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Meinung der Woche
30. Juni 2014

Netzausbau für Braunkohlestrom – oder für Windstrom?

Der Netzausbau polarisiert. Macht ein weiterer Ausbau der Erneuerbaren Energien auch eine Erweiterung der Stromnetze notwendig – oder kommen die neuen Leitungen dann dem Kohlestrom zugute? Braucht es mehr Dezentralität? Die Deutsche Umwelthilfe hat mit Experten diskutiert.

Dr. Peter Ahmels Leiter des Forums Netzintegration Erneuerbare Energien Deutsche Umwelthilfe

Dr. Peter Ahmels Leiter des Forums Netzintegration Erneuerbare Energien Deutsche Umwelthilfe
Dr. Peter Ahmels ist Leiter des Forums Netzintegration Erneuerbare Energien der Deutschen Umwelthilfe. (Foto: DUH)
Dr. Peter Ahmels ist Leiter des Forums Netzintegration Erneuerbare Energien der Deutschen Umwelthilfe. (Foto: DUH)

30.06.2014 – Um den Netzausbau gibt es großen Streit. Die Anwohner in Franken sprechen sich gegen den Neubau der Gleichstrom-Trasse von Lauchstädt nach Meitingen aus. Sie fürchten, dass damit der Kohlestrom aus der Lausitz nach Bayern importiert werden soll. Die bayerische Landesregierung will dem Bau der Süd-Ost-Verbindung nur zustimmen, wenn dort ausschließlich Windstrom fließt. Ist das realistisch? Die Deutsche Umwelthilfe DUH hat 10 Experten zu einem wissenschaftlichen Austausch nach Berlin eingeladen.

Das Ergebnis der über zweistündigen Diskussion war deutlich: Der bis 2025 prognostizierte Ausbau der Erneuerbaren Energien im Norden und Osten macht den Neubau notwendig. Bei weiter fortschreitender Energiewende steigt die Notwendigkeit für den Bau der Leitung sogar noch, wenn nur Erneuerbare Energien und kein Kohlestrom mehr eingespeist werden. Das hatte Thomas Ackermann von Energynautics in einer Studie für Greenpeace herausgefunden. Er stand damit diametral den Aussagen von Lorenz Jarass gegenüber: Die Braunkohle sei nur gelegentlich abzuregeln, dann wären zwei Gigawatt mehr Leitungskapazität vorhanden, ein Neubau überflüssig.

Yvonne Sassnick vom Netzbetreiber 50 Hertz warf ein, dass bereits heute die Braunkohle bis auf 40 Prozent abgeregelt würde, weil der Windstrom im Netz Vorfahrt habe. Bei weiterem Ausbau der Windenergie reiche die Kapazität der Leitung nicht mehr. Und in Sachsen-Anhalt sinkt die Braunkohleleistung bis 2024 um 100 Megawatt, die Windenergieleistung steigt im gleichen Zeitraum von um fast 2.000 Megawatt.

Christian von Hirschhausen von der TU Berlin sah die Klimaziele der Bundesregierung gefährdet: Real würde die Auslastung der Braunkohle wegen ihres Preisvorteils weiter steigen, mehr CO2 emittiert, und an eine Erfüllung des Ziels sei nicht zu denken. Der Braunkohlestrom müsse begrenzt werden, und ohne Leitung könne er nicht abtransportiert werden.

Als Alternative für den wegfallenden Strom aus Atomkraftwerken schlug Jarass die Inbetriebnahme der bereits in Bayern bestehenden Gaskraftwerke vor, die die Leistung fast ersetzen könnten und damit die Leitung überflüssig machten. Denn die Kosten des Netzausbaus seien bei Alternativszenarien nicht berücksichtigt. Allerdings erklärte Michael Ritzau vom Aachener Büro für Energietechnik BET, dass mit diesem Vorschlag das Windstrom-Transportproblem nicht gelöst sei und wegen des teuren Gasstroms außerdem erhöhte Kosten auf die bayerischen Stromkunden zukämen.

Als Grund für den Ausbau für die Erneuerbaren gab auch Felix Matthes vom Öko-Institut zu bedenken, dass für 2030 ein sehr großer Transportbedarf für 90 Gigawatt Wind- und 85 Gigawatt Solarstrom besteht. Denn leider sei der Ausbau der Windenergie nicht dort möglich, wo die Verbrauchszentren lägen, in Süddeutschland. Und zweitens sei ein Lastmanagement auch nur in Süddeutschland zu machen, dort wo die Last ist, aber da wirkt es sich nicht auf das Transporterfordernis aus.

Die Länderöffnungsklausel hat soeben den Bundestag passiert. Das bedeutet, dass jetzt jedes Bundesland seine eigenen Abstände von Windrädern zur Wohnbebauung festlegen kann. In Bayern kommt dadurch der Ausbau de Facto zum Erliegen, der Transportbedarf steige dadurch weiter. Das Netz müsse auch so robust geplant sein, dass politische Entscheidungen wie der Windkraft-Ausbaustopp „verkraftet“ werden könnten.

Armin Schnettler von der RWTH Aachen ergänzte, dass bereits verschiedene Studien zum Netzausbau vorlägen, die alle in etwa auf den gleichen Netzausbau kamen. Denn so ein komplexes System wie das Höchstspannungsnetz dürfe nie auf eine Leitung reduziert werden, weil sich dann an anderer Stelle Dinge verändern. Eine Leitung nur für eine Stromart sei nicht machbar, da zu verschiedenen Zeiten auch die Zusammensetzung variiere, erläuterte Peter Barth von Amprion.

Es gibt also weder eine reine Braunkohlenleitung noch eine Leitung, durch die nur erneuerbarer Strom fließt. Die Kirchhoffschen Gesetze sprechen dagegen. Bayerns Regierung muss da noch mal genau hinschauen, ob sie die Forderungen einer reinen Windstromleitung aufrechterhalten kann.

Der Link zum „Wissenschaftlichen Austausch zum Korridor D“ vom 26.5.2014 

Dr. Peter Ahmels ist Leiter des Forums Netzintegration Erneuerbare Energien der Deutschen Umwelthilfe.




Kommentare

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Hubertus Grass, DEZ Moderator 30.06.2014, 11:32:38

+101 Gut Antworten

Eine vorbildliche Veranstaltung, die Sie da organisiert haben - meinen Respekt.

 

Wer weiter über die Frage diskutieren will, ob der Trassenbau notwendig ist oder nicht, sollte sich die Zeit nehmen, die Videos der Veransaltung anzuschauen und die zahlreichen Fakten zu wägen.

Dieter Neufeld 15.10.2014, 22:19:57

+111 Gut Antworten

Ab 2020 kommt doch eh die Power2Gas Lösung und dann braucht man doch diese Leitungen nicht mehr? Ausserdem war doch immer die Rede davon, dass man bei dezentraler Energieerzeugung diese ganzen vorhandenen Stromtrassen endlich abbauen kann!


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