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Meinung der Woche
21. März 2016

Ökostrom in der Steckdose statt Photovoltaik auf dem Dach

Es liegt zwar eine gewisse Befriedigung darin, den eigenen Stromzähler rückwärts laufen zu sehen. Mit der Nutzung des selbst produzierten Stroms hat dies allerdings nur in den wenigsten Fällen zu tun.

Klaus DoschWissenschaftlicher Leiter Aachener Stiftung Kathy Beys

Klaus DoschWissenschaftlicher Leiter Aachener Stiftung Kathy Beys
Klaus Dosch ist wissenschaftlicher Leiter der Aachener Stiftung Kathy Beys und setzt sich für eine ganzheitliche Sicht auf die Energie- und Ressourcenwende ein. (Foto: © Klaus Dosch)
Klaus Dosch ist wissenschaftlicher Leiter der Aachener Stiftung Kathy Beys und setzt sich für eine ganzheitliche Sicht auf die Energie- und Ressourcenwende ein. (Foto: © Klaus Dosch)

21.03.2016 – Kürzlich stolperte ich in einer Sauna-Ruhepause im von mir gelesenen Regionalkrimi „Kohlegier“ von Kurt Lehmkuhl über eine energiewendemäßig prächtig aufgestellte Familie. Natürlich bewältigen diese Vorweggeher auch anstehende Mobilitätsherausforderungen rein elektrisch. Damit nicht der im Rheinischen Braunkohlenrevier meist aus der Steckdose strömende Braunkohlenstrom das Auto überaus CO2-intensiv bewegt, kommt selbstverständlich eine Photovoltaikanlage zum Einsatz. „Tagsüber fahren wir elektrisch zu unseren Terminen, nachts stellen wir dann das Auto zum Laden unter die PV-Anlage.“ So, oder so ähnlich wurde da formuliert. Beim Lesen stellten sich mir die Nackenhaare hoch. Kommt da noch was? Nein. Fällt da niemandem was auf? Nein, wieso? Protestiert da kein Lektorat? Nein. Warum das denn? Weil: Die PV-Anlage wird das Auto nicht aufladen. Nachts scheint die Sonne nicht. Eine wahrhaft fundamentale Erkenntnis. Offensichtlich aber nicht für die Verfechter selbstgenutzten Ökostroms. Natürlich liegt eine gewisse Befriedigung darin, den eigenen Stromzähler rückwärts laufen zu sehen und damit die eigenen Stromkosten in Richtung Null zu drücken. Mit der Nutzung des selbst produzierten Stroms hat dies allerdings nur in den wenigsten Fällen zu tun.

Die Sonne scheint am Tag, im Sommer länger (und häufiger) als im Winter. Der Energieverbrauch ist im Winter höher als im Sommer. Daraus folgt zwingend die Notwendigkeit einer langfristigen Stromspeicherung. Selbst ambitionierte und teure Gadgets, wie der Haushaltsspeicher von Tesla helfen da nicht wirklich weiter, weil sie schlicht zu wenig Speicherkapazität haben, um den Strom von der sonnigen, energiereichen Jahreszeit in die dunklere und kältere Zeit des Jahres zu retten. Und von der Produktion der PV-Zellen, der Wechselrichter, die notwendig sind, den Gleichstrom der Zellen in einen haushaltskompatiblen 230 Volt Wechselstrom zu verwandeln, und den Lithium-Ionen-Akkus haben wir noch gar nicht gesprochen. Von den Unmengen an Ressourcen, die in diesem Zusammenhang abgebaut, verarbeitet und um den halben Globus transportiert werden. Von der aufwändigen Herstellung, von der überschaubaren Haltbarkeit der Speicher.

Schaut man sich die gesamte Prozesskette der Gerätschaften an, die notwendig sind, um nur einen 2-Tagesbedarf an Strom – ohne Elektromobilität oder eine elektrisch betriebene Wärmepumpe – vorzuhalten, wird es einem ganz schlecht. Unter dem Strich gibt es da keinen großen Energiegewinn mehr und schon gar keine Strom-Autarkie, obwohl der rückwärts zählende Zähler anderes verspricht. Denn im Augenblick des größten Stromverbrauchs im oben beschriebenen ökologischen Vorbildhaushalt, abends, in der dunklen Jahreszeit, wenn die Familie elektrisch mobilisiert nach Hause kommt und um den erleuchteten Esstisch sitzt, während sie auf den im Ofen schmorenden vegetarischen Auflauf wartet, ja dann fließt ziemlich sicher Braunkohlenstrom aus der Steckdose.

Mein Plädoyer daher: Schließen Sie einen Ökostromtarif ab. Einen guten allerdings. Vielleicht kostet der einen oder zwei Cent mehr, als der Billigstrom vom Vergleichsportal. Der Ökostromanbieter muss aber sicherstellen, dass Ökostrom auch tatsächlich im Netz ist, wenn er gebraucht wird. Natürlich kommen nicht die grün getüpfelten Elektronen aus ihrer Steckdose. Aber wenigstens in das große Stromnetz. Je mehr Ökostrom die Haushalte nachfragen, desto größer wird das Angebot. Desto größer wird die Vielfalt an Ökostromquellen, die eben auch dann fließen, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind einmal nicht weht. Die Vielfalt der genutzten Quellen ermöglicht es den Ökostromanbietern, lastabhängig immer den Strom einzuspeisen, der gerade benötigt wird. Wichtig dabei: Lassen sich nicht veredelten Atomstrom andrehen. Der geht so: Nachts wird Wasser mit billigem Atomstrom den Berg hochgepumpt, um dann tagsüber bergab zu stürzen und sich in einer Turbine in grünen Strom zu verwandeln.

Klaus Dosch ist wissenschaftlicher Leiter der Aachener Stiftung Kathy Beys und setzt sich für eine ganzheitliche Sicht auf die Energie- und Ressourcenwende ein.




Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Siegfried Lemke 21.03.2016, 09:31:15

+364 Gut Antworten

das eine tun und das andere nicht lassen:

man kann beides, Photovoltaik auf dem Dach und Ökostromtarif. tagsüber bezieht man eigenen Strom und ab abends Strom aus geprüften Ökostrom Quellen.

Soso 22.03.2016, 13:57:00

+359 Gut Antworten

Ich stimme mit Ihnen überein, dass die Energiewende nicht auf dem Dach sondern ganz anderswo stattfinden.

Über die Ökostromanbieter kann man allerdings nur lachen:

Strom aus Norwegen oder sonstwo anzubieten ist ein Witz.

Und es wird keine einzige KWh mehr produziert, wenn die einen den "guten"Strom verwenden und die anderen zwangsläufig den "schlechten". Der Ausbau findet mit den Milliardensubventionen aller Stromverbraucher statt und nicht durch die Wahl des Stromanbieters.

Sonnenstromer 23.03.2016, 08:04:56

+346 Gut Antworten

Eine dezentrale Energieversorgung durch viele kleine PV-Anlagen finde ich unverzichtbar und muß dringend weiter ausgebaut werden. Wenn wir nur einen Bruchteil der Dächer nutzen, die geeignet sind, kann ausreichend Strom produziert werden, um die Grundlast abzudecken. Der Jahresertrag meiner PV-Anlage (4,5kWp) ist höher als mein Stromverbrauch im Jahr. Den Strom, den ich dazu kaufen muss, stammt natürlich von Naturstrom.

Zur Stromspeicherung gibt es auch andere Möglichkeiten als über Akkus. Z.B. die Umwandlung in synthetisches Erdgas, das über das vorhandene Erdgasnetz eingespeist werden kann. Und somit komme ich zur weiteren Nutzung. Seit 10 Jahren fahre ich ein Erdgas betriebenes Fahrzeug, das sowohl mit Erdgas, Biogas und sythetischem Erdgas fahren kann. Diesen Ansatz sollte man mal weiterdenken.

Martin Fehringer 28.03.2016, 23:11:22

+360 Gut Antworten

Speicher für den selbst erzeugten Strom gibt es nicht nur von Tesla, sondern von vielen deutschen Anbietern. Diese können in Reihe geschaltet werden, so dass auch grosse Gewerbebetriebe von der Speichertechnik profitieren können.

 

Das Zauberwort heisst Redox! Reverssibel bis zu 10.000 mal und nicht wie Batterien navh 10 Jahren defekt. Wer Informationen dazu haben möchte, kann mich gerne anschreiben!


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