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Nachgefragt
17. November 2020

“Energiegemeinschaften Finanzierung erleichtern“

REScoop steht für Renewable Energy Sources Cooperatives. Unter diesem Namen agiert der europäische Verband für Bürgerenergiegenossenschaften. Der Präsident des Verbandes Dirk Vansintjan hat ein klares Ziel: Eine Energiewende, die zu einer Demokratisierung der europäischen Energieversorgung führt. Welchen Blick hat er aktuell auf die Energie in Bürgerhand?

Dirk Vansintjan ist Gründungsmitglied von Ecopower, einer Energiegenossenschaft mit aktuell fast 60.000 Mitgliedern. Neben seiner Tätigkeit als Präsident von REScoop engagiert sich Vansintjan in diversen Projekten auf europäischer Ebene.

Dirk Vansintjan ist Gründungsmitglied von Ecopower, einer Energiegenossenschaft mit aktuell fast 60.000 Mitgliedern. Neben seiner Tätigkeit als Präsident von REScoop engagiert sich Vansintjan in diversen Projekten auf europäischer Ebene.
Dirk Vansintjan, Präsident REScoop
Foto: REScoop.eu

Herr Vansintjan, welche europäischen Länder haben für die Bürgerenergie gute Rahmenbedingungen geschaffen?

Da möchte ich zwei Länder beispielhaft nennen. In Irland wurde ein eigenes Fördersegment für Energiegenossenschaften geschaffen, so dass die Kooperativen nicht mit anderen großen Projektierern konkurrieren müssen. Das Reglement stellt sicher, dass die Projekte tatsächlich von lokalen Gemeinschaften betrieben werden. Wenn die Genossenschaft an einer Ausschreibung für Gemeinschaftsprojekte teilnimmt, muss sie keine Erfüllungsgarantie leisten.

In Griechenland verabschiedete das Parlament im Januar 2018 das erste nationale Gesetz in Europa zur Gemeinschaftsenergie. Dieses Gesetz definiert Energiegemeinschaften, ihre Gründungsbedingungen und die Regeln für die Gewinnverteilung. Es sieht Ausnahmen von der Teilnahme an Ausschreibungen vor. So haben Energiegemeinschaften als nichtkommerzielle, kleine, lokale Marktakteure in Ausschreibungsvergaben keine Nachteile.

Ist der Anteilserwerb an großen Projekten weit verbreitet?

Ja, dieses Instrument nutzen mittlerweile viele Länder und Regionen. Dabei müssen alle neuen kommerziellen Windkraft­ und Photovoltaikprojekte den Anwohnern die Möglichkeit bieten, Anteile zu erwerben. In den Niederlanden beispielsweise sollen 50 Prozent jedes neuen Wind­ oder Solarprojektes den lokalen Gemeinschaften angeboten werden. Die Kommunen übernehmen dabei eine wichtige Rolle bei der Koordinierung. Die Zahl der Genossenschaften ist in den letzten Jahren in den Niederlanden beachtlich gestiegen.

Welche Länder machen es kompliziert oder legen sogar Steine in den Weg der Bürgerenergie?

Die Entwicklung von Genossenschaften für Erneuerbare Energien hat sich vor allem dort verlangsamt, wo der Fokus auf marktorientierten Mechanismen wie Ausschreibungen liegt. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass dadurch kleinere Marktaktteure verdrängt werden. In Deutschland beispielsweise war das mit der Einführung der Ausschreibungen für Windkraftprojekte deutlich zu sehen. Aber es gibt auch Mitgliedsstaaten, in denen es noch gar keine Formen von Energiegemeinschaften gibt. In einigen Fällen werden nationale Definitionen und Rahmenbedingungen geschaffen, die wenig oder gar keinen Kontext haben. Hier besteht die Gefahr des Missbrauchs der Konzepte durch große Marktakteure.

Genießt die Bürgerenergie in der EU den nötigen Stellenwert?

REScoop.eu begrüßt das EU­Paket für saubere Energie (CEP), das Ende 2019 verabschiedet wurde. Zum ersten Mal wurden aktive Energiebürger und ­gemeinschaften als Akteure auf dem europäischen Energiemarkt anerkannt und unterstützt. Die europäischen Mitgliedstaaten müssen nun die Bestimmungen der Richtlinie über Erneuerbare Energien bis zum 30. Juni 2021 und die Bestimmungen der Elektrizitätsbinnenmarktrichtlinie bis zum 31. Dezember 2020 in nationales Recht umsetzen. Trotz der Corona­Krise arbeiten die meisten Länder derzeit an ihrer Umsetzung. Viele Länder sind jedoch weit vom Ziel entfernt. Gegenwärtig erhalten wir viele Fragen, wie Energiegemeinschaften zu definieren sind, welche Aktivitäten sie unternehmen und wie sie reguliert werden sollen.

Was sind die nächsten Schritte, um Bürgerenergie in Europa zu stärken?

Die Mitgliedsstaaten arbeiten derzeit an den Definitionen von Erneuerbaren­Energie­Gemeinschaften und Bürger-Energie­Gemeinschaften in ihren nationalen Gesetzen. Wenn es richtig gemacht wird, können Bürger aktive Teilnehmer und Eigentümer der Energiewende werden und lokale Energieprojekte in ganz Europa florieren. Die Gestaltung geeigneter Rahmenbedingungen in allen europäischen Mitgliedsstaaten ist entscheidend für die Förderung von Gemeinschaftsenergie in ganz Europa. Auf der Hausaufgabenliste der EU steht aber auch, den Gemeinschaften den Zugang zu größeren Finanzierungsquellen zu erleichtern. Hier seien beispielhaft der Europäische Fonds für strategische Investitionen (EFSI) und Darlehen oder Garantien der Europäischen Investitionsbank genannt.

Warum ist Energie in den Händen der Bürger gerechter als ein zentralisiertes Energiesystem?

Da die Bürgerinnen und Bürger für den Übergang zu einem nachhaltigeren Energiesystem bezahlen werden, ist es nur fair, dass sie sich aktiv beteiligen. Darüber hinaus erhöht die direkte Bürgerbeteiligung die gesellschaftliche Akzeptanz. Dies wird entscheidend sein, wenn Anlagen näher an die Menschen herankommen. Schließlich fördern Energiegemeinschaften aufgrund ihres integrativen Charakters und ihrer Neigung, einen Teil ihrer Einnahmen wieder in ihre eigene Gemeinschaft zu reinvestieren, die Solidarität. Viele Gemeinschaften tragen auch dazu bei, die Energiearmut vor Ort zu beenden.

Das Interview führte Petra Franke.


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