich viele Schreckensszenarien der „besorgten Bürger“ zum Glück nicht bewahrheitet. Viele Herausforderungen beginnen erst jetzt, für die Sozialsysteme oder den Wohnungsmarkt und vor allem für die Integration in den Arbeitsmarkt. Ein Großteil der Geflüchteten ist mittlerweile seit mehreren Monaten in Deutschland und hat den rechtlichen Anspruch, eine Arbeit aufzunehmen (Beschäftigungserlaubnis nach verschiedenen Abstufungen). Viele haben bereits ein entsprechendes Sprachniveau erreicht, wodurch es immer weniger Hindernisse gibt, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen.

Offensichtlich liegt aber noch eine Reihe von Hindernissen vor: Für einen Menschen, der sein neues Leben gerade erst begonnen und sein altes in seinem Heimatland zurücklassen musste, ist ein Job bzw. die Anstellung als Arbeitnehmer meist auch der größte Katalysator zur Integration. Auch aufgrund des steigenden Bedarfs an Fachkräften, zeigen immer mehr Unternehmen in Deutschland Interesse an der Anstellung von Geflüchteten, was sich nicht nur an der Entwicklung diverser Jobbörsen wie workeer.de und mygreatjobs.de zeigt, sondern auch Initiativen wie ARRIVO und bridge, die von der Berliner Senatsverwaltung und der Handwerkskammer unterstützt werden und Arbeitgeber bei der Suche und Anstellung von Geflüchteten begleiten. Es gibt aber auch bereits erfolgreiche Beispiele von Unternehmen, die in Eigeninitiative und selbstständig Geflüchtete als Mitarbeiter geworben haben.

Durch das Integrationsgesetz, welches in der vergangenen Woche erst im Bundestag verabschiedet wurde, ist der Zugang zum Arbeitsmarkt für die meisten in Deutschland lebenden Geflüchteten weiter vereinfacht worden. Gerade deswegen müssen Arbeitgeber, die Geflüchtete einstellen wollen, die Rahmenbedingungen rund um Aufenthaltstitel, Arbeitserlaubnis und Prüfverfahren kennen, denn die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen haben sich in den letzten Jahren und Monaten und Jahren immer wieder geändert. So entfällt beispielsweise die sogenannte Vorrangprüfung in den ersten 15 Monaten des Aufenthalts nur, wenn es sich bei dem Geflüchteten um eine in Deutschland dringend benötigte Fachkraft (und nur bei in Deutschland anerkannten Ausbildungen: Anerkennungsverfahren) oder eine entsprechende Stelle handelt (die aktuelle Liste zu diesen Berufen findet sich hier). Generell gilt unabhängig von Aufenthaltspapieren und Arbeitsmarktzugang fast immer eine Einzelfallprüfung durch Ausländerbehörde und Arbeitsagentur. Immerhin dürfen Geflüchtete in Deutschland in jedem Fall ein bis zu drei monatiges Praktikum (nicht unter Mindestlohnniveau) absolvieren.

Laut einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im April 2016 sei zwischen April 2015 und März 2016 etwa jeder vierte beschäftigte Geflüchtete in die Leiharbeit gegangen, gefolgt von Dienstleistungen wie Gebäudereinigung oder Wachdienste. Danach kämen das Gastgewerbe, der Handel sowie Jobs in Kfz-Werkstätten und dem Gesundheits- und Sozialwesen. Zugleich war das IAB aber zu dem Schluss gekommen, dass auch Geflüchtete ohne Berufsabschluss und gute Deutschkenntnisse in den Arbeitsmarkt integriert werden können. In Deutschland gebe es rund 154.000 Jobangebote, die von gering qualifizierten Menschen mit Fluchthintergrund besetzt werden könnten. Besonders dringend suchen Branchen wie Reinigung, Verkehr und Logistik sowie Bau- und Ausbau entsprechende Kräfte. Es ist zu befürchten, dass Geflüchtete aufgrund ihrer angespannten finanziellen Situation (geringe Sozialleistungsansprüche, Verschuldung zur Finanzierung der Flucht etc.) auch Jobs weit unterhalb ihrer eigenen Qualifikation annehmen werden. Der Großteil der Arbeiternehmer mit Fluchthintergrund wird sich auch aufgrund der schleppenden oder ausbleibenden Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse im Niedriglohnsektor wiederfinden und somit dieselben Bedürfnisse und Probleme (bezahlbarer Wohnraum, umfangreiche Betreuung durch das Jobcenter, Unterstützung bei den Lebenshaltungskosten, kostenlose Kitaplätze etc.) wie übrige Arbeitnehmer auf diesem Lohnniveau haben. Ziel muss es sein, Geflüchtete zukünftig möglichst nah an ihrer eigentlichen Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt einzusetzen und ihnen somit eine Erwerbstätigkeit zu ermöglichen, die sie langfristig vor Armut schützt.

Verstärkte Anstrengungen zur Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt und die rasche Verabschiedung eines Einwanderungsgesetzes fordert UnternehmensGrün, der Bundesverband der Grünen Wirtschaft. Der Verband schlägt in seinem aktuellen Positionspapier ein Punktesystem vor, mit dem der Anspruch auf ein dauerhaftes Bleiberecht erworben werden kann.

Bei den hier angesprochenen Themen rund um Bildung, Erwerbstätigkeit und Armut muss immer der Faktor Gerechtigkeit mit einbezogen werden. Egal ob es sich um Frauen oder Männer, Jung oder Alt, Menschen mit oder ohne Migrations- bzw. Fluchthintergrund handelt: Niemand ist an seiner, im Vergleich zu anderen Personen schlechteren Situation alleinig Schuld und es gibt dabei auch keine Abstufungen. Es darf nicht um die Frage der Schuld gehen, wenn ein Mensch nach Hilfe sucht. Deshalb sollten die Werkzeuge der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik auch nicht extra für Geflüchtete geschaffen, sondern die bereits bestehenden und funktionierenden verbessert und angepasst werden, dass aus einer Integration mehr und mehr eine Inklusion in den Arbeitsmarkt wird. Das ist gerecht und vermittelt auch den Menschen in Deutschland ohne Fluchthintergrund eine faire Behandlung beim Arbeitsmarktzugang.

Annabelle Woltering ist Mitarbeiterin bei UnternehmensGrün e.V. und dort im Projekt Umweltprofis von morgen tätig. Privat hat sie im vergangenen Jahr unter anderem zusammen mit ihrem Mann die Initiative Refugee Streetfood ins Leben gerufen.

UnternehmensGrün e.V. – der Bundesverband der grünen Wirtschaft - macht schon seit mehr als zwanzig Jahren politische Lobbyarbeit für nachhaltiges Wirtschaften. Er ist parteipolitisch und finanziell unabhängig. Den mehr als 190 Mitgliedsunternehmen liegt daran, sich politisch einzumischen – z.B. beim Thema Energiewende, Agrogentechnik, Freihandelspolitik oder Steuergerechtigkeit. Mit Experten aus den Reihen der Mitglieder und des Vorstands nimmt UnternehmensGrün Einfluss auf Gesetzgebungsprozesse und entwickelt bzw. unterstützt Konzepte für nachhaltiges Wirtschaften, wie z.B. die Ökologische Steuerreform oder die Einführung des EEG. Der Verband ist Gründungsmitglied von Ecopreneur.eu, der Europäischen Vereinigung der nachhaltigen Wirtschaftsverbände.




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