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Nachgefragt
07. November 2019

„Ein stärker vernetztes Europa als Lernlabor für die Energiewende“

Welche Rolle spielt eine stärkere Vernetzung der Energiewende in Europa, sei es über Infrastruktur, Gesetzgebung oder Austausch? Macht eine solche Vernetzung Sinn oder steht sie eher im Widerspruch zu mehr Dezentralität? Im Interview nimmt Matthias Buck von Agora Energiewende dazu Stellung.

Matthias Buck, Leiter Europäische Energiepolitik bei Agora Energiewende

Matthias Buck, Leiter Europäische Energiepolitik bei Agora Energiewende
Matthias Buck, Leiter Europäische Energiepolitik bei Agora Energiewende
Foto: © Agora Energiewende

07.11.2019 – In Paris wurde das Klimaabkommen vereinbart. Wo aber steht Europa aktuell mit seinen Klimazielen? Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Vernetzung der EU-Staaten.

Herr Buck, wie wichtig sind angesichts des steigenden Anteils erneuerbaren Stroms in Europa grenzüberschreitende Stromnetze zwischen den EU-Mitgliedsländern? Sollten diese weiter ausgebaut bzw. aufgerüstet werden?

Das derzeitige EU Ziel für den Ausbau der Erneuerbaren Energien bedeutet, dass der Anteil des erneuerbar hergestellten Stroms bis 2030 auf mindestens 60 Prozent im Jahresdurchschnitt steigen wird. Bei Klimaneutralität bis 2050, wie sie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen anstrebt, liegen wir noch höher. Ein wichtiger Hebel, um dies möglichst wirtschaftlich hinzubekommen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, liegt in einer Verstärkung bzw. einem Ausbau der Interkonnektoren, also der Stromleitungen, die zwei Länder miteinander verbinden. Wenn in Deutschland zum Beispiel gerade Windflaute herrscht, können wir Wasserkraftstrom aus den Alpenländern importieren. Wenn dagegen in Frankreich Knappheit bei der Stromerzeugung herrscht, unsere Windräder aber auf Hochtouren laufen, können wir Strom an unsere französischen Nachbarn exportieren. Bis 2020 muss jeder Mitgliedsstaat laut EU-Vorgaben in der Lage sein, zehn Prozent seiner Stromproduktionskapazität über die Landesgrenze zu transportieren, bis zum Jahr 2030 dann 15 Prozent. Deutschland ist aufgrund seiner zentralen geografischen Lage eine Art Drehscheibe für Strom aus anderen EU-Ländern und ist bereits vergleichsweise gut mit Interkonnektoren ausgerüstet. Doch klemmt es beispielsweise an Interkonnektoren zwischen Frankreich und Spanien, was dazu führt, dass Spanien nicht mehr Solarstrom exportieren kann.

Doch stößt sich dies nicht mit mehr Dezentralität? Mehrere Studien kommen ja zu dem Ergebnis, dass auf regionaler und lokaler Ebene eine autarke Versorgung rechnerisch meist möglich ist? Brauchen wir also wirklich einen verstärkten Strombinnenmarkt?

Auch wenn unser Energiesystem zunehmend dezentraler wird und sich Regionen, Städte oder Haushalte weitgehend selbst versorgen, sind diese Teil eines Versorgungssystems und im Regelfall nicht völlig autark. Und je größer das Stromnetz ist, umso besser können Erzeugungsschwankungen ausgeglichen werden. Nehmen Sie das Beispiel Rumänien: Dort fluktuierte die Stromerzeugung aus Windkraft in 2018 um durchschnittlich 47 Prozent von einer Stunde zur nächsten. Im europäischen Stromverbund liegt dieser Wert bei nur sechs Prozent. Das heißt, Investitionen in den Netzausbau erhöhen die Versorgungssicherheit und vermindern den Bedarf an Backup-Kraftwerken.

Sprich, dezentrale erneuerbare Versorgung und ein stärkerer – europäischer - Stromverbund sind kein Widerspruch?

Nein, aus meiner Sicht nicht. Wenn Sie sich beispielsweise neue Geschäftsmodelle wie virtuelle „Energie-Communities“ ansehen, sind die trotzdem meist netzgestützt. Prosumer, Eigenverbrauch und dezentrale Konzepte sowie Investitionen in intelligente Verteilnetze, Übertragungsnetze und grenzüberschreitende Leitungen gehen Hand in Hand und sind angesichts des wachsenden Anteils erneuerbaren Stroms sinnvoll.

Fördern die Vorgaben der EU auch die Sektorenkopplung, beispielsweise die Nutzung von überschüssigem Windstrom als Wasserstoff oder grünes Gas für den Verkehr, Industrie oder die Wärmeversorgung? Ist dies auch Teil des Clean Energy Package der EU?

Im Clean Energy Package steht nur wenig zur Sektorenkopplung, das ist die nächste große Baustelle. Auch in der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU gibt es bisher kein europäisches Konzept für Sektorenkopplung. Regulatorisch liegt das Problem im Wesentlichen auf nationaler Ebene, bei den falschen Preissignalen zwischen den verschiedenen Energieträgern Strom, Öl, Kohle und Gas. Mit staatlich induzierten Preisaufschlägen belasteter erneuerbarer Strom muss gegen niedrigpreisige fossile Energien ankämpfen.

Hier möchten ja nationale C02-Steuern und -abgaben gegensteuern. Doch sollte nicht Brüssel aktiver sein, sei es über eine Ausweitung des europäischen Emissionshandels oder über eine Besteuerung?

Ja, ich gehe davon aus, dass Brüssel in diese Richtung gehen wird. Den Emissionshandel gibt es ja schon, ebenso eine EU-Richtlinie zur Energiebesteuerung. Um bei der Energiebesteuerung europäisch voranzukommen, braucht es jedoch Einstimmigkeit unter den Mitgliedsstaaten. Die Diskussion über eine CO2-Bepreisung außerhalb des Emissionshandels wird deshalb derzeit vor allem national geführt und es gibt ja auch schon etliche Länder, die vorangegangen sind und eine C02-Steuer eingeführt haben, beispielsweise Frankreich, Schweden, die Niederlande und Großbritannien.

Brauchen wie also Koalitionen der Fortschrittlichen in Europa, welche zeigen, was möglich ist, und so andere EU-Mitgliedsländer vor sich hertreiben?

Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt. Neben regionalen Initiativen bei der CO2 Bepreisung liegt auch im Austausch von Know-how ein großes Potenzial. Ein Beispiel hierfür ist, dass Tschechien nun eine Kohlekommission nach dem Vorbild Deutschlands eingesetzt hat. Ich sehe dies als ein sehr positives Signal, denn es muss ja darum gehen, dass wir bis 2030 von der Kohle wegkommen in Europa. Und da kommen vor Ort immer dieselben Fragen, wie der Strukturwandel, die Versorgungssicherheit, die Einbindung der Gewerkschaften oder Fördermittel. Auch die EU-Kommission unterstützt den Dialog zu Kohleausstiegen über die Plattform „Coal Regions in Transmission“. Sie bietet ein Forum für 41 „high coal regions“ und ermöglicht Entscheidern und Stakeholdern aus den Regionen sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Ein stärker vernetztes Europa als Lernlabor für die Energiewende halte ich für enorm wichtig.

Um somit auch eine bürgernahe Energiewende in Europa nach vorne zu bringen?

Nehmen Sie nochmals das große europäische Legislativpaket „Clean Energy Package“, welches ja neben Prosumern auch Erzeugungsgemeinschaften und -genossenschaften von Erneuerbaren Energien voranbringen will. In föderal geprägten Ländern wie Deutschland, Österreich oder Dänemark mögen die neuen Rechte für Erneuerbare Energien-Gemeinschaften nichts Besonderes sein. Doch für andere, eher zentralistisch gesteuerte Länder wie Bulgarien, Rumänien oder Frankreich ist dies eine Art Revolution.

Nochmals zur stärkeren grenzüberschreitenden Verknüpfung der Infrastruktur: Welche Rolle spielen hier Gasnetze als Transportachsen für mehr grünes Gas in Europa?

Es ist auf jeden Fall wichtig, eine integrierte Energieinfrastruktur im Blick zu haben, also neben dem Strom auch Gas mitzudenken. Allerdings sind die Gasnetze in Europa bereits weitestgehend verknüpft und ausgebaut, weil hier in den vergangenen Jahren sehr viel investiert wurde, auch in LNG-Terminals, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und die Abhängigkeit von Russland zu verringern. Nun stehen wir vor der Aufgabe, die Gasnetze zu ertüchtigen, um mehr synthetisches Gas, das mit Wind- und Solarstrom produziert wird, ins Netz zu bekommen. Brüssel hat dies auf dem Schirm und bereitet derzeit ein Gaspaket vor. Wir als Agora haben eine EU-weite verpflichtende Beimischungsquote von mindestens 10 Prozent grünem Gas bis 2030 vorgeschlagen.

Herr Buck, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein.


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