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Meinung der Woche
22. Juli 2019

Think out of the (Blech)box

Unser Mobilitätsverhalten und die Angebote der Autoindustrie werden sich in den kommenden Jahren grundlegend verändern (müssen), nehmen wir die Herausforderung ernst, auch im Verkehrssektor die Treibhausgasemissionen zu senken. Denn seit den 90er Jahren hat sich der Anteil der Emissionen aus dem Verkehr nicht verändert.

Sebastian Stragies, Lobbyist für eine zukunftsfähige Entwicklung

Sebastian Stragies, Lobbyist für eine zukunftsfähige Entwicklung
Sebastian Stragies ist Lobbyist für eine zukunftsfähige Entwicklung und Vorstand bei Berlin 21 e.V. – Netzwerk für nachhaltige Entwicklung in Berlin.
(Foto: privat)

Wir sind alle mehr oder weniger oft unterwegs, ob zu Fuß, mit dem Rad, dem Rollstuhl, dem Rollator, mit Inline-Skates, Skateboards, Rollern, dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), mit dem Taxi, via Car- oder Ridesharing oder mit dem eigenen Pkw.

Mobilität ist ein menschliches Grundbedürfnis.

Der fossil-motorisierte Individualverkehr hat uns zur flexiblen und schnellen Überwindung von längeren Raumdistanzen mittels bodenhaftender Fortbewegungsvehikel einen enormen Gewinn an Bewegungsfreiheit beschert. Im Rahmen der „Auto-Mobilität“ haben wir uns an die jederzeit verfügbare Blechbox mit oft mehr als 100 PS gewöhnt, wundern uns nicht mehr über kilometerlange Lkw-Züge auf den Autobahnen, die alle einen Fahrer in jedem Waggon zu sitzen haben. Wir haben es uns bequem gemacht in unserer gewohnten Welt der fossil-motorisierten Fortbewegung.

Oftmals schalten wir beim Thema Pkw unser Vernunftzentrum im Hirn einfach ab.

Doch diese uns allen so vertraute Welt der Fortbewegung verursacht immense gesellschaftliche Kosten – gesundheitliche, ökologische und wirtschaftliche. Dafür zahlen in der Regel nicht die Verursacher, sondern Dritte oder die Allgemeinheit. Im Jahr 2018 starben in Deutschland 3.275 Menschen bei Unfällen im Straßenverkehr – die Zahl der Verletzten wird von der Zeitschrift Auto, Motor, Sport mit rund 396.000 Personen angegeben.

Es liegt nun nahe, dass diese Art der „auto-mobilen“ Fortbewegung zu einer Art Risikosport zählen müsste und eigentlich von den Betroffenen – in diesem Falle sind diese oft Täter und Opfer gleichermaßen – eine extra Prämie der Krankenkasse fällig wäre. Aber so weit sind wir nicht – noch zahlt der zahme Fußgänger und Radfahrer, dessen Verletzungsrisiko viel höher zu bewerten ist (Zahl der Toten im Jahr 2018: 903), dem verletzten oder halbtoten Auto- oder Motorradfahrer den Krankenhausaufenthalt. Und wir bundesdeutsche Menschen haben Angst bei einem terroristischen Anschlag eines 13-jährigen kopftuchtragenden Mädchens zu Tode zu kommen, aber auf keinen Fall auf der Autobahn beim Pendeln zur Arbeit.

Ja, das ist alles etwas überspitzt und es ist auch nicht pc („politisch korrekt“). Aber es sind diese verzerrten Wahrnehmungen auf unser Distanzüberwindungssystem, die uns davon abhalten, diese ganze große Geschichte der Mobilmachung der Menschheit neu und anders und vor allem weniger selbstzerstörerisch zu denken und zu fühlen.

Wir handeln nicht aktiv und zukunftsfähig, sodass eine Distanzüberwindung von A nach B angstfrei, komfortabel, emissionsfrei, geräuscharm, platzsparend, möglichst effizient und ohne Tote vonstattengehen kann.

In Deutschland verfügen etwa 83 Mio. Einwohner*innen über rund 47 Mio. Pkw, welche sich im Schnitt 1-1,5h pro Tag bewegen.

Man könnte meinen, dass wir den Kapitalismus schon lange hinter uns gelassen haben, wenn sich in einem sogenannten kapitalistischen System ein doch teilweise eher hochpreisiges Produkt einen Grad an Ineffizienz leisten kann, der wohl nur von teuren Kaffeevollautomaten in zwei Mal im Jahr genutzten Penthouse-Wohnungen am Potsdamer Platz in Berlin übertroffen wird.

Mehr und mehr Menschen aber sehen diese und auch andere Zusammenhänge immer klarer und möchten diese Absurditäten nicht länger hinnehmen. Sie denken neu und anders, versuchen Orte zu schaffen, damit der Wandel gesehen und gefühlt und so erfahrbar gemacht werden kann, was es heißt, Mobilität anders und von ihrer ursprünglichen Intention her zu denken – der Überwindung eines Weges von Punkt A nach Punkt B.

Das Land Berlin hat sich auf den Weg gemacht und das Berliner Mobilitätsgesetz – erkämpft von zivilgesellschaftlich engagierten Stadtmenschen – soll nun Schritt für Schritt dazu führen, dass wir Stadtbewohner*innen in der nahen und mittelfristigen Zukunft sicherer, bequemer sowie umwelt- und klimafreundlicher, ja vielleicht sogar klimaneutral, unterwegs sein können.

Die Mobilitätswende vor unserer eigenen Haustür hat begonnen und es liegt an uns allen, ob ein Umsteuern erfolgreich sein wird. Dazu müssen wir alle eigene Gewohnheits- und Denkmuster hinterfragen. Denn vieles, was wir heute als Verkehr kennen, könnte in einigen Jahren ganz anders organisiert werden und der individuelle Besitz eines Autos könnte dort verbleiben, wo er hingehört – in eine fossile Welt des 20. Jahrhunderts!

Sebastian Stragies ist Lobbyist für eine zukunftsfähige Entwicklung und Vorstand bei Berlin 21 e.V. – Netzwerk für nachhaltige Entwicklung in Berlin.




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