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Meinung der Woche
27. Mai 2019

Wie die energetische Sanierung im Klimadiskurs ignoriert wird

Endlich diskutieren wir Maßnahmen gegen die Klimakrise wie CO2-Preis oder City-Maut. Ein echter Klassiker, der dabei gern ignoriert wird, ist die Sanierung von Häusern und Gebäuden. Dabei bieten Fenstertausch, Dämmung und Co. enormes Potential um viel Energie einzusparen.

Andre Reinermann, Projektleiter energieheld

Andre Reinermann, Projektleiter energieheld
Andre Reinermann
Foto: © Energieheld GmbH

Rund ein Drittel des gesamten CO2-Ausstoßes in Deutschland stammen aus dem Energieverbrauch von Häusern und Gebäuden. Das Heizen, Kühlen und die Warmwasseraufbereitung im Gebäudesektor verbrauchen 35 Prozent der Endenergie und sind entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel. Die energetische Sanierung von Gebäuden wird seit Jahren als zentraler Bestandteil der Energiewende gepriesen und genauso lange ignoriert. Eine ernsthafte Energiewende muss die energetische Sanierung endlich fördern und nicht den Einbau fossiler Heiztechnik weiter subventionieren.

Dabei wünschen sich die Bundesbürgerinnen und -bürger, dass ihre Häuser und Wohnungen möglichst wenig Energie verschwenden. Laut einer Ipsos-Umfrage im Auftrag der European Climate Foundation sind die Deutschen motiviert, über eine Gebäudesanierung langfristig Geld zu sparen und in einer gesunden Umgebung zu leben. Von der Umsetzung halten sie vor allem die Sorgen um hohe Kosten oder eine Mieterhöhung ab. Die Notwendigkeit haben hingegen alle Befragten erkannt. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt veranschaulichte die Durchschlagskraft von Sanierungsmaßnahmen ziemlich deutlich: Bei einem Experiment stellte man 200-Kilo-Eisblöcke in zwei Modellhäusern, eines gut und das andere schlecht gedämmt. Nach rund drei Woche waren im gedämmten Haus noch 125 Kilo, im ungedämmten 17 Kilo Eis übrig.

Expertinnen und Experten sind sich einig, dass die staatliche Förderung der energetischen Sanierungsmaßnahmen ein einfacher und effektiver Weg ist, die CO2-Emmissionen im Gebäudesektor zu senken. Die Maßnahme wird seit 2011 zwischen Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat diskutiert. Doch in den kürzlich im Bundeskabinett verabschiedeten Eckwerten für den Bundeshaushalt 2020 wurde das Instrument, das mit dem Koalitionsvertrag in Aussicht gestellt wurde, zum wiederholten Male nicht berücksichtigt. Deshalb übergab die Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz der Umweltministerin im April einen offenen Brief, der endlich wirksame Steueranreize für Gebäudesanierung fordert. Unterzeichnet hatten neben Umweltverbänden auch Wirtschaftsorganisationen wie der Bundesverband mittelständische Wirtschaft.

Vielversprechende Anreize für die Energiewende im Gebäudebereich wie eine CO2-Bepreisung oder höhere Effizienz-Standards geht diese Regierungskoalition nicht an. Statt zukunftsfeste Vorgaben zu entwickeln, will die Bundesregierung an veralteten Standards festhalten. Damit nicht genug: Sie riskiert ein EU-Vertragsverletzungsverfahren, weil sie sich bis heute weigert, einen EU-konformen Niedrigstenergiestandard für Neubauten zu definieren und nach Brüssel zu melden. Bis Ende 2019 muss die Regierung die europäische Richtlinie zur Gebäudeenergie umsetzen, passiert ist bislang wenig.

Zu Beginn des Jahres 2018 sollte eigentlich das überarbeitete Gebäudeenergiegesetz (GEG) endlich in Kraft treten, aber die Entwicklung stagniert. Der Gesetzesentwurf von Bundesumweltministerin Svenja Schulze wurde vom Wirtschaftsflügel des Koalitionspartners CDU/CSU abgeschmettert, seitdem hängt das GEG zwischen dem Umwelt- und Wirtschaftsministerium fest. Dabei arbeitet die GroKo bereits seit 2017 am neuen GEG, das die drei bestehenden Regelwerke zu Neubauten zusammenführen und strengere Niedrigstenergiestandards einführen soll. Wie bei den meisten klimapolitischen Maßnahmen der Bundesregierung, verläuft auch diese ins Leere.

Die Bundesregierung sollte noch in diesem Jahr ein GEG verabschieden, das den Stand der Technik bei Neubau und Sanierung widerspiegelt: Neue Gebäude dürften künftig nur noch in klimafreundlicher Weise errichtet werden, Sanierungen von Bestandsgebäuden müssen die Energiestandards erfüllen, die heute für Neubauten gelten. Dabei sollte das Gesetz regeln, dass auch für solche verpflichtenden Sanierungen im vollen Umfang Förderungen in Anspruch genommen werden können. Außerdem ist dringend notwendig, dass steuerliche Abschreibung und Zuschüsse für energetische Gebäudesanierung jetzt endlich kommen. Ab 2020 sollte energetische Sanierungen steuerlich über Gutschriften auf die Steuerschuld gefördert werden. Besonders hochwertige Sanierungen können dabei auch zusätzlich unterstützt werden. Um die Mieter nicht zu belasten, könnte die Förderquote für die energetische Sanierung im sozialen Wohnungsbau um 50 Prozent erhöht werden, da diese Kosten nicht auf die Miete umgelegt werden dürfen.

Letztlich geht es darum, ob Klimaschutz zur Priorität wird oder nicht. Richtig geförderte Gebäudesanierung ist Innovationstreiber, ökonomisch sinnvoll und ökologisch alternativlos. Eine Bundesregierung, die lieber alte Ölheizungen mit Steuermitteln unterstützt als CO2-neutralen Wohnraum, wird ihrer Aufgabe nicht gerecht und lässt die nächsten Generationen für ihr Fehlverhalten büßen.

Andre Reinermann ist Projektleiter bei energieheld, Deutschlands größtem Portal zur energetischen Gebäudesanierung.




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