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Nachgefragt
23. März 2016

„Chinesische Module aus Europa“

Die EU-Antidumpingzölle gegen importierte Solarmodule aus China gelten noch bis März 2017. Chinesische Hersteller fertigen derweil auch in Europa. Patric Kahl, Chef der Online-Handelsplattform Solartraders, erklärt, warum die Strafzölle auch ein Nachteil für die deutsche Solarbranche und Kunden sind.

Patric Kahl, Chef der Online-Handelsplattform Solartraders, erklärt, warum die Strafzölle auch ein Nachteil für die deutsche Solarbranche und deren Kunden sind. (Foto: Patric Kahl)
Patric Kahl, Chef der Online-Handelsplattform Solartraders, erklärt, warum die Strafzölle auch ein Nachteil für die deutsche Solarbranche und deren Kunden sind. (Foto: Patric Kahl)

23.03.2016 – Der chinesische Solarkonzern Trina Solar baut künftig europäische Module. Das Unternehmen hat den insolventen Hersteller Solland Solar aus den Niederlanden gekauft – und muss nun keine EU-Zölle mehr zahlen.

Herr Kahl, werden weitere chinesische Hersteller folgen und so den Mindestimportpreis (MIP) umgehen?

Patric Kahl: Wenn sich hierzulande oder in der EU die Möglichkeiten ergeben, eine Produktionsanlage zu kaufen, macht eine Übernahme für asiatische und insbesondere chinesische Konzerne durchaus Sinn. Nichtsdestotrotz verliert der EU-Markt für Photovoltaik immer mehr an Attraktivität: Die großen PV-Anlagen werden nicht mehr auf dem europäischen Kontinent errichtet.

Seitdem das EU-Verfahren gegen Anti-Dumpingzölle läuft, haben mehrere chinesische Modulhersteller bereits Fertigungen im asiatischen Ausland eröffnet. Nun fertigen Sie auch in Europa.

Ja, einige Hersteller haben diesen Schritt bereits vollzogen und sind umgesiedelt. Die Produktionsstätten wurden nach Asien, aber auch nach Afrika, in die Türkei oder Polen verlegt, neu aufgemacht oder eben wie bei Trina übernommen. Vor allem haben sich relativ neue Hersteller aus den asiatischen Ländern in der EU um Absatz bemüht. Wirkliche Vertriebsstrukturen bestehen jedoch meist nicht. Das heißt, der Vertrieb wird mehrheitlich aus China organisiert. Hier sitzen auch die Entscheider. Die meist neuen Player aus Taiwan oder Malaysia stammen von chinesischen Unternehmen ab. Seit kurzem werden diese Hersteller beim Import gesondert überwacht, da hier immer wieder eine Umgehung des MIP vermutet wird.

Welche Preisentwicklung bei Modulen erwarten Sie?

Kurz- und mittelfristig sollte sich das Preisgefüge nicht entscheidend ändern. Solange die Rohstoffpreise stabil bleiben, gibt es erstmal keine Gründe, warum sich die Preise bewegen sollten. Deshalb beobachten wir seit Monaten relativ stabile Verkaufspreise für die Module.

Wie stark sind die Preisunterschiede bei den Modulen in den von Ihnen unterschiedenen Regionen EU, Asien und China?

Auch wenn der Lohnanteil von Solarmodulen nur rund vier bis fünf Prozent ausmacht, sind die chinesischen Module immer noch die günstigsten auf dem Weltmarkt. Innerhalb der EU sind die Asiaten günstiger, weil sie noch nicht dem MIP unterliegen. Die europäischen Hersteller befinden sich zusammen mit den Premiummarken aus Asien im oberen Preissegment.

Die Anti-Dumpingzölle verteuern auch die Module für Solarprojekte in Deutschland. Welchen Preisaufschlag müssen Projektierer bezahlen? Was heißt das für den Solarstromkunden?

Für Projektierer und den privaten Endkunden bedeuten teurere Solarmodule steigende Systemkosten. Höhere Investitionskosten verlängern die Dauer, bis die Investition wieder amortisiert ist. Dies wird in Deutschland durch die sinkende EEG-Vergütung verstärkt. Dadurch wirken zwei Effekte negativ auf die Rentabilität von Solaranlagen – und somit auf die Nachfrage. Solarteure müssen wesentlich besser argumentieren vorbringen und genauer rechnen, um einen Auftrag vom Kunden zu erhalten. Die nicht plausible Versteuerung von Eigenverbrauch erschwert die Argumentation und verringert die Rendite abermals. Ohne günstigere und fallende Systempreise wird der Zubau der Photovoltaik in Deutschland und der EU weiterhin stocken.

Was bedeutet der Mindestimportpreis für die Preise in Deutschland?

Durch den MIP kosten chinesische Module rund 20 Prozent mehr als ohne. Sicherlich gehören zu einer Solaranlage auch das Untergestell, die Wechselrichter und die Montageleistung. Dennoch sind die Module der größte Kostenfaktor und wirken sich somit unmittelbar auf die Nachfrage aus. Für Projektierer, die Premiummarken verbauen, und nicht auf billige Asiaten ausweichen, erhöht der MIP die Kosten deutlich. Ferner sind einige große und bekannte Hersteller aus China de facto aus dem EU-Markt verschwunden. Die Exporte in die EU sind stark zurückgegangen, der europäische Markt unattraktiv geworden. Viele bekannte Modulserien sind schwer zu bekommen. Dabei bauen die chinesischen Hersteller ihre Produktionskapazitäten aus. Dem Weltmarkt geht es nicht schlecht. Nur spielt die Musik nun primär in Asien und Nordamerika. Vertriebsstrukturen von großen Herstellern wie bspw. Canadian Solar oder Yingli wurden teilweise aufgegeben oder massiv zurückgefahren.

Was bedeutet das für den Solarzubau hierzulande?

Der deutliche Einbruch der jährlichen Zubauzahlen im Jahresvergleich belegt, dass es schwieriger geworden ist. Die Zahlen: minus 57 Prozent im Jahr 2013, minus 42 Prozent 2014 und rund 30 Prozent weniger im vergangenen Jahr. Obwohl neu errichtete PV-Anlagen die Erträge durch Einspeisung von Strom ins Netz und durch Eigenverbrauch grundsätzlich erwirtschaften können.

Durch den geringeren Zubau sind auch viele Jobs in der Solarwirtschaft weggefallen...

Das stimmt. Ganz allgemein schrumpft die PV-Branche in Deutschland rapide. Der Stand der Beschäftigung von heute gleicht dem in 2007. Dabei schafft die Branche nicht nur Arbeitsplätze in Asien, wie oft vermutet wird. In 2014 waren noch rund 50.000 Menschen in Deutschland beschäftigt. Die hiesige PV-Industrie erreichte eine Exportquote von gut 65 Prozent. Der relativ hohe Wert ergab sich durch Unternehmen, die Materialien für Wafer wie Silizium, Kunststofffolien oder Glas herstellen. Ebenso gibt es Hersteller von Zwischenprodukten wie Zellen, Module, Wechselrichter oder Kabel. Der Anlagenbau von Maschinen für die Produktion gehört auch dazu. Immerhin fertigen die meisten asiatischen Hersteller auf deutschen Maschinen. Letztendlich muss auch das Handwerk betrachtet werden. Obwohl hier wahrscheinlich mit die meisten Arbeitsplätze weggefallen sind.

Welche Wertschöpfung entgeht den Unternehmen in der EU durch die Strafzölle?

Gut 80 Prozent der installierten Module stammen aus Asien. Die Solarmodule wiederum machen rund 60 Prozent der Kosten für ein Solarkraftwerk aus. Die restlichen Kosten entfallen auf Wechselrichter, Unterbaugestelle und Montage. Aber auch wenn die meisten Module importiert werden, verbleibt rund 70 Prozent der Einspeisevergütung innerhalb Deutschlands. Und damit der größte Teil der Wertschöpfung.

Das Interview führte Niels H. Petersen.


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