Menü öffnen

Meinung der Woche
26. Februar 2018

Verantwortung für Klimaschutz trägt jeder

Der Emissionshandel hat sich in der Vergangenheit als weitestgehend ineffizient für den Klimaschutz erwiesen, Trump hat die Pariser Klimaziele abgesagt, in Deutschland spielte Klimaschutz im Wahlkampf keine Rolle. Von Institutionen und Regierungen gesteuerter Klimaschutz erweist sich als schwierig.

Christine Heybl, Dozentin für Klimaschutz, Vertrieb NATURSTROM AG

Christine Heybl, Dozentin für Klimaschutz, Vertrieb NATURSTROM AG
Christine Heybl engagiert sich seit vielen Jahren für mehr Klimaschutz. (Foto: Privat)
Christine Heybl engagiert sich seit vielen Jahren für mehr Klimaschutz. (Foto: Privat)

26.02.2018 – Brauchen wir also übernationale Institutionen, um weltumgreifende Problemkomplexe wie die Klimaerwärmung zu bezwingen? Das Engagement der Bürger scheint vor allem im Kontext des Klimaproblems, das so stark in unser System eingefressen ist, im All zu verpuffen. Das Gewissen des Einzelnen fühlt sich vor eine Sisyphos-Aufgabe gestellt und scheint daran zu verzweifeln. Wen trifft daher welche Verantwortung?

Unterschiedliche zeitgenössische Philosophen haben sich über diese Fragestellung Gedanken gemacht, und im Prinzip reichen die philosophischen Gedanken über eine gerechte verantwortungsvolle Nutzung von Gemeinschaftsgütern noch viel weiter zurück. Schon Immanuel Kant hat darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Raum auf der Erde um ein Gemeinschaftsgut handelt, bei dem wir auf eine gerechte Verteilung bedacht sein müssen. Stephen Gardiner und Dale Jamieson haben sich mit dem Fokus auf das Klimaproblem mit dieser tragedy of the commons – der Tragödie von Gemeinschaftsgütern – beschäftigt. Die Tragödie besteht darin, dass für frei verfügbare, meist natürliche und normalerweise überlebenswichtige Güter wie bspw. Luft und die gesamte Atmosphäre keine Restriktionen oder Ordnungsmechanismen bestehen.

Diese Ressourcen müssen soweit geschützt werden, dass sie uns und kommenden Generationen weiterhin in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. In einer Gemeinschaft macht es Sinn, ein solches Gut für den eigenen Vorteil auszunutzen, weil der alleinige kleine Beitrag keine große Auswirkung zu haben scheint. Ein richtiger Schutzeffekt würde nur eintreten, wenn tatsächlich (fast) alle Beteiligten mitwirken würden. Hierin liegt die „Tragödie“ – Gemeinschaftsgüter ohne kollektiv festgelegte Restriktionen, die kaum sichtbar sind, verführen den Einzeltäter zum ausnutzen/ übernutzen/ ausbeuten. Wen trifft daher bei der Nutzung unserer Atmosphäre als CO2-Ablageplatz die prinzipale Verantwortung? Wie könnten wir dieses Allgemeingut am besten schützen? Ist es die Verantwortung eines jeden Individuums? Internationale Institutionen würden Sinn machen, da Verschmutzungen unserer Atmosphäre durch klimaschädliche Gase nicht vor Ländergrenzen haltmachen, sondern sich gleichmäßig überall verteilen, so dass Klimagase, die an einem Ort entstehen, auch einen beträchtlichen Schaden ganz woanders auslösen können.

Internationale Institutionen würden Sinn machen, weil klimaschützende Maßnahmen nur kollektiv genügend Schlagkraft haben und auch nur so alle Verantwortlichen in einem gerechten Maße zur Rechenschaft gezogen werden können.

Wissen verpflichtet

Gleichzeitig wissen wir, wieviel Schlagkraft aber auch die Taten von Millionen von Individuen, Kampagnen von Organisationen wie NGO’s oder mittelständischen Unternehmen haben können. Dazu kommt, dass wir als Individuen oft schon viel besser wissen wie wir klimafreundlich handeln im Gegensatz zu dem, was uns die Politik und die Gesellschaft vorgeben. Nach dem US-amerikanischen Professor für Umweltwissenschaften, Philosophie und Rechtswissenschaften Dale Jamieson fächert sich unsere individuelle Verantwortung auf alle Bereiche unseres Lebens auf und dringt in jede Facette unseres Daseins, was er in seinem Werk Adaption, Mitigation, and Justice beschreibt: ”(…) we have strenous duties to address the problem of climate change, and they attach to us in our various roles and relationships.“.

Individuelle Beiträge scheinen einen verschwindend geringen Einfluss zu haben. Aber wir müssen uns klarmachen, dass wir schon allein als Konsumenten in unterschiedlichsten Bereichen unseres Lebens – wo es uns zum Teil überhaupt nicht klar ist – Einfluss ausüben können. Natürlich wo es am offensichtlichsten ist: was die Wahl der Lebensmittel angeht, welches Transportmittel ich wähle, wo ich meine Kleidung kaufe. Aber auch wo ich mein Geld verwalten lasse, ob und wie ich mich politisch engagiere, ob und wie ich über Nachhaltigkeit/ Ökologie/ Umwelt- und Klimaschutz kommuniziere, welches Wissen oder Fähigkeiten ich mir aneigne.

Unsere Kompetenzen und unser Wissen statten uns mit Fähigkeiten aus und verpflichten uns gleichzeitig. Je größer z.B. unser Wissen um die Umweltprobleme und deren Lösungsansätze ist, desto weniger können wir uns hinter Nicht-Wissen verstecken. Je nachdem, welche Einflussmöglichkeiten uns unser Beruf oder unsere Tätigkeiten im Alltag bieten, desto größer ist die Verantwortung, diesen Einfluss auch nutzbringend (für Umwelt und Klima) einzusetzen.

Das Individuum hat große Einflussmöglichkeiten

Und nein – wir sollten es nicht überstaatlichen Institutionen überlassen, die Klimaerwärmung zu bekämpfen. Dies hat schon die vergangenen Jahrzehnte nicht viele fruchtbare Ergebnisse hervorgebracht. Und dies, obwohl wir seit dem 1. IPCC-Bericht 1990 wissen, wie welches Industrieland in welchem Ausmaß zum Klimawandel beigetragen hat. Leider haben sich auch überstaatliche Maßnahmen wie z.B. der europäische Emissionshandel aufgrund von diversen Schlupflöchern und Betrugsmöglichkeiten nicht als nutzbringend erwiesen.

Mehr Macht, mehr Pflicht

Die Gleichung für das Individuum ist einfach: Je größer die Macht, desto größer die Verantwortung. Menschen mit Multiplikatoren-Wirkung wie z.B. Professoren, Lehrer, Lobbyisten trifft hier bei der Verbreitung ihres Wissens eine besondere Rolle. Städteplaner haben einen bedeutenden Einfluss darauf, ob und wie Städte in Zukunft klimafreundlich gestaltet werden, usw.

Was Jede/ Jeder tun kann ist – die persönlichen Voreinstellungen ändern. Ökostrom beziehen, den Weg zum Bioladen zur Gewohnheit werden lassen, eine nachhaltige Bank wählen, alle Wege bei denen es möglich ist, mit dem Fahrrad zurücklegen, das richtige Transportmittel im Urlaub wählen, sprich: Die Konsumeigenschaften grundlegend auf klimafreundlich einstellen.

Zusätzlich kann/ sollte/ muss Jede/ Jeder seinen spezifischen Einfluss abscannen und dahingehend agieren. Das heißt, seine Multiplikatoren-Wirkung entfalten, wenn es angemessen ist, d.h. aufklären, ohne anstrengend missionarisch zu wirken. Die eigene Gestaltungsmacht in Form von z.B. ökologischer statt konventioneller Landwirtschaft, der Dämmung von Gebäuden, dem Ausbau von Solarzellen, des örtlichen Nahverkehrs usw. zu nutzen, Partizipationsmöglichkeiten auszukundschaften und dabei mitzumischen, etwa in lokalen Gartenprojekten oder Klimainitiativen. Optionen gibt es viele – was zu wem passt, lässt sich am besten an den eigenen Tätigkeiten ablesen.

Christine Heybl hat ihre Studienabschlussarbeit zum Thema „Klimagerechtigkeit“ geschrieben. Sie organisiert Symposien zu alternativen Wirtschaftssystemen und unterrichtet in einem Seminar über Klimaakteure an der Leuphana Universität. Für die NATURSTROM AG engagiert sie sich im Vertriebsteam.




Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben


Name: *
E-Mail: *
(wird nicht veröffentlicht)
Nicht ausfüllen!


Kommentar: *

(wird nicht veröffentlicht)
max 2.000 Zeichen



energiezukunft