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Meinung der Woche
29. Oktober 2018

Warum Nachhaltigkeit nicht ohne Digitalisierung geht – und umgekehrt

Wir brauchen digitale Technologien für die Energiewende. Doch wir sollten lieber genau hinschauen: Ökologische und soziale Nachhaltigkeit sowie Datenschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Auf der Konferenz „Bits & Bäume“ in Berlin werden Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit gesucht.

Hendrik Zimmermann, Referent für Energiewendeforschung und Digitale Transformation, Germanwatch

Hendrik Zimmermann, Referent für Energiewendeforschung und Digitale Transformation, Germanwatch
Hendrik Zimmermann ist Referent für Energiewendeforschung und Digitale Transformation bei Germanwatch
Foto: Germanwatch

29.10.2018 – Vor wenigen Wochen hat der Weltklimarat IPCC einen Sonderbericht zur globalen Erderwärmung vorgelegt. Es wird deutlich: Es ist noch immer möglich, die Erhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Der IPCC lässt keinen Zweifel daran, dass dies dringend notwendig ist, denn oberhalb dieser Schwelle wachsen die Risiken für die Auslösung sogenannter Kipppunkte rapide. Kipppunkte sind nicht mehr beherrschbare Prozesse, von denen viele – einmal in Gang gesetzt – eine sich selbst beschleunigende Überhitzung des Planeten zur Folge haben können. Wenn wir es schaffen, die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten, wären überdies mehrere Hundert Millionen Menschen weniger von extremer Armut betroffen. Doch wie kann das gelingen? In den kommenden gut 30 Jahren müssen wir die weltweiten Emissionen auf „netto null“ senken, so der IPCC – also auf das Maß an jährlichen Emissionen, die der Atmosphäre pro Jahr auch wieder entzogen werden.

Megathema Digitalisierung

Ohne digitale Technologien werden wir die notwendige Strom-, Verkehrs-, Wärme- und Industriewende nicht schaffen.Damit ist klar: Wir müssen alle Kräfte im Klimaschutz bündeln. Und ein Megathema kann hierbei Fluch oder Segen sein: die Digitalisierung. Ohne digitale Technologien werden wir die notwendige Strom-, Verkehrs-, Wärme- und Industriewende nicht schaffen. Da der Wind nicht immer weht und die Sonne nicht immer scheint, muss der erneuerbar erzeugte Strom nicht nur über weite Distanzen transportiert und lokal gespeichert werden. Industrie und Haushalte müssen ihren Verbrauch auch flexibler an Wind und Sonne anpassen. Erneuerbarer Strom muss zudem zur Grundlage von Mobilität, Wärme und Gas werden.

Ein System, das all diese Anforderungen erfüllt, ist komplex. Es ist schlicht nicht vorstellbar, wie die 1,5-Grad-Grenze ohne digitale Technologien eingehalten werden soll. Denn Daten über die Erzeugung von erneuerbarem Strom, über seinen Transport, seine Speicherung, den Strombedarf und insbesondere auch die Kopplung mit Verkehr und Wärme müssen schnell erfasst und verarbeitet werden. Nur so können die Emissionen bis 2050 auf netto null gesenkt werden und kann gleichzeitig das System effizient und stabil funktionieren. Vernetzte emissionsfreie Mobilitätsangebote sind nur ein weiteres Beispiel für die Chancen, die die Digitalisierung für den Klimaschutz bietet.

Energiesysteme sind kritische Infrastrukturen

Es sollten nur diejenigen Akteure Zugang zu unseren Daten erhalten, die sie zum Gelingen der Energiewende tatsächlich benötigen.Und doch sollten wir uns vor einem Techno-Utopismus hüten: Bei Energiesystemen geht es um kritische Infrastrukturen. Datensicherheit ist hier entscheidend, um beispielsweise mögliche terroristische Gefahren abzuwehren. Wirtschaftliche Abhängigkeiten von bestimmten IT-Systemen sind zu vermeiden. Und nicht zuletzt wollen wir BürgerInnen, dass unsere Privatsphäre geschützt bleibt: Es sollten nur diejenigen Akteure Zugang zu unseren Daten erhalten, die sie zum Gelingen der Energiewende tatsächlich benötigen – und sie sollten die Daten auch nur zu diesem Zweck verwenden dürfen.

Auch durch die ökologische Brille betrachtet sind noch Fragen zu klären: Führt die Digitalisierung nicht durch die digitalen Technologien selbst oder durch Rebound-Effekte auch zu mehr Stromverbrauch? Und Ressourcen wie Lithium und Seltene Erden sollten nur unter Achtung der Menschenrechte und umweltschonend beschafft werden. Die Suche nach ressourcenärmeren Alternativen muss weiter vorangetrieben werden.

Die soziale Frage mitdenken

Wer eine nachhaltige Zukunft anstrebt, muss nicht zuletzt immer auch soziale Fragen stellen: Es sollten auch Privatpersonen – und nicht nur Unternehmen – von digitalen, flexiblen und auf erneuerbaren Energien basierten Energiesystemen profitieren. Geeignete Instrumente, die es auch Mieterinnen und Mietern ermöglichen, mit ihrer Flexibilität Geld zu verdienen, müssen entwickelt werden. Und es sollte vermieden werden, dass die Kosten für das Stromnetz nur noch auf diejenigen Verbraucher umgelegt werden, die es sich nicht leisten können, mithilfe digitaler Technologien eine autarke Versorgung für sich sicherzustellen. Gerade bei digitalen Geschäftsmodellen drohen häufig Machtasymmetrien und Monopole. Die Politik muss hier frühzeitig gegensteuern und einem schöpferischen Wettbewerb um die besten Ideen Raum geben.

Es wird immer augenfälliger: Wer Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht zusammendenkt, der hat die wichtigen Herausforderungen unserer Zeit nicht erkannt. Soziale und ökologische Nachhaltigkeit sowie Datenschutzaspekte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Einhaltung der Grenzen des Planeten darf nicht auf Kosten von Demokratie und persönlicher Freiheit gehen. Die Digitalisierung bietet große Chancen und Risiken für den Klima- und Ressourcenschutz.

Bits & Bäume

Am 17. und 18. November findet in Berlin eine Konferenz statt, die sich diesen großen Fragen widmet: Die „Bits & Bäume“-Konferenz, organisiert von zehn zivilgesellschaftlichen Organisationen aus der Tech- und Nachhaltigkeitsszene. Auf fünf Bühnen und in neun Workshopräumen wird an zwei Tagen über weit mehr als die Chancen und Risiken der Digitalisierung für den Klimaschutz diskutiert: Es geht um nicht weniger als die Frage nach einer demokratischen und nachhaltigen Zukunft auf diesem Planeten.

Informationen und Tickets: www.bits-und-baeume.org

Hendrik Zimmermann ist Referent für Energiewendeforschung und Digitale Transformation bei der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.




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