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Nachgefragt
02. Mai 2016

Das Lebensmittelsystem ganzheitlich angehen

Am 22. April wurde aus der Zivilgesellschaft heraus der Berliner Ernährungsrat gegründet, nach dem Kölner bereits der zweite seiner Art in Deutschland. Eine Mitorganisatorin erklärt, warum die Hauptstadtregion so eine Plattform nötig hat und wo im Lebensmittelbereich Energie gespart werden kann.


02.05.2016 – Christine Pohl (38) hat bei der Organisation Inkota den Gründungsprozess des Ernährungsrates koordiniert und ist nun eine seiner SprecherInnen.

Frau Pohl, vergangene Woche fand die Gründungsveranstaltung des Berliner Ernährungsrates statt. Wie war es?

Es war sehr gut. Ungefähr 150 Menschen kamen. Das Interesse in der Region ist groß. Es gab eine spannende Podiumsdiskussion, vor allem aber haben wir den SprecherInnen-Kreis gewählt, der den Ernährungsrat inhaltlich lenken und nach außen repräsentieren soll. Es hatten sich 23 hoch qualifizierte KandidatInnen aufgestellt und alle Anwesenden durften abstimmen. Nun haben wir 12 SprecherInnen aus verschiedenen Bereichen des Lebensmittelsystems, es ist eine sehr gute Zusammensetzung.

Wer hat den Ernährungsrat gegründet, und wozu?

Das ist ein breites Bündnis, das regionale Akteure aller Art umfasst: Erzeuger aus dem Umland, Stadtgärtner, Lebensmittelhändler, Lebensmittelhandwerk, Gastronomie, Wissenschaftler, Vertreter von Verbänden und Vereinen, Bildungseinrichtungen. Auch Verbraucher gehören dazu. Ziel ist, den zukunftsfähigen Wandel des Lebensmittelsystems voranzutreiben. Der Ernährungsrat soll als Plattform dienen, wo gemeinsame Ziele, Strategien, Forderungen und Aktionen entwickelt werden.

Warum ist so etwas nötig?

Weil es bisher auf kommunaler Ebene kaum eine Beschäftigung mit dem Thema Ernährung gibt. Es herrscht im Grunde die Annahme vor: Ernährung = Landwirtschaft. Die Verantwortung für Landwirtschaft wurde aber von Berlin per Staatsvertrag an Brandenburg ausgelagert. Es gibt zwar in mehreren Senatsverwaltungen Verantwortlichkeiten im Bereich Ernährung, aber niemanden, der für das Thema als Ganzes zuständig ist. Das muss ganzheitlich angegangen werden.

Was ist so schlimm, oder so verbesserungsbedürftig am Nahrungssystem der Hauptstadtregion?

Wir haben momentan ein Ernährungssystem, das sowohl weltweit als auch hier in der Region Menschen, Tieren und der restlichen Umwelt schadet. Es führt weltweit zu Ausbeutung und der Verletzung von Menschenrechten. Auch in der Region können Erzeuger kaum existenzsichernde Einkommen erzielen. In Berlin gibt es zwar eine hohe Nachfrage nach regionalen und ökologischen Produkten, Brandenburg ist aber industriell geprägt. Da ist viel für den Export vorgesehen. Kleine Erzeuger, die für die Region produzieren wollen, können nur schwer Fuß fassen, unter anderem weil die Bodenpreise so hoch sind. Zudem basiert die industrielle Tierhaltung auf Futtermittelimporten aus Südamerika, wofür dort große Sojamonokulturen aufgebaut werden. Hier wird die Gülle ins Wasser gekippt, ebenso wie Antibiotika, die somit letztendlich in die Nahrungskette gelangen. Zum Schluss werden unsere Schlachtabfälle in andere Länder exportiert, wo sie die Märkte zerstören.

Welches Energie-Einsparpotenzial gibt es bei verstärkt regionalem Lebensmittelkonsum, gerade auch in der Region Berlin?

Wir haben bisher erst eine grundlegende Vision erarbeitet, noch keine konkreten Einsparpotenziale. Allgemein gilt aber: Regionale Kreisläufe sparen Energie im Transportbereich. Durch direkteren Kontakt zwischen Produzenten und Verbrauchern kann Energie eingespart werden, die bei der Lagerung und Verpackung von Lebensmitteln sowie in der Kühlkette anfällt. Wir wollen auch darauf achten, dass bei der Lebensmittelerzeugung möglichst kein Kunstdünger verwendet wird, denn dessen Herstellung benötigt sehr viel Energie.

Der Gründung des Ernährungsrates ging ein ungefähr einjähriger Vorbereitungsprozess voraus. Hat sich der Berliner Senat beteiligt?

Es gab Gespräche. Die Verbraucherschutz-Staatssekretärin Sabine Toepfer-Kataw setzt sich dafür ein, das Ernährungssystem als ein Ganzes zu betrachten. Sie hat einen „Rat für gutes Essen“ angeregt. Dort sollen Politik, Industrie und Zivilgesellschaft zusammenkommen. Das läuft aber eher schleppend. Wir waren da schon bei Treffen, wir werden als die Stimme der Zivilgesellschaft angesehen. Beide Gremien unterstützen sich gegenseitig ideell. Frau Toepfer-Kataw hat auch im Oktober den Mailand-Pakt für Städtische Nahrungsmittelpolitik unterzeichnet, in dem Berlin sich zur Schaffung eines nachhaltigen und gerechten Ernährungssystems verpflichtet hat.

Was ist das für ein Pakt? Wer hat ihn unterzeichnet?

Den haben 120 Städte aus aller Welt unterzeichnet, sowohl aus Industrieländern als auch aus Entwicklungs- und Schwellenländern. In Deutschland waren das nur Frankfurt, Köln und Berlin. Der Pakt ist relativ kurz, hat aber einen nicht verpflichtenden Anhang, der sehr detaillierte und zum Teil sehr gute Vorschläge für das Ernährungssystems macht.

Sie schrieben in der Einladung zur Berliner Gründungsveranstaltung, dass es in den USA, in Kanada und Großbritannien schon lange Ernährungsräte gibt. Wann und wie kam es dazu?

Als Erster gilt der von Knoxville, USA, der 1982 eingerichtet wurde, weil es dort engagierte Menschen gab, die ihr lokales Ernährungssystem ungerecht fanden. Es ging wohl vor allem darum, dass es in ganzen Stadtteilen keine Einkaufsmöglichkeit oder kein gesundes Essen mehr gab. Es gibt nun weit über 100 Ernährungsräte in den USA, Kanada und Großbritannien. Sie haben sehr unterschiedliche, weil lokale Schwerpunkte. Das zeigt, dass der große politische Rahmen auf Landes-, Bundes- oder gar EU-Ebene lokalen oder regionalen Problemen nicht gerecht werden kann. Manche Ernährungsräte bemühen sich um eine gute Stadt-Land-Beziehung, um regionale Erzeuger, andere kümmern sich eher um den Aspekt der sozialen Gerechtigkeit innerhalb der Stadt, und wieder andere berücksichtigen stärker Umweltbelange. Viele sind rein zivilgesellschaftlich, also unabhängig und unbürokratisch, so wie wir – andere sind als Beiräte der Verwaltungen eingerichtet, was zu Einschränkungen führen kann, aber auch zu ganz anderen Möglichkeiten. Und es gibt Mischformen.

Das Interview führte Ralf Hutter.


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