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Meinung der Woche
16. Februar 2015

Wachsen lassen!

Die industrielle Erzeugung, Verteilung und Konsumption von Nahrung, die sich im 20. Jahrhundert in den Industrieländern herausgebildet haben, bilden ein System des Zuviel: Wir produzieren zu viel und werfen zu viel weg, essen, was uns nicht gut tut und verbrauchen ein Zuviel an Ressourcen. Ein System, das nach Alternativen sucht.

Veronica VenezianoMitgründerin Food Assembly Deutschland

Veronica VenezianoMitgründerin Food Assembly Deutschland
international für Slow Food tätig und gehört seit Herbst 2014 dem Gründerteam von Food Assembly Deutschland an. (Bild: Veronica Veneziano)
Veronica Veneziano war mehrere Jahre international für Slow Food tätig und gehört seit Herbst 2014 dem Gründerteam von Food Assembly Deutschland an. (Bild: Veronica Veneziano)

16.02.2015Die Erkenntnis, dass „Ernährung“ ein System der Daseinsfürsorge ist, vergleichbar den Systemen der Mobilität, der Energie, der Kommunikation oder des Wohnens, hat sich hierzulande noch nicht herumgesprochen. Essen und Trinken werden in der Regel als rein private Angelegenheit gesehen und sind selten Gegenstand der Planung oder der Politik.

Insofern verwundert es nicht, dass Menschen nach Auswegen im individuellen Handeln streben. Der sicherlich spektakulärste Ausdruck ist die wachsende Ablehnung tierischer Produkte. Umfragen zufolge ist die Abkehr vom Fleisch nicht zuletzt durch die Klimafolgen der Massentierhaltung motiviert. Bedenkt man, welch hohe symbolische Bedeutung der Fleischverzehr über Jahrtausende in unserer Kultur hatte, lässt sich der Wandel erahnen, mit dem wir es zu tun haben.

Hinzu kommt: Trotz der nachweisbaren Umwelt- und Klimavorteile des Öko-Landbaus hat die ökologische Lebensmittelwirtschaft, über lange Jahre Hoffnungsträger, offensichtlich an Ausstrahlung eingebüßt. „Bio“ ist in der Wahrnehmung vieler, nicht nur der Jüngeren, kaum mehr ein hinreichendes Paradigma, das Orientierung bietet. Hört man genauer hin, dann scheint es gar, dass mehr und mehr Menschen die in den Läden und Supermärkten verfügbaren Nahrungsangebote als Angriff auf ihre körperliche Unversehrtheit erleben – ein historisch nie dagewesenes Phänomen.

Vor diesem Hintergrund hat im vergangenen Jahr der Publizist Mathias Greffrath in der „taz“ die Ansicht vertreten, die aktuell wachsende Bewegung für gute Lebensmittel und eine andere Agrarpolitik könne über kurz oder lang die Dynamik der einstigen Anti-AKW-Bewegung entwickeln. Unterhalb einer nicht vorhandenen, öffentlichen „Politik des Essens“ (wie sie der Hamburger Philosoph Harald Lemke einfordert) und über die Sorge um das Selbst hinaus entwickeln sich zugleich alternative Strukturen.

Bekanntestes Beispiel sind die urbanen Gärten. Den neuen Ackerbürgern geht es um soziales und interkulturelles Miteinander, zugleich aber auch um menschenfreundliche, zukunftsfähige Städte, um Biodiversität, Umweltgerechtigkeit und Ernährungssouveränität. „Die Ernährungswende beginnt in der Stadt“, betitelt der Dortmunder Stadtplaner Philipp Stierand sein im letzten Jahr erschienenes Buch. Die Rückkopplung der Lebensmittelproduktion an die Kommune, so der Autor, stellt eine noch weitgehend ungenutzte Ressource für eine nachhaltige Stadtentwicklung dar. Deutschland steht hier noch ganz am Anfang, wie der Blick nach Großbritannien, in die USA und Kanada zeigt. Dort haben sich vielerorts lokale Food Councils entwickelt, Ernährungsräte oder -parlamente, die mit kommunaler Ernährungspolitik zahlreiche Stakeholder mobilisieren.

Inzwischen wird immer deutlicher, dass eine ernährungsproduktive Stadt in Zukunft auch einen beachtenswerten Beitrag zur lokalen Versorgung wird leisten können. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat jüngst unter dem Titel „Die Produktion kehrt in die Stadt zurück“ hierzu ein Symposium abgehalten. Stichworte: Gebäudeintegriertes Farming, stadtnahe und solidarische Landwirtschaft.

Zurzeit erlebt die noch junge solidarische Landwirtschaft in Deutschland einen Ansturm interessierter Städterinnen und Städter, die sich auf lange Wartelisten setzen lassen, um Mitglied in einem der entsprechenden Vereine zu werden. Rund 75 bäuerliche Betriebe arbeiten hierzulande nach diesem Modell. In Frankreich geht die Zahl bereits in die Tausende. Die Vorfinanzierung der Produktion ermöglicht bäuerlichen Erzeugern ein auskömmliches und sinnvolles Wirtschaften jenseits der ruinösen Preisdrückerei der Handelsketten und schafft zugleich lokale Gemeinschaften verantwortungsbewusster, aktiver Ko-Produzenten.

Im wirtschaftlichen Volumen größer sind Konzepte wie die Regionalwert AG und andere Bürgeraktiengesellschaften, die es in Freiburg, Hamburg, Frankfurt am Main, München und anderswo gibt. Hier investieren Menschen, zumeist Städter, in ein alternatives Wachstum der Land- und Lebensmittelwirtschaft in ihrer Region. Zahlreiche Studien belegen, dass Regionalität bei Lebensmitteln in breiten Bevölkerungskreisen große Wertschätzung genießt. „Ökotest“ hat jedoch unlängst die Absurdität vieler angeblich „regionaler“ Produkte offengelegt – bis hin zu Missbrauch und Verbrauchertäuschung. Tatsächlich ist „regional“ eine widersprüchliche Angelegenheit. Wo hört die Region auf? Was ist mit Rohstoffen, die nicht in der Region wachsen? Heißt regional immer gleich nachhaltig?

Die Idee der Regionalität macht dennoch Sinn: Regionalität bietet Chancen für Transparenz. Nachvollziehbarkeit und Plausibilität kommen ohne räumliche Nähe zwischen Herstellung und Verbrauch kaum aus. Das Geld verschwindet nicht in globalen Märkten, sondern kann vor Ort sinnvolle wirtschaftliche Strukturen erhalten oder fördern. Nahräumlichkeit sensibilisiert für die sozialen und ökologischen Folgen der Lebensmittelproduktion. Alle genannten Projekte und Trends haben eines gemeinsam: größtmögliche Nähe zum Produkt und zu den Erzeugern. Zu erfahren, wo die täglichen Lebensmittel hergestellt werden, wer sie produziert, wie und zu welchen Bedingungen, vielleicht sogar die Bäuerin oder den Bäcker persönlich zu kennen, das ist ein starkes Motiv. Aspekte der Selbstorganisation, Gemeinwohlorientierung und Nachhaltigkeit spielen dabei eine große Rolle. Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Projekte mag noch gering sein. Aber die Alternativen sind vielfältig, praktikabel und täglich erreichbar. Sie machen im Hier und Jetzt erfahrbar, dass eine andere Zukunft des Ernährungssystems möglich ist.

Veronica Veneziano war mehrere Jahre international für Slow Food tätig und gehört seit Herbst 2014 dem Gründerteam von Food Assembly Deutschland an. Das Startup verbindet die Online-Direktvermarktung regionaler Lebensmittel mit der Initiierung lokaler Bauernmärkte, auf denen sich Erzeuger und Kunden begegnen. Die Idee kommt aus Frankreich, wo es bereits über 700 Einkaufsgemeinschaften mit über 100.000 Mitgliedern gibt. Weitere Informationen: www.foodassembly.de




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