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Nachgefragt
10. Dezember 2018

Fahrplan für die Umrüstung der Wärmenetze

Für die Einführung verbindlicher CO2-Werte pro beheizter Wohnfläche plädiert Kai Hufendiek, Leiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart. Er spricht sich zudem für die Umrüstung der Wärmenetze und mehr Wärmepumpeneinsatz aus.

Kai Hufendiek, Leiter Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, Uni Stuttgart

Kai Hufendiek, Leiter Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, Uni Stuttgart
Foto: © IER

11.12.2018 –  Neben der Stromwende rückt ja mittlerweile auch die Wärmewende immer mehr in den Fokus der politischen Diskussion.

Herr Hufendiek, warum tut sich denn trotzdem in der Praxis relativ wenig?

Ich habe den Eindruck, dass die Politik die Notwendigkeit der Wärmewende schon erkannt hat, aber dass dies in der Bevölkerung noch nicht so sehr wahrgenommen wird. Energiewende wird meist mit Strom verbunden und dann ist das vom Einzelnen meist eher weit weg. Die unmittelbare Betroffenheit des Einzelnen ist jedoch viel höher, weil wir üblicherweise viel mehr für Wärme bezahlen als für Strom.

Doch angesichts dessen, sollte sich ja gerade hier das Einsparen umso mehr lohnen?

Eigentlich ja, doch in vielen Fällen ist das Einsparen heute nicht wirtschaftlich.

Wo lohnt sich das Einsparen nicht?

Die energetische Gebäudesanierung ist in vielen Fällen nicht wirtschaftlich. Es geht nicht richtig vorwärts, weil sich die hohen Investitionen durch die Einsparungen nicht rechnen. Die hierdurch erzielbaren Emissionsminderungen sind kostengünstig im Vergleich zu anderen Maßnahmen. Aber sie führen zu Mehrkosten. Dazu kommt, dass die fossilen Energiekosten ja nicht richtig bepreist sind, im Strom sind die CO2-Emissionen durch den Emissionshandel schon eingepreist, bei der Wärme in der Regel nicht.

Also rechnen sich die Einsparungen aufgrund der vergleichsweise niedrigen Wärmepreise nicht?

Ja, aber auch weil die Gesamtbelastung viel höher ist. Bei der Wärme sind die Verbraucher viel mehr betroffen, es kommen in Summe viel höhere Kosten auf die Leute zu als bislang beim Strom.

Doch die Öl- und Gaspreise haben ja kräftig angezogen?

Das reicht jedoch als Anreiz noch nicht aus. Derzeit liegt ja Öl bei circa 80 Cent pro Liter, lokal vielleicht aufgrund der Versorgungsengpässe vorübergehend auch darüber. Das ist aber ein reiner Produktpreis, CO2-Kosten sind nicht eingepreist. Und zudem ist jedes Bauobjekt anders, es gibt sehr viele individuelle Gegebenheiten in punkto Wärme, dagegen sind PV-Anlagen eher standardisiert. Die energetische Sanierung ist vor allem im Bestand schwierig, im Neubaubereich sind die Standards schon recht hoch, dort kostet die Erhöhung der Energieeffizienz und der Einsatz von Erneuerbaren Energien relativ wenig, das große Problem liegt bei den 80 Prozent Bestandsbauten. Seit Jahren stagniert die energetische jährliche Sanierungsrate bei circa einem Prozent des Gebäudebestands. Ziel der Bundesregierung sind aber zwei Prozent, um die Klimaschutzziele zu erreichen.

Wäre die steuerliche Abschreibbarkeit nicht ein wichtiges Instrument um die Gebäudesanierung voranbringen?

Bei vermieteten Objekten gibt es die ja schon, Ausgaben für das Mietobjekt können abgeschrieben werden. Doch das Mieter-Vermieter Dilemma ist, dass zwar der Mieter nach einer energetischen Sanierung Kosten einspart, der Vermieter jedoch nicht direkt profitiert. Der Vermieter kann solche Investitionskosten zwar wälzen, aber am Ende trägt er das Risiko.  Zudem haben wir in vielen Großstädten einen immensen Anstieg der Wohnimmobilienpreise. Die Leute sind froh, wenn sie überhaupt eine Immobilie bekommen, egal wie gut diese energetisch dasteht. Der Anteil der Kosten, welchen die einzelnen Haushalte für Wohnen aufbringen, liegt nach aktuellen Veröffentlichungen in vielen Städten Deutschlands bei über 30 Prozent des verfügbaren Einkommens. Selbst unsanierte Wohnungen sind kostenmäßig oftmals schon an der Oberkante.

Welche Rolle spielt dann der Gebäudeenergieausweis faktisch?

In der Praxis spielt der kaum eine Rolle, aufgrund der Enge des Immobilienmarktes. Zudem ist das Handwerk extrem ausgelastet, dies führt dazu, dass Sanierungsarbeiten teilweise gar nicht ausgeführt werden können, weil man keine Handwerker bekommt.

Wie könnte man hier gegensteuern?

Dies wird in meinen Augen zu wenig untersucht und diskutiert. Es müsste darum gehen, dass dieser unsinnige Preisanstieg, wenn wir ihn schon nicht verhindern können, doch zumindest die energetischen Standards der Immobilien widerspiegelt.

Was könnte ein Ansatz sein?

Ich glaube, dass es helfen könnte, wenn spezifische CO2-Werte pro beheizter Wohnfläche verbindlich eingehalten werden müssten. Wir haben ja über die Energieeinspar-Verordnung Vorgaben, dass, wenn bestimmte Gebäudebauteile erneuert werden wie Fenster, Dach oder Fassaden, bestimmte Grenzwerte eingehalten werden müssen; doch dies reicht nicht aus, es fehlt ein übergreifender Ansatz zur Einsparung von CO2, der durch die Verbindlichkeit über der Zeitachse dann auch im Markt abbildet. In Baden-Württemberg beispielsweise haben wir das Erneuerbare-Wärme-Gesetz, wo Wohnungseigentümer nachweisen müssen, dass sie zu 15 Prozent erneuerbare Heizsysteme nutzen. Dabei wird jedoch auch der Einbau von Gasbrennwertkesseln anerkannt, wenn die Betreiber einen entsprechenden Anteil Biogas beimischen.

Ist denn letzteres nicht sinnvoll?

Für größere Mengen kann künftig die Nachfrage nach Biomethan im Gebäudebereich gar nicht bedient werden. Künftig brauchen wir auch Biotreibstoffe für andere Bereiche, in denen der Einsatz anderer Erneuerbarer Energien noch schwieriger ist, wie beispielsweise Hochtemperaturwärme in der Industrie oder Flugturbinentreibstoff. Wir haben auch schon andere, effizientere technische Möglichkeiten im Gebäudebereich wie beispielsweise Wärmepumpen zur Verfügung. Wenn wir jetzt neue Gasheizungen einbauen, zementieren wir aber die bisherige Struktur, weil solche neue Heizanlagen mindestens 30 Jahre Lebensdauer aufweisen – dann sind wir in 2050. Wärmepumpen im Bestand können jedoch nicht einfach als Austausch der Heizung realisiert werden. Hier muss zuvor einiges an den Gebäuden vorbereitet werden, wie zum Beispiel eine gute Wärmedämmung und andere Heizflächen. Dabei stoßen wir allerdings auch wieder auf das Grundproblem, dass die Wärmewende viel komplexer als die Stromwende ist: Wenn Eigentümer im Gebäudebereich die Vorarbeiten nicht geleistet haben, wenn der Austausch der Heizung ansteht, dann können sie den weiteren Schritt nicht machen und zum Beispiel auf eine Wärmepumpe übergehen, die sie im Hinblick auf die Nutzung von Erneuerbaren Energien erheblich voranbringen würde.

Die „All Electric Society“ wird jedoch sehr kontrovers diskutiert. Macht es denn nicht auch Sinn, künftig auch grünes Gas und Wärmenetze zu nutzen?

Bis 2050 sehen wir in unseren Untersuchungen, dass synthetisches Gas oder Power-to-X eine eher geringe Rolle spielen wird, weil andere Technologien kostengünstiger zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel Wärmepumpen und auch Wärmenetze. Bei Letzteren geht es erst einmal um Nachverdichtung, den Umbau auf niedrigere Temperaturen und dann auch um deren Ausbau.

Welche Rolle spielt denn die Kraft-Wärme-Kopplung?

Längerfristig wird auch eine KWK auf Erdgasbasis die spezifischen Anforderungen an die nötige CO2-Reduzierung nicht mehr erfüllen können. Wenn also heute beispielsweise Kohle-KWK durch Erdgas betriebene KWK ersetzt wird, ist die offene Frage, ob diese Anlagen wirklich noch 30 Jahre genutzt werden können, was bislang eine Mindesterwartung an solche Anlagen war. Wir sollten bereits heute in Richtung von CO2-freie Anlagen investieren, das heißt die Einbindung von Abwärmenutzung, Geothermie, Solarthermie und Großwärmepumpen. Wir sollten Fahrpläne entwickeln, wie wir die Wärmenetze entsprechend umrüsten können.

Ist dies nicht sehr anspruchsvoll?

Wir haben hier sehr heterogene Anforderungen, weil wir es mit sehr unterschiedlichen Strukturen zu tun haben. In den kleinen, oft neueren Wärmenetzen in ländlichen Regionen ist eine Umrüstung oft einfacher, weil wir hier bereits heute niedrigere Vorlauftemperaturen haben. Bei den älteren Fernwärmenetzen in den Ballungsgebieten ist eine Umrüstung oft schwieriger und mit dem Effizienzgewinn der Gebäude sinkt dann auch der Verbrauch. Dies ist schwierig für den Betreiber, weil er erhebliche Investitionen in den nächsten zehn Jahren tätigen muss, um dann eine gute Ausgangsbasis für die weitere positive Entwicklung zu haben.

Wodurch könnte denn die Umrüstung der Wärmenetze gestärkt werden?

Eine CO2-Bepreisung sektorenübergreifend für alle Emissionen wäre hier sicherlich hilfreich. Doch man muss sich darüber im Klaren sein, dass dies zuerst massive soziale Auswirkungen haben würde, vor allem bei Geringverdienern und Familien. Dies könnte nicht ohne eine größere Entlastung an anderer Stelle sozialverträglich erfolgen. Hier müsste die Politik deutlich gegensteuern.

Wenn also dieser große Wurf nicht gelingt, was könnte dann ein sinnvoller Zwischenschritt sein?

Wichtig wäre ein Instrument zu entwickeln, das sich im Immobilienmarkt abbildet wie über einen CO2-Wert pro Wohnungsfläche, der dann über die Zeitachse verschärft werden kann. Aber auch hier sind soziale Aspekte zu beachten, die wir bislang noch nicht ausreichend untersucht haben. Das sind für uns wichtige Aspekte, die wir im Kopernikus-Projekt ENavi vom Bundesforschungsministerium als großes interdisziplinäres Konsortium untersuchen wollen.

Welche Rolle spielt denn der Primärenergiefaktor?

Dieser bezieht sich auf die Energieeinspar-VO, doch die Werte führen zum Teil zu falschen Signalen, beispielsweise bei Erdgas-BHKWs. Deren Klimafreundlichkeit gegenüber elektrischen Lösungen wird im Vergleich zum Strommix von heute bewertet, obwohl ja der Strom immer emissionsärmer wird. Dann wird der Vorteil der gasgestützten Wärme immer geringer. Der Primärenergiefaktor müsste deshalb dringend flexibler und auch mit Blick auf die Zukunft angelegt sein. Meine Forderung geht in Richtung eines Emissionsfaktors, der den Vorteil hat, die Emissionen direkt zu senken und die Gebäudesanierung und den Heizungswechsel in einer Kennzahl miteinbezieht. Hierdurch erhielten auch Investoren höhere Freiheitsgrade. Allerdings müsste natürlich ein solcher CO2-Wert pro Wohnfläche auch sachgerecht festgelegt werden.

Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein.

Kai Hufendiek lehrt und forscht seit 2014 als Leiter des Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) an der Universität Stuttgart. Neben der ganzheitlichen Analyse und Bewertung von Energiesystemen und einzelner Energietechnologien hinsichtlich ihrer ökonomischen, technologischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen gehören auch Verfahren zur Auslegung und operativen Optimierung des Betriebs sowie der Markteinbindung von zentralen wie dezentralen Energiesystemen und die Energieeffizienz in Industrie und Gewerbe zu seinen Forschungsschwerpunkten. Hufendiek ist zudem koordinierender Vorstand des Forschungsverbunds Stuttgart Research Partnership for Integrated Systems Analysis on Energy (STRise) und Partner des Kopernikus-Projekts ENavi.


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