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Meinung der Woche
19. Mai 2014

Natur verstehen – Wildnis spüren

In einer Zeit, in der der Verlust der biologischen Vielfalt (Biodiversität) zu einem globalen Problem geworden und für die Zukunft der Menschheit als ebenso kritisch zu werten ist, wie der Klimawandel, muss der Umweltbildung in allen zivilisierten Staaten ein größerer Stellenwert eingeräumt werden.

Dr. Franz LeiblLeiter Nationalpark Bayerischer Wald

Dr. Franz LeiblLeiter Nationalpark Bayerischer Wald
Dr. Franz Leibl ist Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, des ersten deutschen Nationalparks. (Foto: Nationalpark Bayerischer Wald)
Dr. Franz Leibl ist Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, des ersten deutschen Nationalparks. (Foto: Nationalpark Bayerischer Wald)

19.05.2014 – Naturkundliches Wissen und das Vermitteln von umweltgerechtem Verhalten sind bekanntlich Randthemen an Schulen und Universitäten. Wie wenig Wertschätzung Natur-und Umweltbildung – ja Umweltwissen als Ganzes – erfährt, erkennt man beispielsweise daran, dass in unserer Zeit freiwerdende Stellen für Fachberater für Umweltbildung von den Grund- und Mittelschulen häufig nicht mehr besetzt werden oder dass der durchschnittliche Schüler maximal nur noch vier der zwölf häufigsten Vogelarten benennen kann (Stand 2008).

Der Nationalpark Bayerischer Wald arbeitet gegen diesen Trend. Umweltbildungsarbeit ist hier neben dem Naturschutzauftrag einer der großen Aufgabenschwerpunkte der Nationalparkverwaltung. Sie setzt bei der originären Naturerfahrung an, die wiederum als vertieftes Naturerlebnis ein aktives Erleben und eine gezielte Reflexion voraussetzt. Dieses aktive Erleben von Natur und die Freude an der Waldwildnis sind ganz wesentliche Komponenten, um im Rahmen der Bildungsarbeit Einstellung und Verhalten zu Natur und Umwelt nachhaltig zu prägen. Über ein gewecktes Interesse an der Natur werden aber auch Lernerfahrungen möglich, die auf andere Lebensbereiche übertragbar sind. Nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch mit seinen Entwicklungsmöglichkeiten steht im Mittelpunkt, wie die thematischen Schwerpunkte der Wildnispädagogik des Nationalparks verdeutlichen:

„Natur Natur sein lassen“: Dort, wo diese ursprünglich für Nationalparke formulierte Maxime gilt, entsteht Wildnis; der Mensch nimmt sich zurück, wird zum Betrachter und Beobachter. In diesem Themenfeld gilt es, Respekt zu vermitteln für das, was ist, und damit offen zu werden für unbekannte Entwicklungen, Toleranz für Neues aufzubauen, Ängste zu verlieren und materielle Werte hintan setzen.

Werden und Vergehen: Die Abläufe in den Naturwäldern des Nationalparks sind geprägt von ewigen Kreisläufen. Tod und Sterben gehören ebenso dazu wie vermeintliches Chaos und Ordnung. Aus diesen natürlichen Vorbildern lassen sich im Rahmen der Wildnispädagogik Parallelen zu menschlichem Handeln finden, die Anlass bieten, eigenes Tun zu reflektieren.

Ökologischer Fußabdruck: Der ökologische Fußabdruck wird als anschauliches Instrument zur Reflexion des eigenen Lebensstils eingesetzt, der dazu anregt, das Dreieck der Nachhaltigkeit (Ökologie, Ökonomie, Soziales) in all seinen Dimensionen zu diskutieren und als Resultat das eigene Verhalten zu ändern.

Verantwortung für Schöpfung: Die Natur und ihr Schutz hat auch eine moralisch-ethische Dimension. Diese und auch unterschiedliche Sichtweisen werden bei besonderen Veranstaltungen thematisiert und diskutiert.

Seit seiner Eröffnung 1970 hat der Nationalpark Bayerischer Wald im Laufe der Jahrzehnte zu diesen Themenfeldern eine intensive Bildungsarbeit aufgebaut, die im Grunde alle Altersklassen von Kindern und Jugendlichen anspricht und darüber hinaus auch in die Erwachsenenbildung hineingeht: Mit Kindergarten- und Schulklassenprogrammen, Waldführerexkursionen, Nationalparkerlebniswochen oder dem Junior-Ranger-Projekt wird eine breite Palette unterschiedlicher Zielgruppen angesprochen.

Der persönlichen Betreuung von Nationalparkgästen im Gelände wird dabei ein besonders wichtiger Stellenwert zuerkannt. So wird auf jährlich über 5.000 Veranstaltungen bis zu 60.000 Personen die Einzigartigkeit der Naturausstattung des Nationalparks nahe gebracht. Mit jährlich etwa 11.000 Übernachtungen sind die umweltpädagogischen Haupteinrichtungen des Nationalparks, das Jugendwaldheim und das Wildniscamp am Falkenstein, bestens besucht und regelmäßig ausgebucht. Das Jugendwaldheim ist darauf ausgerichtet, vor allem Schülerinnen und Schülern der dritten und vierten Klassenstufe in einer Woche unter fachkundiger Betreuung eine Naturbegegnungen mit allen Sinnen sowie ein Kennenlernen des Nationalparks mit seinen Aufgaben und Zielen zu ermöglichen. Für Schüler der vierten bis achten Klasse und für ältere Jugendliche stehen die Themen- und Länderhütten des Wildniscamps zur Verfügung. Ausgangspunkt der dort angebotenen Wochenprogramme ist ebenfalls das eigene Erleben, der Aufenthalt in den einfachen Hütten in der natürlichen Umgebung des Nationalparks Bayerischer Wald, aber auch ein Zugang zu anderen Kulturen durch das bewohnen der Länderhütten.

Mit zahlreichen weiteren Veranstaltungen und nicht zuletzt durch die Besucherzentren mit ihren umweltpädagogisch ausgerichteten Dauerausstellungen erreicht das Bildungsangebot des Nationalparks Bayerischer Wald jährlich bis zu einer Million Menschen. Diese positive Resonanz im regionalen, nationalen wie auch im internationalen Umfeld belegt letztendlich die positive Einstellung und ein Grundinteresse großer Bevölkerungsteile, insbesondere der Jugend, gegenüber Natur und Umwelt. Dieses Interesse zu stärken und zu fördern darf aber nicht alleine die Aufgabe von Schutzgebietsverwaltungen sein. Umweltbildung muss essenzieller Bestandteil aller staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen sein. Denn eines ist klar: Nur die Natur und Umwelt, die wir kennen und verstehen, können wir auch schützen und an die kommenden Generationen weitergeben. Doch von diesem Bildungsauftrag scheinen wir – gesamtgesellschaftlich betrachtet – weiter entfernt zu sein als jemals zuvor.

Dr. Franz Leibl ist seit 2011 Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, der am 7. Oktober 1970 eröffnet wurde und somit der älteste deutsche Nationalpark ist. Der Nationalpark östlich von Regensburg, Deggendorf und Passau an der tschechischen Grenze schützt eine für Mitteleuropa charakteristische, weitgehend bewaldete Mittelgebirgslandschaft mit ihren natürlichen und naturnahen Ökosystemen als nationales Naturerbe für jetzige und künftige Generationen. Die Leitidee des Nationalparks lautet: „Natur Natur sein lassen“.




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