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Meinung der Woche
25. August 2014

Leben neben Schacht Konrad: „Ein Atommülllager in direkter Nachbarschaft „

Wie fühlt es sich an, direkt neben einem Endlager zu wohnen? Britta Kick berichtet von ihrem Leben mit Schacht Konrad, der letztinstanzlich zum Endlager bestimmt wurde und nun für die baldige Befüllung mit Atommüll umgebaut wird. Sie erzählt von einem Kampf und dem Willen, optimistisch zu bleiben.

Britta KickMitglied der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad e. V.

Britta KickMitglied der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad e. V.
Britta Kick wohnt mit ihrer Familie in Bleckenstedt, in direkter Nähe des zum Atommüllendlager bestimmten Schachtes Konrad. (Bild: Britta Kick)
Britta Kick wohnt mit ihrer Familie in Bleckenstedt, in direkter Nähe des zum Atommüllendlager bestimmten Schachtes Konrad. (Bild: Britta Kick)

25.08.2014 – 2004 bin ich mit meiner Familie nach Bleckenstedt gezogen. Da ich einen großen Teil meiner Kindheit in Bleckenstedt verbracht habe, war mir hier, trotz meiner langjährigen Abwesenheit, vieles vertraut. Dazu gehörte auch der Schacht KONRAD.

In dieser Zeit habe ich alte Bekannte wiedergetroffen und neue Freundschaften geschlossen. Meine Familie hat sehr schnell neue Kontakte geknüpft. In den Zusammentreffen mit Bekannten und Nachbarn haben wir dann immer mehr über den Schacht KONRAD als ausgewählte Lagerstätte für Atommüll erfahren. Das machte uns nachdenklich und führte dazu, dass wir uns mit dem Thema intensiver auseinandersetzten. Die vielen Informationen haben den Schacht in seiner Bedeutung nun ganz anders dastehen lassen. Aus dem einst vertrauten Bild ist eine echte Bedrohung für mich und meine Familie geworden.

Der einstige Erzschacht KONRAD ist das einzige genehmigte Atommülllager der Bundesrepublik Deutschland. Hier sollen 303.000m³ schwach- und mittelradioaktiver Atommüll gelagert werden. Das wären etwa 95 Prozent des anfallenden radioaktiven Abfalls in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei ist das Projekt KONRAD bereits heute hoffnungslos veraltet. Die Sicherheitsberechnungen für das Atommülllager wurden Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts erstellt. Bereits damals gab es erhebliche Kritik, dass die Rechenprogramme nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprächen und die tatsächlichen Transportmechanismen der Radionuklide unter Tage nicht realistisch abbilden würden. Innerhalb der letzten 25 Jahre hat sich die nationale und internationale wissenschaftliche Debatte natürlich erheblich weiterentwickelt. Geologische und hydrogeologische Prozesse können mit heutiger Rechenleistung ganz anders berechnet und dargestellt werden. Die Sicherheitsanforderungen an eine dauerhafte Lagerung radioaktiver Abfälle haben sich erheblich weiterentwickelt. Die Nachnutzung eines ehemaligen Gewinnungsbergwerks zur Atommülllagerung wird heute ausgeschlossen. Und die Erfahrungen mit den beiden existierenden „Endlagern“ ASSE II und Morsleben zeigen, dass diese Art der Lagerung von Atommüll nicht zu verantworten ist.

Wir leben mit Blick auf Schacht KONRAD. Aber die ASSE II ist auch nur 20 Kilometer von uns entfernt. Wer wissen will, wie eine „Endlagerung“ radioaktiver Abfälle nicht funktioniert, braucht nur zu uns ins Braunschweiger Land kommen. In der Grube Asse II lagert Atommüll. 119.715 schlecht oder nicht gekennzeichnete Fässer mit schwach radioaktivem Müll und 16.072 Gebinde mit mittelradioaktiven Abfällen, die mit enormen Aufwand wieder herausgeholt werden müssen, weil die Asse II mit Wasser voll läuft. Wir haben dennoch ein Haus in Bleckenstedt gebaut. Diesen Entschluss haben wir bewusst getroffen weil wir nicht vor der Bedrohung weglaufen, sondern etwas aktiv dagegen unternehmen wollten.

Wir mussten etwas tun, nicht nur für uns, sondern auch für alle nachfolgenden Generationen. 2009 hat das Bundesverfassungsgericht verkündet, es gäbe kein Recht auf Nachweltschutz. Konkret wurde die Klage unseres Nachbarn und Landwirts Walter Traube mit dem Verweis abgewiesen, er könne nicht beklagen, dass seine Kinder und Enkelkinder durch ein Atommülllager KONRAD nicht gesundheitlich geschädigt werden dürften. Wir sehen das anders, für uns gibt es sogar eine Pflicht auf Nachweltschutz. Gemeinsam mit anderen hatten wir die Idee, den Widerstand lokal zu organisieren. Dazu wollten wir die Bewohner der Dörfer rund um den Schacht mobilisieren.

Hierbei haben wir sehr schnell festgestellt, wie sich bei den Nachbarn mitunter eine erschreckende Gleichgültigkeit verbreitet hat. Dabei hörten wir häufig Sätze wie: „Wir können eh nichts machen.“, „Das ist beschlossene Sache.“ oder „Da ist doch schon längst etwas (Atommüll) drin.“. Noch schlimmer ist, wenn man obendrein noch belächelt wird, wenn man mit den Leuten darüber spricht oder sie auffordert mitzumachen.

Hinzu kommt die vermeintliche Ohnmacht der Nachbarn, die immer wieder erwähnen, wie schlimm es in unserer Gegend ist. Es gibt hier den Lärm der Stahlhütte, den Gestank der Ölmühle, den Schacht KONRAD und demnächst auch noch eine Autobahnraststätte. Ein Atommülllager hat jedoch eine andere Dimension als eine Ölmühle oder eine Autobahnraststätte. Im Gegensatz zu allen anderen Industrieanlagen kann man ein Endlager nicht stilllegen. Es wird für die Ewigkeit errichtet und bleibt eine ewige Bedrohung.

Die Aufmerksamkeit für den Schacht KONRAD wächst erst dann, wenn zum Beispiel Geld in Form des Konrad-Fonds ins Spiel kommt. Im Jahre 2011 hoben Politik und Energiewirtschaft die Endlager Konrad Stiftungsgesellschaft mbH aus der Taufe. 100 Millionen Euro sollen fließen, als Ausgleich für den Imageschaden und die Lasten, die mit dem Atommülllager verbunden sind. Während der Bund bereits jährlich 700.000 Euro aus Steuergeldern in die Stiftung einzahlt, kommt von der Energiewirtschaft allerdings noch kein Geld. Sie will erst bezahlen, wenn das erste Fass in KONRAD eingelagert wird. Das Geld zeigt Wirkung, die Strategie der Initiatoren geht voll auf: Es soll eine breite Akzeptanz geschaffen werden. Aber es schafft nur eins: Schweigen. Denn wer das „Blutgeld“ nimmt, kann sich nicht gegen die Einlagerung des Atommülls auflehnen. Interessant ist jedoch, wie viel den Einzelnen das Schweigen wert ist. Während der eine Verein einen Tennisplatz in sechsstelliger Summe genehmigt bekommt, lässt sich der andere für den Gegenwert einer Schachuhr kaufen. Wie groß die Summe auch ist: Geld kann das Atommüllproblem niemals lösen.

Doch es gibt auch die andere Seite vor Ort: Wer durch unser Dorf fährt, sieht in jedem zweiten Vorgarten ein gelbes 200-Liter-Fass mit der Aufschrift „Annahme verweigert“ als Zeichen für den Protest. Mit viel Phantasie und Witz wird der Widerstand seit 35 Jahren am Leben erhalten, mal machtvoller, mal bescheidener, getragen u.a. von der Kommune über das Landvolk bis hin zur Gewerkschaft.

Inzwischen ist neue Belebung in die politische Debatte um das Projekt KONRAD gekommen. Erhebliche Partien von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen, die in Deutschland anfallen, dürfen aufgrund ihrer stofflichen Eigenschaften gar nicht in KONRAD eingelagert werden. Ein neues Lager müsste nach den aktuellen Sicherheitsanforderungen errichtet werden. Während für KONRAD der Stand von vor einem Vierteljahrhundert gelten soll. Das würde zu einer erheblichen „Gerechtigkeitslücke“ führen.

Zudem rächt sich inzwischen die Ignoranz gegenüber den Problemen, die mit der Alterung eines Bergwerks einhergehen. Schacht KONRAD wurde Ende der 60er Jahre schnell abgeteuft, um Erz für das Stahlwerk zu gewinnen. Jetzt sind die Schächte marode, der Sanierungsbedarf ist groß, von einer Inbetriebnahme ist frühestens 2022 die Rede. „So ist das halt mit dem Bauen im Bestand, da gibt es immer wieder Überraschungen und Probleme“, erklärte ein Vertreter des Bundesamtes für Strahlenschutz jüngst im Umweltausschuss der Stadt Salzgitter.

Die Inbetriebnahme verzögert sich nicht nur wegen der baulichen Gegebenheiten, sondern auch wegen unseres gemeinschaftlichen Widerstandes. „1988 soll Schacht Konrad in Betrieb gehen“ so war es in der Salzgitter Zeitung 1982 zu lesen. Wenn wir jetzt  in der aktuellen Atommülldebatte weiter unseren wohl begründeten Protest verstärken, haben wir Chancen, dieses unverantwortliche Projekt doch noch zu stoppen.

Mit anderen Worten: wir machen weiter!

Britta Kick wohnt mit ihrer Familie in Bleckenstedt, in direkter Nähe des zum Atommüllendlager bestimmten Schachtes Konrad. Gemeinsam mit zahlreichen weiteren Bürgern der Region hat sie sich in der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad e. V. organisiert, um Einfluss auf die bislang wenig für Beteiligung offene Atompolitik der Bundesregierung zu nehmen. Denn eines steht fest: Die Entscheidungen in Berlin betreffen ihr Leben und das ihrer Nachbarn ganz unmittelbar.   




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