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Meinung der Woche
20. Mai 2019

Klimaschutz durch Erneuerbare Wärme – auch eine Gerechtigkeitsfrage

Unter den aktuellen Bedingungen werden wir bei der Vermeidung weiterer 48 Mio. Tonnen Treibhausgase im Gebäudesektor bis 2030 scheitern. Mieter emittieren eindeutig weniger als Eigentümer. Die Lösung: Erneuerbare Wärme.

Georg Wagener-Lohse, Vorstandsvorsitzender Fördergesellschaft Erneuerbare Energien e.V.

Georg Wagener-Lohse, Vorstandsvorsitzender Fördergesellschaft Erneuerbare Energien e.V.
Georg Wagener-Lohse
Foto: Tobias Lohse

War es nicht so, dass das Persönliche politisch ist? Für meine Arbeit als selbständiger Ingenieur nutze ich eine gemietete Wohnung mit 49 m². Was ich über Energiekennwerte der verschiedenen Baualtersklassen und Gebäudekennwerte beruflich weiß, ist mir für diese Wohnung unbekannt. Es war die Initiative meiner Frau, unser - Reihenmittelhaus vor 15 Jahren auf der Straßenseite mit einer holzbasierten Dämmung und neuen Fenstern zu modernisieren. Der spezifische Endenergieverbrauch liegt hier immer noch bei 120 kWh/m². Den Ölkessel hatten wir beim Einzug durch einen gasbetriebenen Solarmax mit integrierter thermischer Solaranlage ersetzt. Spezifisch emittiert das Haus damit inkl. Vorkette 28 kg CO2/m².

Ich bin davon überzeugt, dass ich auch persönlich Verantwortung trage und diese in praktisches Handeln umsetzen muss, wenn ich politisch nicht unglaubwürdig werden soll. Trotzdem ist es die Verantwortung unserer gewählten Abgeordneten und der zuständigen Ministerien Rahmenbedingungen zu schaffen, die das wirksam unterstützen. Angemessener Klimaschutz ist unsere gesellschaftliche Verpflichtung!

Was ich hier persönlich geschildert habe, gilt symptomatisch für den gesamten Sektor privat genutzter Gebäude in Deutschland. 40,7 Mio. Wohnungen werden zu 54 Prozent von Mietern genutzt. Hier tragen immerhin 3,9 Mio. private Vermieter, die der Verband Haus&Grund Deutschland neben den Wohnungsgenossenschaften und öffentlichen und unternehmerischen Vermietern ausweist, Verantwortung. Daneben entscheiden 16 Mio. Selbstnutzer darüber, wie sie mit ihrem Eigentum auch in energetischer Hinsicht umgehen.

Leider sind es aktuell zu wenige, die jährlich zum Klimaschutz durch Sanierung oder den Umstieg auf erneuerbare Energien beitragen, als das wir das Ziel der Klimaneutralität rechtzeitig erreichen könnten. Mieter können nicht durch eigene Investitionen zur energetischen Verbesserung geschweige denn zur Verminderung der CO2-Emissionen beitragen, sondern müssen aufgrund hoher Energieverbräuche hohe Betriebskosten tragen oder Sanierungskosten durch Mieterhöhungen mittragen.

Ich möchte damit deutlich machen, dass es gerade nicht nur um die vielseits diskutierten technischen Aspekte zum Klimaschutz im Gebäudebestand geht, sondern um die wichtige Frage der Klimagerechtigkeit. Als die Klimaverhandlungen auf internationaler Ebene vor einigen Jahren stockten, tauchte von kirchlicher Seite und deutschen NGOs der Vorschlag auf, dass man Rechte und Pflichten an Emissionsrechten orientieren könnte. Die Reichen Nationen haben sie bisher umfänglich in Anspruch genommen. Den sich entwickelnden Ländern sollten sie jetzt auch zustehen. Gerecht wäre doch also, wenn die, die das können, mehr für den Klimaschutz einsetzen würden und müssten.

Eine einfache Analyse zu den genutzten Wohnflächen in einzelnen Einkommensgruppen, umgerechnet in Klimabelastungen je Wohnung, zeigt, dass die oberen Einkommensgruppen  mit ihrem eigenen Haus mit 5-6 Tonnen CO2 pro Jahr weit stärker zum Klimawandel beitragen als die unteren mit der gemieteten Wohnung mit 2-2,5 t/a. Nur wenn es zur Senkung des Energieverbrauchs und dem Einsatz erneuerbarer Energien kommt, können im unteren Einkommenssegment im Sinne der Warmmietenneutralität eingesparte Heizkosten zur Refinanzierung von Klimaschutz einbezogen werden.

Im Blick auf den nötigen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern muss uns zu denken geben, dass die Kesselanbieter beim letzten Absinken des Ölpreises wieder mehr Ölheizkessel verkaufen konnten. Die gesamte öffentliche Debatte um den Klimawandel hat also nicht dazu geführt, dass die am stärksten das Klima schädigenden Ölkessel mindestens durch Gaskessel geschweige denn durch EE-basierte Heizsysteme und grüne Wärmelieferungen ersetzt werden. Eine besonders pikante Nebenerscheinung ist in dieser Geschichte die Argumentation der Industrie, dass der Effizienzvorteil der neuen fossil betriebenen Kessel so hohe CO2-Minderungswirkungen haben soll, dass er eine Alternative zur Gebäudesanierung darstellt.

Wir leben in einem großen und reichen Land, das bisher keine klare politische Haltung zur nötigen Dekarbonisierung einnehmen konnte. Vielleicht ist es nicht kalt genug so wie in Schweden, wo die konsequente Verminderung des Energiebedarfs und die Abkehr vom Öl seit mehreren Jahrzehnten politischer Konsens, Grundlage für Gesetze und die Basis für Klimaschutzerfolge ist. Vermutlich fällt es uns auch schwerer als unseren dänischen Nachbarn gemeinschaftliche Lösungen zu verfolgen, weil wir als „Dichter und Denker“ mehr in der schönen Theorie als im solidarischen Miteinander leben. In beiden Ländern haben CO2-Bepreisungen maßgeblich weg vom Öl und hin zu den Erneuerbaren Energien und auch zur leitungsgebundenen, also gemeinschaftlichen Wärmeversorgung geführt.

Wir tun uns schwer damit, den Klimawandel als strategische Herausforderung zu begreifen. Analysen haben wir zwar mehr als genug, aber die Kraft zum Handeln in einer als unbedingte Notwendigkeit erkannten Situation scheint uns zu fehlen. Wir sind verstrickt in unserem Traum vom Wohlstand und vermeintlichen Wirtschaftswachstum, dem wir bereit sind, vieles in unserem Land zu opfern, soziale Gerechtigkeit oder ökologische Nachhaltigkeit zum Beispiel. Es ist in dieser Hinsicht interessant, welche anhaltende Wirkung die Ölkrisen der 70er Jahre im Bereich der Energiesparpolitik mit Gesetzen (WSchVO, EnEV) bis heute hinterlassen haben. Was sind wir bereit - auch an äußerer Abhängigkeit - politisch zur Sicherung unserer Energieimporte in Kauf zu nehmen. Demgegenüber fällt es uns schwer, den jetzt anstehenden Paradigmenwechsel zur Orientierung gesetzlicher Regelungen an der Treibhausgasverminderung konsequent anzugehen.

Es ist bemerkenswert, dass nach langen Debatten und Verzögerungsbemühungen der betroffenen Bundesländer, Regionen und Konzerne eine politisch initiierte Kommission aus den widerstreitenden Interessenlagen unserer Gesellschaft in der Lage war, einen Kompromiss für den Abschied von der emissionsintensivsten Stromerzeugung zu verhandeln. Offensichtlich sind delegierte Fachfrauen und -männer der verschiedenen benötigten Kompetenzbereiche besser in der Lage, Klarheit über die Fakten und die möglichen Instrumente zu finden, als die Ausschüsse unserer gewählten Abgeordneten. Dass dabei auch der Einsatz öffentlicher Mittel, also unseres gemeinsam erwirtschafteten Vermögens eine Rolle spielt, muss nicht schlecht geredet werden.

Deshalb ist es tragisch, dass sich die Bundesregierung nicht entschließen konnte, die geplante Gebäudekommission einzurichten, um auch in diesem wichtigen Bereich seit Jahren diskutierter Klimaschutzmöglichkeiten eine tragfähige Lösung zur Erreichung der Klimaschutzziele zu finden. Dies hat stark damit zu tun, dass die Bau- und Wohnungspolitik seit mehreren Legislaturperioden keine starke Ressortbedeutung mehr hat und eher als Verteilungsmasse gehandhabt wurde. Es ist auch darin begründet, dass wir alle weit stärker persönlich mit dieser Grundbedingung unseres Lebens verknüpft sind, statt mit dem Finger auf die großen Verursacher zeigen zu können.

Bis zum Jahr 2030 soll der Sektor nach nat. Klimaschutzplan noch einmal 48 Mio. t vermeiden. Das sind etwas mehr als die 40 Mio. t der Industrie aber weit weniger als die 179 Mio. t der Energiewirtschaft. Da noch mehr als 2/3 der Mehrfamilienhäuser unsaniert sind, sollte es mit vereinten Kräften von Staat (Steuererleichterung) und Vermietern möglich sein, wirtschaftlich sinnvolle Sanierungen schleunigst anzugehen. Dabei muss der Blick auf einen notwendig klimaneutralen Gebäudebestand 2050 gerichtet werden. Ein hoher Anteil erneuerbare Energien auch mit Hilfe leitungsgebundener Wärmeversorgung ist für das Gelingen entscheidend. Im kommunalen Kontext wirkt diese Kombination auch systemstabilisierend. Hierzu müssten sich die beteiligten Branchenvertreter endlich mit den Finanz- und Wohnungsbaupolitikern aus dem Bund und den Ländern an einen Tisch setzen, um die Praktiker mobilisieren zu können. Unsere junge Generation hat ein Recht darauf.

Dr. Georg Wagener-Lohse ist Vorstandsvorsitzender der Fördergesellschaft Erneuerbare Energien e.V. (FEE) und Vorstandsmitglied im Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE).




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