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Meinung der Woche
26. Mai 2014

Mit dem Energiemix zum Erfolg

99 Prozent des Erdreichs ist heißer als 1000 Grad. Wiederum 99 Prozent des Rests liefern Wärme von 100 Grad und mehr. Täglich strahlt die Erde viermal soviel Wärme ins Weltall ab, wie wir aktuell verbrauchen. Geothermie ist ein wichtiger Baustein des Erneuerbare-Energien-Gesamtpuzzles – auch in Deutschland.

Dr. Erwin KnapekPräsidentGtV-Bundesverband Geothermie

Dr. Erwin KnapekPräsidentGtV-Bundesverband Geothermie
Dr. Erwin Knapek ist Präsident des GtV-Bundesverbandes Geothermie. (Bild: GtV-Bundesverband Geothermie e.V. )
Dr. Erwin Knapek ist Präsident des GtV-Bundesverbandes Geothermie. (Bild: GtV-Bundesverband Geothermie e.V. )

26.05.2014 – Die Energiewende ist ein ambitioniertes und wichtiges Projekt. Der ehemalige Umweltminister Peter Altmaier beschrieb es sogar als die "größte Herausforderung seit dem Wiederaufbau in der Nachkriegszeit". Ja, die Energiewende ist eine Herausforderung. Aber sie ist eine Aufgabe, die sich lohnt und deren Erfolg uns noch viele Kosten und Sorgen ersparen wird. Mit den Erneuerbaren Energien steht ein Strauß von Technologien zur Verfügung, um in den nächsten Jahrzehnten eine CO2-freie und kostengünstige Energieversorgung zu gewährleisten. Ihre Bausteine sind die Energiequellen Wind, Sonne, Wasser, Biomasse und Geothermie. Sie liefern uns Energie in unterschiedlichsten Formen und Vorzügen. Die Energiewende wird gelingen, wenn wir uns überlegen, wie dieser Blumenstrauß am intelligentesten zusammengestellt wird und keine Erneuerbare Energieform dabei vergessen wird.

In der aktuellen politischen Debatte ist aber eine starke Fokussierung auf den Strommarkt, insbesondere auf Wind- und Solarenergie zu beobachten. Sie sind die Zugpferde der Energiewende und haben Beträchtliches geleistet. Doch auch die Bioenergie, Wasserkraft und die Geothermie sind wichtige Mitglieder des Teams Erneuerbarer Energien. Während sich die Bioenergiebranche anhören muss, dass sie scheinbar Monokulturen fördert, und der Wasserkraft ihr begrenztes Potenzial vorgehalten wird, gilt die Geothermie der Bundesregierung als zu teure Variante der Stromerzeugung. Doch diese Einschätzung ist nur die wenig überraschende Momentaufnahme einer noch jungen Technologie, deren erste Kraftwerke vor gerade einmal sieben Jahren ans Netz gegangen sind. Langfristig sind Stromgestehungskosten von neun Cent und weniger realistisch. Damit ist die Geothermie absolut wettbewerbsfähig. Wenn wir ihr die gleichen Chancen einräumen wie den älteren Erneuerbaren Energien, können wir langfristig auf planbare Wärme, Kühlenergie und Strom zurückgreifen, jederzeit und überall.

Ein großer Schatz muss genutzt werden

Im Erdreich schlummert ein riesiger Wärmeschatz. 99 Prozent des Erdreichs sind heißer als 1000 Grad. Wiederum 99 Prozent des Rests liefern Wärme von 100 Grad und mehr. Täglich strahlt die Erde viermal so viel Wärme ins Weltall ab, wie wir aktuell verbrauchen. Daher kommt auch eine Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag zu dem Ergebnis, dass die Erdwärme das 600-fache des jährlichen Strombedarfs bereitstellen kann. Das zusätzliche Potenzial zur Wärmeerzeugung beträgt das 1,5- bis 2,5-fache dieses Werts.

Viel Energie auf wenig Fläche

Der Flächenverbrauch einer Geothermieanlage ist äußerst gering. Ein tiefengeothermisches Kraftwerk ist von einem herkömmlichen Gewerbegebäude nicht zu unterscheiden und kann auf 2 Hektar (~2,5 Fußballfelder) 80 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr produzieren. Zum Vergleich: Etwa 15 Windräder modernster Bauart sind notwendig, um die gleiche Strommenge zu produzieren, wobei dafür eine 16-mal größere Fläche benötigt wird. Es ist dazu noch zu bemerken, dass die Energielieferung aus der Geothermie rund um die Uhr zur Verfügung steht und immer konstante Qualität bietet.

Zwei bis vier Bohrungen sind dazu von Nöten, meist eine zur Förderung und eine zur Rückführung des Wassers in das geologische Reservoir. Die Wärme, die mit bis zu 165 Grad in Form von Thermalwasser aus dem Erdreich ans Tageslicht kommt, kann gleich mehrfach genutzt werden. So laufen derzeit in der Region München 15 Heiz- bzw. Heizkraftwerke, die bis zu 50.000 Haushalte mit Wärme und Strom versorgen können. Im bayerischen Kirchweidach wird seit Kurzem ein zwölf Hektar großes Gewächshaus mit Geothermie beheizt. Die ersten Erdwärme-Tomaten und -Paprika wurden bereits geerntet. Geplant sind ein weiterer Ausbau der Wärmenutzung und ein Kraftwerk. Die Nutzung der Erdwärme in Kaskaden ist maximal effizient und birgt auch Chancen für neue Wirtschaftszweige. Kirchweidach beweist, dass Obst- und Gemüsesorten in Deutschland angebaut werden könnten, für deren Marktzugang bisher weite Transportwege notwendig sind. Bislang war die Produktion in konventionell beheizten Gewächshäusern auch schlicht zu teuer. Nun ermöglichen Oberflächennahe und Tiefe Geothermie eine ganzjährige Produktion vor Ort, günstig und dank kurzer Wege besonders nachhaltig und energieeffizient.

Wärme muss in den Fokus rücken

Fast die Hälfte des deutschen Energiebedarfs entfällt auf die Wärmeerzeugung, und dennoch spielt das Thema „Wärmewende“ kaum eine Rolle. Der Anteil Erneuerbarer Energien am gesamten deutschen Energiemix stagniert bei unter zehn Prozent. Seit Jahren geht es auf einem kleinteilig organisierten Markt, in dem Eigenheimbesitzer und nicht Unternehmen die Hauptakteure sind, nicht merklich voran, da ein entschiedenes Handeln seitens der Politik bisher ausbleibt. Marktanreizprogramm und EEWärmeG sind ein guter Anfang, reichen jedoch nicht aus. Wir benötigen haushaltsunabhängige Förderinstrumente – steuerliche Abschreibungen oder Wärmeprämie – kombiniert mit ausgebauten Investitionsanreizen sowie eine umfassende Kampagne, die den Bürgern die Vorteile der Wärmewende vermittelt.

Die Wärmewende findet größtenteils im Heizungskeller statt. Hier treten auch Erdwärmepumpen in den Fokus. Sie nutzen die oberflächennahe Wärme in geschlossenen Erdwärmesonden oder -kollektoren. 318.000 Anlagen sind in Deutschland in Betrieb und stellen rund 4.000 Megawatt zur Verfügung. Doch der Absatz ist seit wenigen Jahren rückläufig. Besonders bedauerlich ist dies, da Erdwärmepumpen besonders effizient sind. Zudem können sie Wind- und Solarstrom gezielt zu Zeiten eines hohen Angebots beziehen und in Form von Wärme speichern. Auch die Kombination von Geothermie und Solarthermie bietet spannende Möglichkeiten. Geothermische Speicher und Sonden speichern überschüssige Sonnenenergie vom Dach im Erdreich. Im Winter wird diese zusätzliche Wärme genutzt, womit sich die Effizienz der Anlage erhöht.

Teamwork ist wichtig

Diese Beispiele zeigen, wie sinnvoll verschiedene Erneuerbare Energien kombiniert werden können. Geothermie kann dabei eine wichtige Schnittstellenfunktion zwischen Strom- und Wärmemarkt übernehmen. Erdwärmepumpen und Tiefe Geothermieanlagen benötigen jedoch ein gesichertes politisches Umfeld für Investitionen. Dabei sind auch heute noch Instrumente wie das EEG, EEWärmeG und MAP wichtig. Werden diese Förderinstrumente insbesondere technologiespezifisch ausgebaut und nicht mit einer Rasenmähermethode einfach zurückgefahren, können wir weiterhin an einem Mix feilen, der uns eine kostengünstige, nachhaltige und gerechte Energieversorgung ermöglicht. Die aktuellste Baustelle ist das EEG. Besonders die vorgesehenen Ausschreibungen sind unausgereift. Sollten sie tatsächlich bis Ende des Jahrzehnts ohne Rücksicht auf die jeweilig eingesetzte Technologie verpflichtend eingeführt werden, ist fraglich, ob weitere Geothermieheizkraftwerke gebaut werden. Eine wichtige grundlastfähige Säule der Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien würde dann fehlen. Nun haben nur noch die Parlamentarier die Möglichkeit, dies zu verhindern.

Dr. Erwin Knapek ist Präsident des GtV-Bundesverbandes Geothermie. Der 1991 gegründete Verband ist ein Zusammenschluss von derzeit ca. 700 Mitgliedern aus Industrie, Wissenschaft, Planung und der Energieversorgungsbranche. Der promovierte Physiker initiierte in seiner Amtszeit als 1. Bürgermeister Unterhachings das örtliche Geothermieheizkraftwerk, welches 2007 in Betrieb ging. Erstmals in Deutschland wurde dabei die Kalina-Technik zur Stromerzeugung genutzt. Als Mitglied des Gemeinderats in Oberhaching und Kreistagsabgeordneter in München-Land ist Knapek weiterhin in der Region politisch aktiv. Knapek ist außerdem 1. Vorsitzender des Wirtschaftsforums Geothermie und Vizepräsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie.




Kommentare

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Rainer 29.05.2014, 13:29:48

+188 Gut Antworten

Eine Mischung aus beidem wäre meine mögliche Antwort :

 

X Ja, denn wie wir in den letzten Jahren gesehen haben sind solche Gipfel sowieso Zeitverschwendung.

 

X Das ist ein fatales Signal an alle anderen Länder. Wir müssen schnellstmöglich eine internationale Lösung gegen den Klimawandel und gegen den Ausstoß von Treibhausgasen finden.

 

Die dritte Antwort setzt zu viel Glaube an ein(e) „lobbyfreie Regierung / Parlament“ voraus ....

 

Erhebt sich auch die Frage, sind Politiker die richtigen Anwälte für dieses globale Problem ? Politiker die erfahrungsgemäß allenfalls die Zeitspanne einer Eintagsfliege im Kopf haben (Wiederwahl - nach der Wahl ist "vor der Wahl") - soweit sie überhaupt eine demokratische Legitimation besitzen...


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