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Meinung der Woche
16. September 2019

Wohnqualität braucht keine teure Technik

Weniger ist mehr – der Weg zu günstigem Wohnen bedeutet vor allem Technikverzicht. Klimagerecht geplante und energetisch hochwertig gebaute Häuser kommen auch ohne eine komplexe Gebäudeautomatisation aus.

Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld, Experte für energetisches Wohnen in der Zukunft

Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld, Experte für energetisches Wohnen in der Zukunft
Portrait von Prof. Ing. Timo Leukefeld
Foto: Michael Bader / CC BY-SA 3.0

16.09.2019 – Wer heute Häuser baut, liefert den künftigen Bewohnern mehr als ein Dach über dem Kopf. Tatsächlich sind Wohnhäuser mittlerweile regelrechte Technikzentren, die für Komfort und Klimaschutz gleichermaßen sorgen sollen. Im Neubau dominiert dabei die Wärmetechnik: In Einfamilienhäusern sorgen Wärmepumpe, Fußbodenheizung, Heizkreisverteilungen, Pumpen, Regler, die mit Wettervorhersage arbeiten, Warmwasserboiler und Warmwasserzirkulation für teuren Komfort. Diese Technik schlägt beim Bau mit etwa 30.000 bis 35.000 Euro Kosten zu Buche, die Energiekosten für Heizung und Warmwasser liegen im Betrieb später bei ungefähr 700 Euro jährlich. Tendenz: stark sinkend.

Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis mehr. Vom Keller bis zum Dachboden ist Technik der Taktgeber unseres Wohnalltags geworden – ob wir sie wirklich brauchen oder nicht. Die immer besser gedämmten Gebäudehüllen beim Neubau bei immer milderen Wintern führen nämlich dazu, dass kontinuierlich weniger Heizwärme benötigt wird. Das Heizen verliert beim Wohnen an Bedeutung, das Kühlen hingegen wird wichtiger. Doch eine Kilowattstunde zur Kälteerzeugung ist drei Mal teurer als zur Wärmeerzeugung. Die hochgedämmten Gebäude benötigen zudem kontrollierte Be- und Entlüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung. Hinzu kommt eine komplexe Gebäudeautomatisation, die durch smartes Wohnen weiter fortschreitet. Doch diese Technik ist nicht nur komfortabel, sondern auch kostenintensiv. Die dritte Miete für Kosten und Instandhaltung der Technik zeichnet sich deutlich am Horizont ab.

Die Kosten für die dritte Miete übersteigen die eingesparten Energiekosten

Fakt ist: Bereits die erste Miete, bekannt als Kaltmiete, ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Bereits heute lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Bis 2050 werden es voraussichtlich zwei Drittel sein. Schon jetzt können viele Städte den Bedarf an kostengünstigem Wohnen nicht mehr decken. Auch die zweite Miete, hinter der sich unter anderem die Energiekosten verbergen, steigt. Sie hängt von der Entwicklung der Strom-, Gas- und Ölpreise ab. Angesichts teils schwindender Ressourcen ist hier ein weiterer Anstieg der Kosten zu erwarten.

Oberstes Ziel der Gesetzgebung ist daher, den Energiebedarf der Haushalte zu minimieren. Die Energieeinsparverordnung und das regenerative Wärmegesetz sollen dabei helfen. Wir stopfen die Häuser heute voll mit Technik, um den Energieverbrauch und damit die Betriebskosten zu senken. Doch mit den verschiedenen anwendbaren Verfahren hält weitere Technik Einzug ins Gebäude – und damit kommt die dritte Miete ins Spiel: die Kosten für Wartung und Instandhaltung dieser Technik. Die Kosten für die dritte Miete werden künftig die eingesparten Energiekosten bei weitem übertreffen. Es kommt zu einem starken Rebound-Effekt.

Einfachere, solidere und weniger Technik

Die Gebäudetechnik ist heute einer der größten Kostentreiber beim Neubau. Der stark zunehmende Handwerkermangel und mangelnde Innovation bei den einzelnen Gewerken verschärfen die Situation für Hausbesitzer noch, wenn es um Wartung und Instandhaltung geht. Gleichzeitig ist die Haustechnik immer weniger langlebig. Die Sollbruchstellen in den technischen Systemen nehmen zu. Das steigert die Kosten für Reparatur und Erneuerung. Aus In der Enttechnisierung liegt der Schlüssel zu günstigem Wohnraumdieser Entwicklung ergibt sich eine klare Handlungsanweisung: Wir brauchen beim Bauen einfachere, solidere und weniger Technik. Bezahlbares Wohnen erfordert künftig weniger Technik. Mit anderen Worten: In der Enttechnisierung liegt der Schlüssel zu günstigem Wohnraum. Als Ingenieur und Handwerker habe ich selbst viel Technik im Hausbau geplant und eingebaut. Doch für mich gehört disruptives Denken ebenso zum Handwerk: Mit der Entwicklung energieautarker Gebäude und neuen Geschäftsmodellen zur Nutzung dieser Gebäude habe ich bereits Pionierarbeit auf dem Sektor der Wohnungswirtschaft geleistet. So lässt mein Energiekonzept es auch bei Mehrfamilienhäusern zu, Pauschalmieten inklusive einer Energie-Flatrate zu kalkulieren. Für Mieter bedeutet das eine Miete, die ihnen über einen Zeitraum von zehn Jahren zum Fixpreis Wohnen, Wärme, Strom und E-Mobilität garantiert.

In manchen Ohren mag meine Forderung nach weniger und einfacherer Technik anachronistisch klingen, doch tatsächlich sehe ich darin Zukunftsfähigkeit fürs Bauen und Wohnen. Deshalb forsche ich derzeit am „enttechnisierten“ Haus und gehe davon aus, dass bereits im kommenden Jahr ein weitgehend enttechnisiertes Mehrfamilienhaus reif für Es ist Zeit zur Zäsurden Markt ist. Mit mehr als 50 Prozent Energieautarkie wird es dann nicht nur kostengünstiges Wohnen mit Pauschalmiete und Energieflat bieten, sondern auch wartungsfrei sein. Die Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt fordern unsere Flexibilität als Planer und Konstrukteure. Wir müssen den Mut haben, neu zu denken. Disruption heißt die Unterbrechung des Gewohnten und Neuausrichtung. Wir müssen uns trauen, vielbeschworene Techniken in Frage zu stellen. Manchmal ist weniger mehr – zum Beispiel beim Erschaffen bezahlbaren und dennoch klimafreundlichen Wohnraums. Es ist Zeit zur Zäsur.

Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld, Jahrgang 1969, lehrt an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg und an der Berufsakademie Sachsen, Staatliche Studienakademie Glauchau das Thema vernetzte energieautarke Gebäude. Leukefeld wird von der Bundesregierung Energiebotschafter genannt und agiert als Mittler zwischen Forschung, Entwicklung und dem ausführenden Handwerk. In Freiberg, Sachsen, baute er zwei energieautarke Häuser, in denen er wohnt und arbeitet. Seine Häuser sind unabhängig und versorgen sich weitestgehend selbst mit Wärme, Strom und E-Mobilität aus der Sonne. Inzwischen werden sie sogar als Mehrfamilienhäuser gebaut.

Mehr Informationen unter  www.timoleukefeld.de  und www.autarkie.team

 




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