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Meinung der Woche
19. Dezember 2016

Zwischen Grassrootbewegung und Großtechnologie

Unsere Welt ist durch die Globalisierung nicht nur größer geworden, auch kleinteiliger. Große Technologie hat genauso ihren Platz gefunden wie die Arbeit im kleinen, mit dem einzelnen - Eine Grassrootbewegung der Energiewende und des Klimaschutz ist gefragt.

Prof. Dr. Hans-Peter PiorrHNE Eberswalde

Prof. Dr. Hans-Peter PiorrHNE Eberswalde
Prof. Dr. Piorr ist an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE) im Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz für Ökolandbau und Energiethemen zuständig.
Prof. Dr. Piorr ist an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE) im Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz für Ökolandbau und Energiethemen zuständig.

19.12.2016 – Unsere Welt ist durch die Globalisierung nicht nur größer geworden. Neben die Erkenntnis der wachsenden Vernetzung und Abhängigkeiten tritt auch das Phänomen der Kleinteiligkeit. Der Mensch bleibt eben trotz immer stärkerer Vereinnahmung durch globale Strukturen letztlich Mensch, der in seiner kleinen Welt von Haus, Viertel und Dorf lebt. Dort hat er seine Wirkmöglichkeiten, er ist derjenige, der Einfluss auf Entwicklungen nehmen kann, der seine kleine Welt gestalten kann. In diesem eng umschriebenen Raum gibt es sie noch, die individuelle Entscheidungsmöglichkeit, das Unmittelbare. Und machen wir uns nichts vor, die meisten Menschen leben in dieser Welt und nicht in der „Großen“. Hier können sie angesprochen werden, motiviert werden zum Umdenken. Hier müssen wir uns den Herausforderungen regionaler und sehr spezifischer Interessen zuwenden bis hin zu Partikularlösungen. Grassrootarbeit vor Ort ist gefragt! Sind wir da tatsächlich schon so weit, dass wir uns in Ruhe zurücklehnen können? Sind die Menschen genügend informiert und motiviert? Brauchen wir mehr Energie-Streetworker? Wie sollen sich dezentrale Energieversorgungslösungen durchsetzen, wenn nicht die „dezentralen“ Akteure mit an Bord sind?

Da wundert es nicht, wenn auf große Lösungen gesetzt wird, und im Grunde genommen die lineare Fortschreibung der industriellen Entwicklung mit anderen Mitteln betrieben wird. Erfolgsmeldungen bewegen sich in den 100er bis 1000er MW-Investitionen im Solar- und Windbereich. Selbstverständlich benötigen wir zur Kompensation der fossilen Großkraftwerke die Großtechnologien gerade auch in unserer Industriegesellschaft. Aber was kommt dann bei den Verbrauchern an? Der empfindet die Energiewende dann als reine Bürde in Form von steigenden Stromkosten. Wir werden aber in unserer Demokratie Mehrheiten benötigen, um die gewaltigen Veränderungen im Energiesektor gesellschaftlich auch konsensfähig gestalten zu können. Wir sprechen nicht zuletzt von der Großen Transformation. Die Herausforderungen bewegen sich schließlich nicht „nur“ auf den Energiesektor, sondern betreffen viele wenn nicht sogar alle Bereiche unserer kulturellen Entwicklung, die in einer „Bewegung zur Nachhaltigkeit“ münden müssen wenn wir unsere Überlebensfähigkeit sichern wollen.

Perspektivwechsel: in Santiago de Chile wird, unterstützt durch das DAAD Programm „Praxispartnerschaften“, ein Masterstudiengang zum Klimaschutz und Nachhaltigkeit entwickelt. Gemeinsam mit Wissenschaftlern, Politikern und Unternehmern soll ein Ausbildungsgang geschaffen werden, in dem die Studierenden befähigt werden, die Große Transformation zu gestalten. Sie sollen als sogenannte Change Agents Menschen motivieren können, regionale Anforderungen der Kommunen (Versorgung mit erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und nachhaltige Entwicklung) beraten, Unternehmensstrategien zu Energieeffizienz entwickeln und letztlich den Brückenschlag zwischen Wissenschaft, Unternehmen und Gesellschaft herstellen. Eine gewaltige Herausforderung, die umso schwieriger erscheint, wenn man in die Vororte und Favelas der großen Städte der ärmeren Länder geht. Als Mitglied einer Unternehmerdelegation konnte ich in diesem Herbst in Peru und Chile hautnah die Probleme spüren, wie sie in vielen Ländern der Dritten Welt vorherrschen. Auch dort werden sich die Großtechnologien durchsetzen, auch wenn breite Teile der Bevölkerung in keiner Weise beteiligt werden. Kann das auf Dauer gut gehen? Besteht nicht auch und gerade dort die Notwendigkeit, mehr Menschen in dieser Entwicklung eines neuen Energiezeitalters mit zu nehmen? Wie können Menschen, die in größter Armut leben zum Mitmachen bewegt werden und von der Energieneuzeit profitieren?

Mir scheint ein wachsendes Bedürfnis für mehr Beteiligung zu wachsen, und zwar nicht nur in Form von finanzieller Beteiligung sondern im Sinne von mehr Nähe zum Geschehen, mehr Wissen über die Entwicklung, mehr Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten und mehr Einflussnahme auf die Entwicklung. Es ist offensichtlich, wir benötigen beides, Grassroots und Großtechnologie.

Und vergessen wir zum Schluss nicht, wie es Bertold Brecht verkürzt gesagt hat: „Zuerst kommt das Fressen“. Wenn es uns nicht gelingt, Hunger und Armut in der Welt zu bekämpfen, wird die globale Energiewende daran scheitern. Es ist immer wieder daran zu erinnern, dass wir die Energiewende – auch in Deutschland - mit den Zielen der 17 Nachhaltigkeitskriterien der Weltgemeinschaft verknüpfen müssen.

Prof. Piorr lehrt seit 2000 an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz. Gemeinsam mit der Beuth Hochschule für Technik in Berlin richtet er jährlich die Master Class for Renewable Energies aus, die mit dem Landeslehrpreis ausgezeichnet wurde.




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