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Meinung der Woche
29. September 2014

Ist eine RWE-Aktie Bürgerenergie?

Natürlich kann sich jemand der sich derzeit für circa 31 Euro eine RWE Aktie kauft einreden, er hätte eine Bürgerenergie-Investition getätigt. Ich bin der Meinung, mit Bürgerenergie hat die RWE Aktie wenig zu tun. Aber was ist Bürgerenergie eigentlich?

Erhard RenzDer Sonnenflüstererwww.sonnenfluesterer.de

Erhard RenzDer Sonnenflüstererwww.sonnenfluesterer.de
Unter dem Namen Sonnenflüsterer betreibt Erhard Renz  einen Blog für eine zukunftsfähige Energiewende.
Unter dem Namen Sonnenflüsterer betreibt Erhard Renz einen Blog für eine zukunftsfähige Energiewende.

29.09.2014 – Mir ist keine Definition bekannt, die meinen Ansprüchen gerecht wird, und im Laufe meiner Aktivitäten habe ich mich schon oft gewundert, wer sich alles als Bürgerenergie darstellt. Es scheint also ein Begriff zu sein, der positiv wirkt! Ich versuche es mal, lege aber großen Wert darauf, dass dies nur meine „Meinung für diese Woche“ ist und würde mich über eine angeregte Diskussion freuen.

„100% Bürgerenergie“ – gibt es so etwas eigentlich? Ich verstehe darunter „natürlich“ Erneuerbare Energien und im speziellen Sonnen- und Windenergie von Bürgern für Bürger. Diese beiden Energiequellen sollen ja unseren Energiehunger in naher Zukunft maßgeblich stillen.

Ja, es gibt eine „100% Bürgerenergie“ und zwar dann wenn, sich zwei Personen zusammen tun und eine einfachste, solarthermische Anlage bauen, mit Eigenkapital finanzieren und das warme Wasser gemeinsam nutzen. Wobei hier schon die Frage aufkommt: Darf der Solarkollektor aus China sein? Bei „100% Bürgerenergie“ nein, dann dürfte er (bei mir) maximal aus Hessen (Cölbe?) kommen!

Diese Anlage zeigt: Die Solaranlage wurde ohne Fremdkapital von Bürgern finanziert aber auch genutzt. Der Energie-Input erfolgt vor Ort und die Bürger müssen sich bei Entscheidungen einigen. „100% Bürgerenergie“ würde bei mir bedeuten: Die beiden Personen haben je ein Stimmrecht, egal wie viele Euro sie zur Finanzierung beigetragen haben.

Über diese idealtypische „100% Bürgerenergie“ möchte ich heute nicht schreiben, sondern von den vielen Bürgerenergie-Projekten die „fast 100% Bürgerenergie“ oder zumindest ein wenig Bürgerenergie sind. Welche Kriterien sollten eine Rolle spielen?

Regional statt weltweit!
Wichtiges Kriterium sollte die regionale Tätigkeit der Bürger sein. Windräder vor Ort, sollten von den Bürgern betrieben werden, die auf das Windrad schauen. Der oft verwendete Begriff dazu nennt sich „Zwiebelschalenprinzip“! Erst werden die Bürger vor Ort gefragt, ob sie sich finanziell beteiligen wollen, dann die Nachbarn – und erst wenn die alle gemeinsam es nicht schaffen, können andere Bürger sich finanziell engagieren. Ein finanzielles Engagement über die lokale Grenze hinaus ist möglich, sollte aber mittelfristig wieder zurückgeführt werden. Lokale Ressourcen sollen vorrangig genutzt werden. Damit sind die Menschen, die Maschinen, und die Energiequelle gemeint.

Engagierte Bürger statt bezahlte Manager
Die engagierten Bürger müssen nicht ehrenamtlich agieren, aber eine angemessene Bezahlung soll transparent den Geld gebenden Bürgern angezeigt werden. Gerade bei Genossenschaften kann die ehrenamtliche Gründungsphase mit engagierten Menschen begonnen werden. Langfristig muss sich die Gesellschaft aber so entwickeln, dass nicht nur die ehrenamtliche Power, sondern eine ordentliche Vergütung, die dem Vorstand das Leben ermöglicht, drin ist. Manager-Gehälter, die ein Vielfaches des „einfachen Arbeiters“ betragen, sind untragbar.

Mitbestimmung durch eine Stimme pro Kopf
Bei Abstimmungen sollte nicht das eingesetzte Kapital, sondern jeder Bürger eine Stimme haben. Jeder sollte jeden kennen und zumindest mit ihm in Kontakt treten können. Dies kann bei Genossenschaften und bei GmbHs per Satzung beschlossen werden. Damit ist es die demokratischste Form von Bürgerenergie.

Energiebürger fördern statt nur investieren
Das Besondere der Genossenschaft ist ja, dass es ein „Förderprinzip“ gibt, nachdem die Geldgeber nicht nur Rendite, Ausschüttung oder Dividende erhalten sollen, sondern der Genosse (Bürger?) durch sein Engagement eine Förderung erhalten soll. Aktuell wird dies gerade von einigen Energiegenossenschaften realisiert, indem der Erneuerbare Strom aus Wind und Sonnenkraftwerken den Genossen zum Verbrauch im eigenen Haus angeboten wird. Gesunde Luft und ein ruhiges Gewissen inklusive!

Nachhaltig auch für kommende Generationen
Bürgerenergie denkt so, dass auch kommende Generationen noch „am Ort“ leben können. Wer für seine Kommune Energie bereitstellt sollte sich auch Gedanken machen, wie er diese Bereitstellung für die Zukunft sichert. Da gilt: Grundbesitz geht vor Pacht. Ein Windrad wird irgendwann auch abgebaut, und dann haben die Bürgerenergie-Menschen nichts mehr. Deshalb muss der Grund und Boden an die Bürger. Denn Fläche ist Energie! Dies gilt für alle Erneuerbaren Energien, ob Wind, Solar, Wald, Wasser oder Geothermie!

Effizienz durch Bürgerenergie
Auf allen Veranstaltungen wird immer wieder auf die Effizienz hingewiesen, die im realen Leben aber nicht umgesetzt wird. „Energiebürger“ sollten sich vor Ort auch um dieses Thema kümmern. Mein Vorschlag: Kauft Land! Es kann der Wald sein, der auf der Gemarkung der Gemeinde liegt, es kann landwirtschaftliche Fläche sein, aber auch ein Grundstück mitten in der Kommune. Kauft das Grundstück und verpachtet es an Interessenten mit einem Erbbaurecht. Ein Erbbaurecht-Grundstück erhält nur derjenige, der nach den aktuell höchsten Effizienzvorgaben (z.B. KfW-Kriterien oder Öko-Landwirtschaft) baut. Das Grundstück aber bleibt im Eigentum der „Energiebürger“. Wenn kein Grundstückskäufer gefunden wird, bauen die „Energiebürger“ selbst mit den Architekten, Handwerkern und Materiallieferanten vor Ort und vermieten den Wohnraum. Auch hier wird natürlich nur eine Immobilie nach den Maßstäben realisiert, die von den „Energiebürgern“ vorgegeben werden.

Offen statt gebunden
Eine Bindung an Banken oder große Energiekonzerne wird nicht gewünscht. Natürlich können Banken und Energiekonzerne Angebote machen, aber sie sollten keinen Zugriff auf die Vorstand- oder Aufsichtsrat-Plätze und kein Monopol z. B. auf Darlehensbereitstellung haben. Bürgerenergie ist frei von Banken und Konzernen. Örtliche Sparkassen und Volksbanken oder Stadtwerke können sich einbringen, aber auch hier sollte die Unabhängigkeit der Energiebürger erhalten bleiben.

Bürgergeld vor Bankengeld
Viele Energiebürger haben viel Geld, warum sollen Projekte über Banken Darlehen finanziert werden, wenn Energiebürger dieses Geld auch zur Verfügung stellen können? Wertschöpfung soll vor Ort bleiben. Im Idealfall wird Bürgerenergie von den gleichen Bürgern genutzt, die sie produziert haben. Immer im kleinen Maßstab.

Wachstum statt Stillstand
Durch das EEG 2014 wurde vielen Energiegenossenschaften das Konzept zerstört. Weder Wind noch Solarprojekte in der eigenen Kommune lassen sich derzeit realisieren. Dann wäre die Zeit gekommen, sich den Flächen zu widmen. Oder der Netzübernahme von Strom, Gas und Wasser. Auch eine-Breitband Verkabelung kann in Bürgerhand finanziert und betrieben werden. Die Bürgerenergie kann all diese Projekte stemmen. Aber es darf zu keinem Stillstand an neuen Projekten kommen. Wachstum ist angesagt. Die Bürger müssen sich die „lokale Wertschöpfung“ in Ihrem Ort erkämpfen!

Bürgerenergie ist nicht nur die Versorgung der Bürger mit Energie. Bürgerenergie sind die Finanzen, die Talente, die Heimat und die Gemeinschaft von Menschen an einem Ort. Lasst uns in überschaubaren Einheiten für das Wohl aller Menschen unsere Bürger Energie einsetzen.

Seit über 25 Jahren setzt sich Erhard Renz konsequent für Erneuerbare Energien ein. Die Atomkatastrophe in Tschernobyl gab den Anstoß, sich für die regionale Energiewende in Bürgerhand zu engagieren. In Bürstadt war er als Stadtverordneter acht Jahre in der Kommunalpolitik aktiv. Er baute mehrere Energiegenossenschaften und 2006 den Verein Metropolsolar Rhein-Neckar mit auf. Anfang 2012 rief er zusammen mit anderen Mitstreitern den Deutschen Solarbetreiber-Club ins Leben. Als Sonnenflüsterer betreibt er einen Blog, der bereits mehr als 1.400 Artikel umfasst. Außerdem ist er Mitgründer der Plattform Energieblogger 




Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Craig Morris (@PPchef) 30.09.2014, 12:45:40

+332 Gut Antworten

Hervorragender Beitrag, Erhard! In der Tat: es wäre nützlich, eine Definition zu haben, damit man sich daran machen kann, die Bürgerenergie neben co2, Effizienz, und Anteil der EE als Zeil der W zu haben!

Craig Morris (@PPchef) 30.09.2014, 12:46:06

+364 Gut Antworten

Sorry, W = EW (Energiewende)

Erhard 01.10.2014, 10:36:38

+351 Gut Antworten

Danke Craig,

 

ich hab noch nachgelegt in meinem Blog zum Thema Effizienz.

 

http://www.sonnenfluesterer.de/2014/10/meinung-des-tages/

 

Natürlich bin ich an weiteren Diskussionen interessiert...


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